Die enorme Bandbreite feministischer Rück- und Fortschritte 2017 lässt kaum besser zusammenfassen, als mit einem Blick auf zwei Titelseiten des Time Magazins. Im Dezember 2016 zierte das Magazin ein dämonisch stierender, frisch gewählter US-Präsidenten Donald Trump.

Genau ein Jahr später sehen wir auf ebenjenem Cover fünf Frauen,welche die global aufwühlende #MeToo Kampagne vertreten.

Es ist dieser Spannungsbogen, zwischen der sogenannten Person of the Year 2016 und 2017, in dem wir uns als Feminist*innen bewegen und zurechtfinden mussten: Politische und gesellschaftliche Rückschläge, struktureller Sexismus, Macho-Attitüden und hypermännliche Selbstverherrlichung auf der einen Seite – Frauenpower, Kampfgeist, weltweite Solidarität und eine spürbare (und überfällige) Erschütterung Jahrhunderte alter Traditionen auf der anderen Seite.

Ein kurzer Jahresrückblick zeigt diese Spannbreite und hilft, mit Fokus und Konzentration die großen Fragen des Jahres 2018 anzugehen.

 

Das lief 2017 nicht gut

 

  • Ein Macho im Weißen Haus

Im vielen feministischen Kreisen gilt folgendes Sprichwort: Echte Gleichberechtigung sei erst erreicht, wenn eine mittelmäßige Frau ganz oben angekommen sei. Die Amtseinführung von Donald Trump war eine schmerzhafte Erinnerung daran, dass der Weg dahin wohl doch noch ein langer sein wird. Wenn ein völlig unqualifizierter, von Skandalen und Intrigen verfolgter weißer Mann gegen eine bestens vorbereitete und hochintelligente Frau gewinnt, indiziert dies jede Menge feministischer Baustellen. Trump verlor keine Zeit und liefert uns noch heute Woche um Woche über Twitter eine Blaupause der männlichen (und in diesem Fall sehr destruktiven) Herrschaft. Bestes Beispiel: Die mit sexuellen Konnotationen gespickten Tweets zur Senatorin Kirsten Gillibrand. Urteil: Wir hoffen 2020 auf eine starke Frau, die uns von diesem Unsinn erlöst.

 

  • Weinstein Skandal

Hierzu muss man(n) eigentlich nicht viel sagen – eine Blamage für die ganze Männerwelt. Wenn wöchentlich neue Vorwürfe sexueller Belästigung, Demütigung, Erniedrigung und Übergriffe durch Männer in Machtpositionen bekannt werden, müssen wir gerade als Männer ernsthaft die Systemfrage stellen. Als Einzelfälle kann man dies in jedem Fall nicht mehr abtun. Im Gegenteil: Ein solches Ausmaß indiziert tiefe sozio-kulturelle Gründe und Probleme tief im gesellschaftlichen Maschinenraum. Frauenwitze unter Freunden und eine übermäßige Objektifizierung weiblicher Körper in Film und Fernsehen sind nur der Anfang. Wenn Männer Frauen erniedrigen müssen, um sich als Mann zu beweisen, steht es schlecht um die Männlichkeit als solche. Urteil: Feministen werden und Machos in Machtpositionen auf beiden Seiten des Atlantiks zu Fall bringen.

 

  • Männlich besetzter Bundestag

Auch in Deutschland läuft nicht alles rund. 69 Prozent Männer sitzen im neu gewählten Bundestag. So wenige wie zuletzt in den 1990er Jahren. Kommt es nicht zu Neuwahlen oder einem Misstrauensvotum werden also die Entscheidungen, die in den kommenden vier Jahren für die Bundesrepublik getroffen werden, hauptsächlich von Männern getroffen.

Besondere Ironie: 2018 feiern 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland (und vielen anderen Ländern). Ein bisschen fremdschämen tun wir uns also schon. Urteil: Mehr Frauen in die Politik bitte!

 

  • All-Male Panels, Gremien und Jurys

2017 kamen es zu einer übermäßigen Häufung von männerdominierten Preisverleihungen, Jurysitzungen und Panels.

So gewannen ausschließlich Männer den Georg von Holtzbrinck Preis für Wirtschaftspublizistik,

trafen sich die 17 deutschen (männlichen) Innenminister in Dresden und feierten sich selbst auf der Treppe,

sind es anscheinend nur Männer die sich mit Wahlkampf im digitalen Zeitalter auskennen,

entscheiden in der Jury des Deutschen Musikautoren Preises 2017 sieben Männer und null Frauen,

und zeigte sich beim EU-Gipfel im November in Brüssel mal wieder: Europäische Spitzenpolitik ist mehrheitlich immer noch Männersache.

Traurigerweise könnte man diese Auflistung noch eine ganze Weile weiterführen. Urteil: Ein Boykott des #AllMalePanels.

 

Das lief  2017 gut und ist Ansporn für 2018

Wie so oft im Leben werden die größten Rückschläge oft von darauffolgenden Fortschritten eng begleitet. 2017 war keine Ausnahme. Im Gegenteil: Voller Freude haben wir ein Jahr des entfesselten und global aktiven Feminismus erlebt. Davon darf es 2018 gerne noch mehr sein!

 

  • Women’s March(es)

Viel cooler geht es eigentlich nicht. Trumps Einzug im Weißen Haus wurde prompt von Millionen Demonstrant*innen „begrüßt“, die weltweit – von Shanghai nach Los Angeles, Oslo bis nach Kapstadt – auf die Straße gingen und dem Wort „Frauenpower“ eine neue Bedeutung verliehen. Eine solche Internationalisierung des Feminismus haben wir selten erlebt. Frauen (und Männer) machten wiederholt klar (im März gab es die nächste Runde von Protestmärschen), dass Gleichberechtigung nicht verhandelbar ist und zur Not auf gegen die Politik verteidigt werden kann. Urteil: Den nächsten Termin im Kalender vormerken. (Women’s March am 21. Januar 2018).

 

  • #MeToo Kampagne

Es fühlt sich ein bisschen so an: Die Women’s Marches haben vorgelegt, #MeToo hat noch einen oben draufgepackt und eine eindringliche Botschaft an all die Vertreter männlicher Herrschaft geschickt: Ihr seid nicht mehr sicher. Was Jahrzehnte lang irgendwie immer ignoriert und totgeschwiegen wurde – sexueller Missbrauch im Arbeitsplatz, unter Kollegen und besonders von Männern in Machtpositionen – ist von den mutigen Frauen der #MeToo Bewegung mit einer Dringlichkeit an die Öffentlichkeit befördert worden, die zugleich erschreckt, aber auch Mut macht. Die Zeit des Wegsehens ist vorbei, die Zeit von Gerechtigkeit hat begonnen. Urteil: Eine große Verneigung vor all den Frauen (und auch Männern), die mit ihren Geschichten an die Welt appelliert und schon jetzt Geschichte gemacht haben. Die Wahl zur Person of the Year durch das Time Magazin: Voll verdient!

Und auch die deutsche Kanzlerin, welche sich nicht gern als Feministin bezeichnet, begrüßte die Kampagne.

 

  • UN #HeForShe Break the Silence Kampagne

Die Skandale des Jahres sorgen für neuen Schwung bei der UN-Kampagne #HeForShe. Immer mehr Männer beteiligten sich unter dem Hashtag #EndSexualHarassment an der Initiative und setzten ein Zeichen gegen Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe. Urteil: Mitmachen und Freunden schicken.

 

  • Einsichten von Entscheider*innen

Glücklichweise blieb die übermäßige Häufung an männlich dominierten Panels und Gremien in 2017 nicht ohne Wirkung. So zeigte sich beispielsweise der Handelsblatt Herausgeber Gabor Steingart einsichtig und gab zu, dass es eine unsinnige Entscheidung war, den Preis für Wirtschaftsjournalismus ausschließlich an männliche Journalisten zu geben,

fiel dem sächsischen Innenministerium (nachträglich) auf, dass es wohl nicht so zeitgemäß ist, dass die Innenministerien ausschließlich mit Männern besetzt sind,

meldete die GEMA, dass man auch nicht mit der reinen Männer Jury zum Deutschen Musikautoren Preis glücklich sei und 2018 wieder Frauen dabei haben will. Urteil: Auch eine späte Einsicht freut.

 

  • Fazit:

Alles in allem war 2017 ein eher guter Jahr für den Feminismus. Die unglaublichen Enthüllungen und der offen zur Schau gestellte Sexismus in politischen und gesellschaftlichen Führungspositionen, hatte eindeutig einen aktivierenden und entlarvenden Effekt, in dem die Energie für eine ernsthafte und allumfassende Neubetrachtung von Geschlechtergerechtigkeit steckt. Die globale Vernetzung, eine neue und deutliche breitere Öffentlichkeit und eine motivierte feministische Basis lassen auf Großes im Jahr 2018 hoffen. Dazu braucht es aber uns alle. Lasst uns also die Rückschläge diesen Jahres mit all ihren Machos, Chauvis und Sexisten als Ansporn nehmen, der männlichen Herrschaft auch im nächsten Jahr keinen Zoll Boden zu überlassen, sondern im Gegenteil, zusammen und solidarisch aufzeigen, dass nur eine gleichberechtigte Welt eine gute Welt ist.