Das hier wird nicht einfach, also bleibt bitte für diesen Text an meiner Seite:
Seit ich vor etwa 20 Jahren damit begonnen habe, mich zu feministischen Themen zu äußern, stelle ich immer wieder fest, wie sehr wir Männer hinterherhängen. Während Frauen seit Jahrzehnten (notgedrungen) ihre Emanzipation vorantreiben, sich von gesellschaftlichen Tabus befreien und ermächtigen, lassen Männer ihre ureigenen Themen entweder liegen oder vom Feminismus bearbeiten, um sich anschließend darüber zu beschweren, wie schlecht der Service ist. Alles muss Mann selber machen lassen.
Erschwerend kommt hinzu, dass Männer nie gelernt haben, solidarisch mit Betroffenen zu sein. Männlichkeit wird nach wie vor hauptsächlich als Täterschaft erzählt. Männer sind »Männer der Tat«. Und ein Mann der Tat, beispielsweise im Baugewerbe zu sein, gilt als mildernder Umstand und Aufhebungsgrund einer fristlosen Kündigung.¹ Selbst wenn Mann seine Kollegen beschimpft, sie sexuell belästigt und deren Arbeitsplatz mit seinen Genitalien anpimmelt.²
Einladung in eine gleichberechtigte Gesellschaft
Wie weit diese Unfähigkeit zur Solidarität mit Betroffenen geht, erlebe ich in meiner Arbeit immer wieder. Wenn ich im Rahmen von Vorträgen und Lesungen von meinen Gewalterfahrungen berichte, reagieren Männer oft zunächst hämisch, dann verwirrt und schließlich hochemotional. Hämisch, weil sie glauben, Macht über mich zu erlangen, wenn ich mich vor ihnen ohne Not als Gewaltbetroffener markiere. Im Sinne von »Guck mal, der erzählt mir hier freiwillig, dass er als Kind verdroschen wurde – was für ein Opfer*«. Verwirrt, wenn sie schließlich realisieren, dass ich mich für meine Gewalterfahrungen nicht schäme. Es macht mir nichts aus. Alle sind dazu eingeladen, mich durch diese Linse zu betrachten und sich ein Urteil über mich zu bilden. Auch dafür trete ich an, weil es sonst kaum jemand tut. Und hochemotional schließlich, wenn ich sie in eine gleichberechtigtere Gesellschaft einlade, in der Männern mit Gewalterfahrung nicht ihr Geschlecht, ihre Identität und ihre Selbstbestimmtheit abgesprochen wird, sobald ihr Betroffen-Sein bekannt wird.
Ein Ozean voller Gewalt
Ich werde mich nie daran gewöhnen, dass Männer bei meinen Vorträgen in Tränen ausbrechen. Dass sie mich anschreiben und mir erzählen, mit welchem unfassbaren Ausmaß an Gewalt sie konfrontiert wurden, weil sie weich waren. Trost brauchten. Um Hilfe gebeten haben. Einfach sie selbst waren.
Sie stehen vor einem Ozean voller Gewalt. Ein Ozean, der nur von wenigen Männern erforscht und befahren wird. Ein Ozean, von dessen Größe sich kaum jemand eine Vorstellung macht. Und der Untiefen bietet, welche die meisten Männer weder zu denken noch zu fühlen bereit sind.
Ja, ich spreche von sexualisierter Gewalt. Insbesondere von sexualisierter Gewalt, die Jungen und Männern durch andere Jungen und Männer angetan wird. Von Pfarrern und Priestern, Lehrern, Onkeln, Vätern und vermeintlichen Freunden. Von einflussreichen Männern und Vertrauten. Von den erfolgreichen Kollegen, zu denen wir aufschauen. Von den Anführern der Cliquen, zu denen wir gehören wollen. Von den Männern, für deren Anerkennung wir alles tun würden – aber das ganz sicher nicht.
Sexualisierte Gewalt gegen Männer: Nur ein Witz?
Über sexualisierte Gewalt gegen Männer in der Öffentlichkeit zu reden, ist hochgefährlich und kann Karrieren oder sogar Leben beenden. Als der Schauspieler Brendon Fraser im Zuge der anschwellenden MeToo-Bewegung einen Übergriff des Präsidenten der Hollywood Foreign Press Association beschrieb, wurde er verspottet und ausgegrenzt. Die Organisation, die jährlich die Golden Globes verleiht, schlug eine gemeinsame Erklärung vor, nach der der Übergriff zwar zugegeben, aber als Witz³ deklariert wurde. Fraser, der lange unter den Nachwirkungen dieses Übergriffs von 2003 litt, konnte in den Folgejahren kaum arbeiten⁴ und wurde zum Gespött der Leute.
Er war »Opfer« eines Mannes geworden, der jederzeit seine Karriere hätte beenden können. Und »Opfer« des Internets, das kaum ein Meme ausließ, um Fraser als unbeholfenen, traurigen Idioten darzustellen. Als Fraser dann 2018 seine Erfahrungen öffentlich machte, waren es vor allem Frauen, die ihm zur Seite sprangen. Und wenige Männer – wie der Schauspieler Terry Crews, der zeitgleich mit seinen eigenen bitteren Erfahrungen an die Öffentlichkeit ging.
Können Männer »Opfer« sein?
Sich als Betroffener sexualisierter Gewalt zu markieren, lohnt sich (auch) für Männer nicht. Es wird mit Unmännlichkeit und Schwäche gleichgesetzt. Es wird damit verbunden, eine Frau zu sein. Darüber sollten wir uns nicht hinwegtäuschen. Sexualisierte Gewalt wird als tragische Naturkatastrophe⁵ erzählt, die Frauen qua Geschlecht zustößt. Und Männern, die nicht Manns genug sind. Die keine »Männer der Tat« sind. Die mit ihrer kernigen, harten Männlichkeit potentiellen Tätern nicht unmittelbar klarmachen, dass sie nicht zu »Opfern« gemacht werden können. So kann das nicht weitergehen. Wir müssen endlich anfangen, Männlichkeit besser zu erzählen und die Verantwortung dafür übernehmen, Täter zur Rechenschaft zu ziehen, um unsere schier unerschöpfliche Wut über die bisher beschwiegenen Taten nicht an Unbeteiligten und uns selbst auszulassen. Also fange ich an.
Der Nichtschwimmer
Es ist Anfang der 1990er. Auf Kreta fühle ich mich frei. Die DDR ist Vergangenheit, die Mauer ist weg. Es ist, als würde ich einen der Fotobände von Mama betreten. Meine Eltern sind großzügig und gut gelaunt. Sie mieten mir einen Motorroller, den ich eigentlich noch nicht fahren darf, und lassen mich damit über die Insel heizen. Ich kann mein Glück kaum fassen. Es ist warm. Das Meer glitzert. Ich springe von Klippen, schwimme im Pool und düse mit meiner pinken Bergzicke in den nächsten Ort. Im Hotel gibt es ein paar Gleichaltrige, mit denen ich mich anfreunde. Wir stacheln uns an zu akrobatischen Sprüngen in den Pool, erzählen uns schlechte Witze und verstecken morgens die Handtücher, die die deutschen Touristen über den Liegen ausgebreitet haben. Der Nichtschwimmer ist immer dabei. Ich weiß nicht warum. Irgendwie hat er sich bei uns eingenistet, obwohl er ein erwachsener Mann ist und wir Jugendliche. Er erzählt allen, dass er nicht schwimmen kann. Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber wenn ich mit den anderen im Pool bin, beobachtet er uns vom Beckenrand aus.
Meinen Eltern und den Eltern der anderen kommt er nicht komisch vor. Mit seinem Nichtschwimmergeständnis schafft er es, sich einen Platz am Kindertisch zu sichern. Die Erwachsenen zählen ihn zu uns und nicht zu sich. Er hält sich bei uns auf. Er hört uns zu, stellt Fragen, nickt und schüttelt den Kopf. Manchmal trinkt er ein Bier, was uns alle sehr beeindruckt. Er bietet uns an, zu probieren. Ich traue mich nicht, abzulehnen. Er grinst mir verschwörerisch zu.
Im Grunde passiert ja nichts
Ich mag ihn nicht, aber ich kann ihn nicht wegschicken. Ich kann meinen Eltern nichts davon erzählen, weil ich nicht weiß, was ich sagen soll. Im Grunde passiert ja nichts. Es beginnt damit, dass er uns die Hand reicht, wenn wir aus dem Wasser wollen. Er zieht mich und die anderen schwunghaft raus und lächelt. »Wassertraining« nennt er das und meint damit, dass er sich immer wieder in die Nähe des Pools begibt, um sich seiner Scheu vor dem Wasser zu stellen. Ich möchte nicht, aber ich gebe ihm meine Hand. Es fühlt sich nicht gut an, aber es fühlt sich noch schlechter an, es vor allen anderen nicht zu tun, die nichts dabei finden. Seine blasse Schnurrbärtigkeit schüchtert mich ein.
Als er anfängt, mir mein Handtuch um die Schultern zu legen, gehe ich seltener zum Pool und fahre häufiger Motorroller. Hier kann der er Nichtschwimmer mir nicht folgen. Hier ist Kreta warm und schön. Aber im Hotel wartet er auf mich. Ich treffe ihn am Frühstücksbüffet und in der Lobby. Manchmal steht er in dem Flur, in dem mein Zimmer liegt, obwohl seins ganz woanders ist. Er tut noch nicht einmal so, als hätte er sich verlaufen oder wäre auf dem Weg irgendwohin. Er steht einfach da und starrt mich an, wenn ich aus meinem Zimmer komme. Und ich falle, falle in die Blicke dieses Mannes.
Bloß keine Angst zeigen
Die anderen fragen nach mir. Ich will mir den Pool und meine neuen Freunde nicht von dem Nichtschwimmer verderben lassen. Also gehe ich hin. Aber ich lasse mir von ihm nicht mehr aus dem Wasser helfen. Als er mir mein Handtuch um die Schultern legen will, sage ich: »Lass das!«. »Okay, okay!« sagt er, zieht sich zurück in den Schatten und beobachtet mich. Inzwischen bin ich mir sicher, dass er nicht mehr uns beobachtet, sondern mich. Mich haben will. Ich traue mich nicht, darüber nachzudenken, wofür.
In den folgenden Tagen beginne ich damit, mich vor ihm aufzuspielen und den starken Mann zu markieren, um ihn einzuschüchtern. Ich will ihm klarmachen, dass er nichts mit mir tun kann. Dass er mir nichts tun kann. Ich traue mich, zum ersten Mal in meinem Leben einen Vorwärtssalto vom Sprungbrett zu machen. Ich rede laut. Ich raufe mich spielerisch mit den anderen. Der Nichtschwimmer zeigt sich in einer Weise beeindruckt, die mir nicht gefällt. Er macht mir Komplimente. Er schlägt mir jovial auf die Schulter. Er berührt meinen Arm.
Alles andere in diesem Urlaub verschiebt sich in die Peripherie. Meine Eltern. Meine Freunde. Die Insel. Der Motorroller. Mein Freiheitsgefühl. Im Zentrum steht nur noch der Nichtschwimmer. Er will mich anfassen. Er klopft an meine Tür. Er fragt mich, ob ich ihn nicht mal in seinem Zimmer besuchen will. Er winkt meinen Eltern beim Frühstück zu. Sein sicheres Auftreten schüchtert mich ein. Ich habe Angst vor ihm, aber hauptsächlich bin ich wütend, weil ich Angst vor ihm habe. Ich will keine Angst vor ihm haben. Vor allem will ich nicht, dass er meine Angst mitbekommt. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich weiß nicht, wie ich mich an jemanden wenden soll. Ich verstehe nicht, was passiert.
Zwischen uns nur das Handtuch
Der Nichtschwimmer steht in meinem Zimmer. Ich habe gerade geduscht und trage nur ein Handtuch um meine Hüften. Ich weiß nicht, wie er hereingekommen ist. Aber er steht in meinem Zimmer, als wäre es nichts Besonderes. Er kommt auf mich zu, als wäre es nicht beängstigend. Er fasst mich an, als wäre es nicht furchtbar. Er sagt, dass er auf mich gewartet hat. Ich weiß nicht, was er meint. Der Nichtschwimmer fasst mich an und ich versuche, mich mit meinen Blicken an seinen Schnurrbart zu klammern, damit ich ihm nicht in die Augen sehe. Der Nichtschwimmer sagt, ich soll ihn anschauen. Ich kann mich nicht bewegen. Nur meine Augen schaffen es, sich vor ihm zu verkriechen, obwohl er mir so nah ist. Der Nichtschwimmer fasst mich an, während ich zur Decke blicke. Er fasst mich an, während ich zur Seite schaue. Er fasst mich an. Als er mir mein Handtuch wegnehmen will, meldet sich mein Fluchtinstinkt. Ich stoße ihn zurück, umklammere mein Handtuch und renne aus dem Zimmer. Weg, weg, irgendwohin. Er ruft mich nicht und er läuft mir nicht hinterher.
Später verstehen meine Eltern nicht, warum ich nur ein Handtuch trage. Ist aber auch nicht weiter wichtig. Wir gehen gemeinsam auf mein Zimmer und ich ziehe mich an. Anschließend machen sie Pläne für das Abendessen. Ich höre nicht richtig zu. Irgendwo in der Nähe wartet der Nichtschwimmer und will mir mein Handtuch wegnehmen.
Es ist beinahe nichts geschehen
Aber es sind nur noch ein paar Tage und er erwischt mich nicht. Er steht auch nicht wieder in meinem Zimmer. Nachts bleibe ich wach und starre auf die Tür, bis ich am frühen Morgen die ersten Touristen ihre Handtücher auf die Liegen legen höre. Später schlafe ich am Pool, während die anderen mit ihrer Geschäftigkeit den Nichtschwimmer vertreiben. Er ist immer noch da, aber sehr weit weg. Er ist an die Peripherie gerückt und alles andere wieder ins Zentrum. Ich gehe mit meinen Eltern essen. Wir machen einen Ausflug. Ich springe von Klippen. Ich fahre Motorroller. Ich bade im Meer. Nur in den Pool gehe ich nicht mehr.
Als wir zurückfliegen, lasse ich den Nichtschwimmer hinter mir. Ich verschüttete ihn unter warmen Tagen, guten Erlebnissen und dem Gefühl von Freiheit. Als der Flieger in Berlin aufsetzt, hat es den Nichtschwimmer beinahe nicht gegeben. Und wenn es ihn gegeben hat, ist nichts passiert. Und wenn etwas passiert ist, dann nicht so etwas. Und wenn so etwas passiert ist, dann hat es mir nichts ausgemacht.
Ein Mann wie ich
Denn einem Mann wie mir darf das nicht passiert sein. Ein Mann wie ich muss sich zur Wehr gesetzt haben. Mit seiner männlichen, tatkräftigen Aura dafür sorgen, dass niemand auch nur auf die Idee kommt, ihm zu nahe zu treten. Ein Mann wie ich redet nicht über solche Dinge, weil er nicht ertragen kann, wie darauf reagiert wird. Wie man ihn ansieht. Was man ihm zuschreibt. Was man ihm abspricht.
Aber dieser Mann will ich nicht sein. Ich kann nicht ändern, was passiert ist. Aber ich kann ändern, wie ich darüber rede. Und vielleicht gelingt es mir sogar zu ändern, wie andere darüber reden.
* Wir setzen das Wort »Opfer« in Anführungszeichen, da wir uns von den damit verbundenen Assoziationen distanzieren möchten. Als feministische Organisation vermeiden wir im Allgemeinen den Opferbegriff im Kontext sexualisierter Gewalt, da er den Betroffenen Handlungsmacht abspricht.
Disclaimer
Wenn wir von Frauen und Männern sprechen, beziehen wir uns auf strukturelle gesellschaftliche Rollen, die weiblich und männlich gelesene Personen betreffen. Gleiches gilt für die Adjektive »weiblich« und »männlich«. In Statistiken und Studien, die wir zitieren, wird leider oft nur zwischen Frau und Mann differenziert.
Quellenangaben
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