„ARD-Star geht auf Heidi Klum los!“ titelte die Bild gestern. Cordula Stratmann (Comedyshow „Schillerstraße“), Schauspielerin und ausgebildete Familientherapeutin, ist wütend: „Heidi Klum ist Gesicht und Seele einer kaltherzigen, ekelerregenden Produktion. Niemand braucht sich entsetzt zu fragen, wie Mobbing auf Schulhöfe oder ins Netz gelangt. Frau Klum ist die Trainerin in Gehässigkeit und Herablassung.“ Ein paar Tage zuvor lief auf Deutschlandradio die Talkshow-Sendung Lebenszeit, das Thema war Germanys Next Topmodel. Achim Hackenberg unterbricht ähnliche wütende Aussagen von Zuhörern, die bei der Sendung anrufen, wiederholt mit  dem Einwand, er müsse doch wirklich bitten, nicht zu übersehen, dass diese Show nur unsere Gesellschaft wiederspiegelt. Es wäre ja furchtbar, wenn wir ihr die Macht zubilligen würden, diese selber zu kreieren. Es sei der Konkurrenzdruck in der Gesellschaft, der hier aufgegriffen und deshalb auch begeistert beobachtet werde. Herr Hackenberg kennt sich aus: Er ist Pädagoge. Und Medienberater, tätig in der FSF, der freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen. Interesse also klar. Kulturwissenschaftlerin Miriam Stehling, die über Topmodel promoviert hat, unterstützt ihn: Es wird bei Topmodel ja auch soziales Verhalten trainiert. Durch die ausgetragenen Zickenkriege lernen Mädchen, wie man sich verhält, und wie nicht. Ah, wie gut, dass es Topmodel gibt! Strehle fährt fort: Studien bestätigen, dass sich erwachsene Frauen sehr gut von den Rollenanforderungen bei Topmodel abgrenzen können. Aha. Und hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Wieso genau schauen diese Damen dann die Sendung? Müssten erwachsene Frauen, die sich von dem Magerzwang und der Einschüchterung der Mädchen abgrenzen können, nicht eher vor Wut abschalten? Warum macht Ihnen das Beiwohnen von inszenierten Zickenkriegen und Demütigungen Spaß?

Und lieber Herr Hackenberg: Ja, unsere Gesellschaft ist hart. G8 produziert psychosomatisch gestörte Kinder am Fließband, wer nicht mitkommt, darf nicht sitzen bleiben, sondern fliegt raus. Wie bei Topmodel. Von einer Ferienbetreuung kamen meine Kinder mit der Frage zurück: „Was ist dieses Görmanies Näxt Topmoddel? Das haben die älteren Mädchen auf ihren Handys geschaut. Und viele redeten von abnehmen und fanden sich zu dick. Und haben ständig auf den Bildschirm gezeigt und gesagt: „So möchte ich auch aussehen!““ Und, Herr Hackenberg, sie meinen, das läge an G8? Der Angst vor der chinesischen Wirtschaftmacht? Dem harten Arbeitsmarkt da draußen? Und nicht z.B. an Abercrombie & Fitch, die nicht über Größe M verkaufen, weil sie nicht möchten, dass „uncoole“ Kinder ihre Kleidung tragen?

Hauen und Stechen und Ellenbogen zeigen müssen ist nicht neu. Trotz allem Leistungsdruck gab es sicherlich Zeiten, in denen Kinder eher Kind sein durften, als heute. Die ZEIT hat mit ihrem Dossier „Kauf, Kleine, kauf!“ den Nagel auf den Kopf getroffen: Der Markt für Kinder wird immer weiter professionalisiert. Marketingleiter schieben „die Verantwortung den Eltern zu, obwohl der Erfolg des Kindermarketings gerade darauf beruht, dass es gezielt die Eltern als Erziehungsinstanz zermürbt.“ Hier geht es um Pombär-Kartoffelchips, aber gleiches trifft auf Topmodel zu. Man kann den Kindern noch so sehr erzählen, wie hübsch und schlank sie sind, noch so sehr den Druck rausnehmen: Abends sitzen sie mit ihren Freundinnen vor Topmodel und vergleichen sich. Bei erwachsenen Frauen ist es sicherlich anders – sie wissen, dass man durch die Show nicht wirklich Topmodel werden kann, dass Heidi ziemlich fies und keine Kate Moss ist, und trotzdem träumen sie mit. Und kaufen sich auch die in Topmodel angepriesenen Produkte von Maybelline Jade (oder die Äquivalente von Chanel und co.), den Gillette Venus – Rasierer und andere Produkte, die diesen Traum verlängern. Sie leben mit frauenfeindlicher Werbung um sich herum, weil sie wissen, wie ohnmächtig man dagegen ist, und weil sie an sie gewöhnt sind. Sie haben gar keine Lust, vor Wut abzuschalten, weil sie dieses Spiel kennen und den Traum genießen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, sagt Adorno. (Und auf der Waage fluchen sie ja erst wieder am nächsten Morgen. Das würden sie gegenüber Frau Stehling natürlich nicht zugeben.)

„Genau wieviele Topmodels brauchen wir eigentlich?“ fragt Maya Götz vom Zentralinstitut für Jugend- und Bildungsfernsehen, deren Studien die Gründung von Pinkstinks motivierten, und die auch in der Talkshow zu Wort kommen darf. Heidis Sendung scheint zu sagen: Massig! Auch du kannst es werden! Und nichts ist erstrebenswerter! Produkte für Kinder und Jugendliche sind ein riesiger Markt geworden. Auch Abercrombie und Fitch wissen, wie das Spiel geht: Sei unerreichbar, und man will dich haben. Und wenn man nicht in die Jeans passt, dann wenigstens in das T-Shirt, das Sweatshirt und das Halstuch, weil man dazugehören will. Der ganze Protest auf facebook gegen Abercrombie und Fitch wird sie überhaupt nicht stören, solange Türsteher ihrer Läden immer noch eine lange Schlange regeln müssen, die wie vor einem begehrten Club anstehen und hoffen, bald von den ultracoolen A&F-Jungs bedient zu werden. Bei Heidi ist das anders. Sie wird immer mehr zum Hassobjekt, und das könnte sie persönlich kratzen. Obwohl. Der ZEIT-Artikel erklärt einleuchtend, warum Klum für McDonalds wirbt: Die Fast-Food-Kette wird mit Adipositas assoziiert, Heidi mit Topmodel und Magersucht, ein Bild, das „via emotionale Konditionierung und Imagebildung auf McDonalds-Produkte übertragen werde“. Heidi leiht den Hamburgern also ein bisschen Magersucht-Flair, und schwupps, wirken sie gesund. Und Heidi ist wieder etwas reicher. Auch das hat nichts mit unserer Leistungsgesellschaft zu tun, sondern mit perfiden Marketing.

Zum Schluss darf in der Sendung ein junger Mann zu Wort kommen, deren siebenjährige Schwester Topmodel liebt und Stringtangas tragen möchte. „Diese Sendung macht Kinder zu Huren!“ kommentiert er, dem Moderator offensichtlich etwas zu direkt, der ihn schnell aus der Leitung haben möchte. „Dann kümmern sie sich gut um ihre Schwester!“ verabschiedet er ihn schnell – und wieder ist die Verantwortung bei den anderen.