Dieser Text ist ein Plädoyer zur Aufwertung des Begriffs „Weichei“. Ein Traum von einer Welt von T-Shirts, auf denen „Weichei und stolz drauf“ steht, eine Ode an Männer, die mit toxischen Männlichkeitskonzepten hadern, an ihnen scheitern, aufstehen und überzeugt „Vergiss es, ich lass das einfach so“ ausrufen.

Er ist aber genau so ein Appell an Frauen, sich diese Weicheier mal genauer anzuschauen. Oder besser: Nicht so sehr den Aggregatszustand der Eier, sondern ihre eigenen Erwartungen an „sie“. Woher genau kommt ihre libidinöse Prägung, ihre Abneigung gegen jede Konsistenz, die nicht der gängigen James Bond-Härte entspricht?

Neulich saß ich mit einer guten Freundin beim Wein, die rumjammerte, dass sie – als Feministin – eben keinen Mann haben kann. DIE wollten ja alle, dass sie – käme ein Kind – zuhause bleibe während er Karriere mache. DIE könnten alle nicht kochen und DIE würden auch noch erwarten, dass sie die Hemden bügele, wenn sie von der Arbeit käme. Sie verkehrt eher unter Wirtschaftsleuten. Was ja nicht heißt, dass man in seiner Freizeit, auf Parship oder in nächtlichen Clubwelten nicht andere Szenen frequentieren kann. Lila Pudel sind sicher auch in der Wirtschaft anzutreffen, unter Sozialwissenschaftlern, Künstlern oder Pädagogen trifft man sie trotzdem eher. Hat man aber bestimmte Vorstellungen, was DIE verdienen sollen, damit man sich gemeinsam den Tauchurlaub auf Bali leisten kann, legt das einen Filter fest.

Aber nicht nur bei Unternehmer*innen und Wirtschaftsfrauen* finden wir hehre Ansprüche an die Kerle. Auch geerdete Vorstellungen, wie er beim gemeinsamen Zelturlaub das Wolfsrudel verjagt oder sie unter den Sternen auf seinen Armen trägt macht es Männern nicht gerade einfach, sich in einer Welt voll Ansprüchen zu orientieren. Wie neulich ein guter Freund zu mir sagte: „Es fällt mir so schwer, zu sagen, dass ich etwas nicht kann oder nicht weiter weiß. Ich habe das Gefühl, Mann zu sein heißt: Immer die Übersicht haben, immer voraus zu gehen, immer alles unter Kontrolle haben. Paddeligkeit ist so unsexy!“

Mir kam das große Bedürfnis, diesen Text zu schreiben, als ich in der ZEIT diese Verteidigung einer Botox-Spritzenden las, die trotzig behauptete, dass sie – über 40 – ohne Botox unsichtbar sei. Sicher ist es so, dass der mediale Anspruch an Glattheit  gruselig ist, weswegen wir Schönheitsterror regelmäßig thematisieren. Und nicht ohne Grund haben wir die sonst wunderbare Nora Tschirner hinterfragt, die zu ihrem Kinofilm „Embrace“ oft betonte, man „müsse“ sich selber lieben. Das ist nämlich grauenvoll schwer. Woran wir aber sehr viel eher arbeiten können, als uns einfach so zu akzeptieren, wie wir sind, ist unser Begehren. Ich spreche nicht von sexueller Orientierung: In den 70er Jahren gab es tatsächlich Artikel die heterosexuellen Feministinnen beibringen wollten, lesbisch zu lieben, weil sie dann die „besseren“ Feministinnen wären. Nein – es geht mir um die Frage, welche Anspruchshaltung sich dahinter verbirgt, von den Männern gesehen zu werden, die ein krass überzogenes Frauenbild haben oder mit jenen Männern zu schlafen, die hinterher gerne das Frühstück ans Bett serviert hätten. Was steckt in der Liebe zum dominanten Gegenüber an Sehnsucht nach dem, der führt, der übernimmt, der immer die Kontrolle behält? Und in wie fern könnten wir auch selbst für all dies verantwortlich sein?

Meiner Freundin habe ich entgegen geschmettert, dass sie doch selbst schuld sei, wenn sie auf das ewig gleiche Männerbild setzt und sich nie und nimmer einen Partner auf einem Bruttogehalt von 2.200 Euro vorstellen könnte, der dafür aber ein begeisterter Sozialarbeiter ist. Die Antwort kam prompt: Und wie bitte, sollte der sie und die Kinder dann ernähren, wenn sie arbeitslos wird? Trotz manch emanzipierter Ansichten sitzen Geschlechterrollen doch tief. Der Botox-Dame will ich ihre Spritzen gar nicht nehmen. Ich freue mich aber über jede coole Frau über 45 in meiner Umgebung (und davon gibt es so viele), die mit dem Alter den Traum vom Marlboro Mann aufgegeben und damit ihr Selbstwertgefühl gerettet haben. So wird die Wohnung selbst renoviert oder der noch studierende Mann mitfinanziert, dafür macht er zuhause die Wäsche. Oder ein heulender, an sich zweifelnder Mann wird liebevoll unterstützt, während man selbst die Perfektionsansprüche an sich aufgegeben hat. Sex muss dabei bei weitem nicht auf der Strecke bleiben – und kann sogar sehr viel erfüllender sein als der gekünstelte Mist unserer Jugend, in der manch eine von uns „Barbie und Ken“ erfüllen wollten.

Und so ende ich mit einem Hooray für Courtney Cox, die nach zwanzig Jahren Botox das Spritzbesteck über Bord geschmissen hat. Mit dem klugen Satz: „Ich hab versucht, das Hängen zu verhindern, aber das hat mich falsch aussehen lassen. Man braucht Bewegung im Gesicht.“ Lasst uns das übertragen auf glattgezogene Traummann-Ideale: Es braucht Bewegung in erstarrten Männerrollen. Wir können unseren Teil dazu tun, sie sichtbar zu machen.

 

 

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