Jenny Harbauer von wildundgeflügelt, die unsere Flyer und viele T-Shirts gestaltet, wunderschöne Illustrationen für Plakate und Kampagnen entwirft und uns über die letzten zwei Jahre eine unverkennbar bunte Identität verpasst hat, ist nicht nur geniale Designerin. Sie ist auch Dozentin an der Hochschule der angewandten Wissenschaften in Hamburg. Dort hat sie im letzten Semester einen Kurs angeboten, der sich mit Gender-Marketing und Genderrollen im Design beschäftigt. Heraus gekommen sind grandiose Filme von Studierenden, die in einem Hamburger Kino gezeigt wurden und als Paket auch für andere Kinos, Gleichstellungsbehörden oder Filmfestivals gebucht werden können.

„Evolutionsforscher haben bewiesen, dass schon in der Steinzeit Männer einfach besser darin waren, die Dinosaurier in die Parklücke zu bekommen! Frauenchips machen Frauen schön und Männerchips machen Männer stark, so, wie es sich gehört! Diese und andere unumstößliche Wahrheiten aus der bunten Welt des Geschlechterwahnsinns und des Gendermarketings haben die Studierenden des Kurses „rosa Filme, blaue Filme“ im Department Design unter die Lupe genommen und zu sehr verschiedenen filmischen Arbeiten verarbeitet.“, las die Einladung.

Gleich vorweg: Alle Filme waren hochgradig sehenswert. Teils brüllend komisch, teils zum Nachdenken animierend, teils schlaue Analysen. Und ein Film brachte mich zum Heulen. Von dem will ich hier berichten.

Janina Lu ist selbst keine Koreanerin. Als sie von den Zahlen kosmetischer Chirurgie in Korea hörte, nahm sie das so gefangen, dass sie dazu arbeiten musste. Heraus gekommen ist ein Film, der die hohe Ästhetik der asiatischen Kalligrafie aufnimmt und sie zu einer schmerzhaften Splatterorgie werden lässt. Daneben lassen einem Zahlen von gewollten Kieferbrüchen den Atem stocken.

Spontan hätte ich angenommen, dass das westliche Schönheitsideal Basis des Leids asiatischer Frauen wäre. In China ist die Korrektur der Augenform eine gängige Schönheitsoperation, anderswo bleichen sich nicht-weiße Frauen oft die Haut oder glätten ihre Haare. In Korea ist es aber die japanische Manga-Ästhetik, die als Vorbild dient. Woher kommt dieses Manga-Bild, wenn ein dermaßen spitzer Kiefer in allen ethnischen Körperformen unnatürlich ist? Koreanerinnen haben eher flache Gesichter, sind aber meist schlanker als die durchschnittliche Europäerin. Wenn Fettabsaugen und Thigh-Gap-Operation nicht auf der Tagesordnung steht, dann also Kieferbruch. Denn auch hier gilt: Was schwer zu verwirklichen ist, was selten und untypisch ist, gilt als erstrebenswert: riesige Augen, schmaler Kiefer, volle Haare. Wichtig ist Janina Lu, zu betonen, dass sie die Frauen selbst nicht verurteilt oder für ihre Operationen kritisiert. Wiederholt erklärt sie im persönlichen Gespräch, dass die klare Hoffnung, wirtschaftlich besser da zu stehen, die Frauen das Risiko des Leids wählen lässt. Auch vom Arbeitsmarkt in Korea fühlen sich Frauen genötigt, Schönheitsnormen zu entsprechen.

Schmerzhaft den Kiefer brechen lassen sich wenige westliche Frauen. Dafür verbringen sie unheimlich viel Zeit mit Schönheitspflege, weil „es das ist, was die Gesellschaft von Frauen erwartet“, wie ein Chefredakteur der jungen Journalistin Tracey Spicer vor zwanzig Jahren mitteilte. Heute wischt sie sich protestierend die Schminke vom Gesicht – vor der Kamera. Sie hat keine Lust mehr darauf zu warten, bis die Pflegelotion eingezogen, der Nagellack getrocknet und die Haare richtig sitzen. Und dennoch fällt ihr der Protest sichtlich schwer.

Man kann verstehen, dass die Feministinnen, die vor vierzig Jahren ihre BHs verbrannten, sich über uns jüngere Generation wundern. Da war sie, die Revolution, die auch in Korea vonnöten wäre. Und heute lassen wir uns an jeder Straßenecke erzählen, wie wir auszusehen haben, um erfolgreich und glücklich zu sein. “ Aber – wir können wählen!“ verteidigen wir uns. Was nicht für alle stimmt. Aber auch nicht völlig falsch ist. In Korea hingegen ist das Wählen noch in weiter Ferne. Man wünscht ihnen ein Aufbegehren, einen Aufstand wie der unserer Müttergeneration. Stattdessen ist es leider noch normal, dass Koreas Töchter von ihrem Lehrer belohnt werden, wenn sie ihre Figur halten – mit einer Tasse Kaffee.