Gestern musste sich die Soziale-Netzwerk-Gemeinde kurz am Stuhl festhalten und durchatmen. Breaking News:

Sigmar Gabriel nimmt seine Rolle als Vater ernst: Bis Mitte der Woche bleibt er zu Hause, um für die Scharlach-kranke Tochter da zu sein.

Das ist doch mal was. Ein mächtiger Politiker, der eigentlich ganz andere Dinge zu tun hat (Stichwort Familiennachzug), macht mit seiner Ankündigung ernst, seine Vaterrolle aktiv und präsent zu gestalten. Nur, was heißt das eigentlich? Schon als Gabriel vor einem Jahr klarstellte, er würde seine Tochter auch weiterhin einmal die Woche von der Kita abholen, waren nicht alle von der davon ausgehenden Signalwirkung begeistert.

„Egal ob Mann oder Frau, wer in Deutschland die wirklich mächtigen Positionen besetzt, arbeitet bis zum Schlafengehen, nur mit Beckenbruch auch mal von zu Hause. Sonst kann er oder sie sich in seiner Führungsposition nicht lange halten. Teilzeitmacht gibt es (noch) nicht. Was Gabriel – vielleicht unbewusst – signalisiert, ist leider eben nicht: Kinder und Karriere lassen sich vereinbaren. Sondern: Kinder lassen sich nebenbei erledigen.“

Das ist tatsächlich ein Problem. Auf der einen Seite ist es wichtig, engagierte Väter sichtbar zu machen und zu bestärken, damit sie in einer Gesellschaft Vorbild sein können, in der in Bezug auf Care Tätigkeit und Kindererziehung immer noch strikte Geschlechtertrennung herrscht.

Duden

Auf der anderen Seite wirkt es ausgesprochen kontraproduktiv, wenn Väter für Dinge gefeiert werden, die eigentlich selbstverständlich sein sollten. Anstatt auf eine Gesellschaft hinzuarbeiten, in der Care-Tätigkeiten gleichberechtigt und nicht nach sexistischen und/oder rassistischen Gesichtspunkten verteilt werden,  erwartet Mann Lob und Anerkennung dafür, „doch mehr zu machen als alle anderen“. Wie absurd das Ganze ist zeigen nicht nur ironische Kommentare in sozialen Netzwerken,

sondern auch die Tatsache, dass darüber einmal durch die ganze Republik bis hinüber in die Schweiz berichtet wird, während Männer an anderer Stelle längst klar gemacht haben, worauf sie aufgrund ihrer Vaterschaft wirklich verzichten müssen – nämlich mehrheitlich auf nichts.

Statt also Sigmar Gabriel gleich zum neuen Vaterhelden  auszurufen, wäre es hilfreicher, sich der Realität zu stellen.

In dieser Realität haben sich Mütter gefälligst nicht von der Zuständigkeit für ihre Kinder freizunehmen. In dieser Realität hätte man, wie Christine Finke richtig bemerkt, einer Ministerin bei gleicher Sachlage vorgeworfen, überfordert zu sein und die Dinge nicht mehr im Griff zu haben. In dieser Realität braucht es einen Equal-Care-Day.