Betreff: Black is Beautiful Gesichtsmaske

Sehr geehrte Damen und Herren von Payot Paris,

ich bin etwas irritiert, und vielleicht können Sie helfen, diese Irritation aufzulösen.

Gerade habe ich im Schaufenster eines Hamburger Kosmetiksalons diese junge, weiße Frau entdeckt, die in die Kamera lacht, während ihre Gesichtshaut in den Genuss Ihrer neuen, schwarzen Pflegemaske kommt. Im unteren Teil des Plakates fordern Sie Ihre Kundinnen auf, ein persönliches “Black is Beautiful”-Foto zu mailen, um ein Pflegeset zu gewinnen.

Ihrer Marketingabteilung ist vielleicht entgangen, dass Sie sich mit dem Slogan BACK IS BEAUTIFUL am Namen eines Teils der Schwarzenrechtsbewegung der 60er Jahre bedienen. Ziel dieser US-amerikanischen Bewegung war es, Afro-Amerikaner*innen darin zu bestärken, sich von den weißen Schönheitsnormen in der amerikanischen Gesellschaft frei zu machen. Das bedeutete zum Beispiel, dass sie aufhören sollten, ihre Haare zu glätten oder ihre Haut zu bleichen, aber auch, dass sie ihre vielleicht von den weißen Figurnormen abweichenden Körper akzeptieren und lieben zu lernen.

“Aber wo ist denn 2017 das Problem?” fragen Sie sich jetzt vielleicht. “Wir sind doch alle gleich. In Deutschland darf niemand wegen seiner Hautfarbe diskriminiert werden. Wir feiern doch BEYONCÉ!”

Ja, aber wir sind eben nicht alle Beyoncé. WIR sowieso nicht, also Ihr Model und ich, denn wir sind beide weiß.

Auch nachdem die Sklaverei in den USA offiziell aufgehoben wurde, hätten wir beide keine Angst haben müssen, dass andere Menschen uns als wertlose Leibeigene gesehen hätten (Frauen hatten es generell damals nicht so leicht, aber eine weiße Frau war definitiv besser dran als eine schwarze). Uns wäre niemals der Zutritt zu bestimmten Plätzen, Instituten oder Veranstaltungen verwehrt worden (ja, okay, die Frauenkarte wieder, aber Sie verstehen meinen Punkt). Ihr Model und ich hätten weder im Bus hinten sitzen müssen, noch hätte uns jemand gesagt, unsere Haare seien in ihrem natürlichen Zustand unprofessionell und müssten für unseren Job mit viel Chemie und Hitze geglättet werden. Wenn wir besonders volle Lippen hätten (wie damals Angelina Jolie oder heute Kylie Jenner, die Ikone der vollen Lippen in 2017) dann wäre das sexy, und seit Neuestem ist es ja sogar modern, “thick thighs“, also “kräftige Oberschenkel” zu haben. Vielleicht erinnern Sie sich daran, dass solche Körpermerkmale bei schwarzen Frauen einmal dazu geführt haben, sie als Sonderlinge im Zirkus auszustellen. Bei weißen Frauen allerdings sind solche Beine jetzt “mermaid thighs”, also Meerjungfrauenbeine, und Meerjungfrau sein ist gut. Es gibt keine krebserregenden Hautcremes für uns, die unseren Hautton verändern, damit wir in das Idealbild der Gesellschaft passen. Wir werden nicht bei “verdachtsunabhängigen Personenkontrollen” angehalten und müssen uns ausweisen und wir werden erst Recht nicht bei Verkehrskontrollen erschossen. Um nur mal ein paar Ereignisse der letzten 155 Jahre zu nennen.

Ob Sie es wollen oder nicht, weiß zu sein ist unserer Gesellschaft nach wie vor besser als schwarz zu sein (oder überhaupt zur Gruppe der people of color) zu gehören.

Damit sage ich nicht, dass weiße Menschen besser sind als People of Color, sondern nur, dass weiße Menschen es doch irgendwie leichter haben. Allein die Tatsache, dass so eine Kritik eher wahrgenommen wird, wenn sie von einer weißen Person geäußert wird, als von einer schwarzen, ist mehr als bitter. Und deswegen frage ich mich, wie Sie, als internationaler Beautykonzern, auf die Idee gekommen sind, diesen für die Schwarzenbewegung so wichtigen Ausruf BLACK IS BEAUTIFUL für eine neue Gesichtsmaske zu benutzen. Wieso haben Sie die Maske nicht gleich BLACK POWER genannt? Sie hat doch eine angepriesene absorbierende und mattierende Kraft.

Aber jetzt werde ich zynisch. Auch, wenn das irgendwie angebracht ist, in Anbetracht der Tatsache, dass scheinbar niemand in Ihrem Werbe- und Kommunikationsteam auf die Idee gekommen ist, über Ihren Slogan ein zweites Mal nachzudenken. Oder auch ein drittes Mal.

Falls es Sie beruhigt: Sie sind nicht die ersten, denen ein solcher Fauxpas passiert. Die Junge Union, also die Nachwuchs-CDU, bestach schon 1974 mit einem sehr sonderbaren Werbeplakat, auf dem eine schwarze Frau abgebildet ist, umrahmt vom Slogan BLACK IS BEAUTIFUL und dem Absender Junge Union. Und im Onlineshop der JU gibt sogar BLACK IS BEAUTIFUL Geschenkpapier oder Kugelschreiber.

Falls Sie meine Mail nun überhaupt einmal zu Nachdenken über Ihre Kampagne angeregt hat, freue ich mich sehr, von Ihnen zu hören und meine Anregungen mit Ihnen zu diskutieren.

Mit freundlichen Grüßen,

Gina Nicolini