Huiuiui, da haben wir ja ordentlich Clickbait in unsere Überschrift gepackt. Fehlt nur noch so etwas wie: Wir haben Sprachzerstörerinnen belauscht und DAS herausgefunden. Gut, ganz so ist es bei der Bild und dem Verein Deutsche Sprache nicht gelaufen, aber im Prinzip eben doch. Kurz vor dem Weltfrauentag hatte letzterer nämlich zu einer Unterschriftenaktion gegen den Gender-Unfug aufgerufen und dafür einige prominente „Erstunterzeichner“ gewinnen können. Kabarettisten wie Dieter Nuhr und Dieter Hallervorden. „Professoren“ wie Ingeborg Fialová und Andrea Gubitz. Und auch „Schriftsteller“ wie Monika Maron und Judith Hermann. Auf den Zug ist die Bild gerne aufgesprungen, das passt zur Haltung des Blattes zu geschlechtergerechter Sprache.

Nun gibt es mehrere Möglichkeiten, dem zu entgegnen. Man könnte sich zum Beispiel darüber lustig machen, mit welchem spießigem Furor man Befürworter*innen von geschlechtergerechter Sprache Spießigkeit und Furor vorwirft. Angesichts der Tatsache, dass ausgerechnet an dem Begriff Bundeskanzlerin gezeigt werden soll, wie überflüssig sprachliche Neuerungen in Richtung Sichtbarkeit sind, wäre das mehr als angebracht. Der Begriff wurde wegen Angela Merkel 2004 in den Duden aufgenommen und 2005 von der Gesellschaft für deutsche Sprache als Wort des Jahres ausgezeichnet. Er ist also buchstäblich ein Beleg dafür, wie Sprache mit der Realität Schritt zu halten versucht und sich dabei keinen Zacken aus der Krone bricht. Wir hätten also auf Facebook eine total unhippe, nicht wirklich witzige Referenz an Jugendsprache posten können und es dabei bewenden lassen:

Vong der Niceigkeit her 1 ungeiler Drop

Oder wir könnten das als Vertreter*innen eines Bemühens um geschlechtergerechte Sprache

ernst nehmen und versuchen, mit den entsprechenden Studien zu widerlegen, was da an Anwürfen aufgefahren wurde. Allerdings wurde das schon dutzende Male gemacht und entsprechend belegt. Dass nur die Person von Frauen spricht, die sie auch meint, ist oft genug festgestellt worden. Ebenso wie die Auswirkungen von Verunsichtbarung durch geschlechtsspezifische Berufsbezeichnungen.

Also machen wir das heute mal anders und fragen stattdessen, wer genau eigentlich diese Petition auf den Weg gebracht und unterschrieben hat. Welche Agenda steht dahinter? Wer sorgt sich warum um die deutsche Sprache? Da ist zunächst der Verein Deutsche Sprache, der sich „Erhalt und Förderung des Deutschen als eigenständige Kultursprache“ verschrieben hat. Dessen 1. Vorsitzender Walter Krämer schreibt in der Hauspostille des Vereins gerne auch mal über den „aktuellen Meinungsterror unserer weitgehend linksgestrickten Lügenmedien“. Weitere Themen sind „Genderideologen“, „Genderwahn“ und „Frühsexualisierung unserer Kinder“. Klingt vertraut? Ist es auch. Das sind genau die Positionen, die von der AfD besetzt werden. Sprache sollte im Sinne dieses Vereins schon deshalb porentief rein (ach, sagen wir einfach weiß) gehalten werden, damit wir das Problem des „regierungsamtlichen Großexperiments Masseneinwanderung“ in den Griff bekommen. Anglizismen kommen aber auch nicht in die Tüte. „Warum äffen wir gedankenlos die Amerikaner nach?“ fragt Walter Krämer und merkt dabei gar nicht, dass er in seiner angeblichen Kritik an sprachlichem Totalitarismus eben jenen an den Tag legt. Damit steht er übrigens ganz in der Tradition anderer freiheitsliebender Staatstheoretiker wie Walter Ulbricht. Zur Erinnerung: Das war der Mann, der auch wusste, dass niemand die Absicht hatte, eine Mauer zu errichten.

Aber was sind denn das dann für Leute, die diesem sprachpuristischen Verein beitreten und die Petition unterschrieben haben? Denn dass sich der Verein immer mehr zu einer „Sprach-Pegida“ entwickelt, ist auch keine Neuigkeit. Da sind zunächst diejenigen, die genau wissen, warum und wofür sie da sind. So wie die Autorin Cora Stephan, die findet, dass viel zu viele Frauen in der Politik vertreten sind und politische Entscheidungen durch ihre Anwesenheit zu gefühlig machen. Oder Rolf Stolz, ein Autor des neurechten Magazins Compact, der gerne vor rechtsextremen Burschenschaften spricht und vor einer „Überfremdung durch Zuwanderer“ warnt. Warum stellen sich Kabarettisten oder Mitglieder des Deutschen Ethikrats an die Seite von Gauland-Verteidigern? Vermutlich geht ihnen das Gendern der deutschen Sprache gehörig auf den Keks.

Das kann man überzogen oder unlustig finden. Fest steht aber, dass das Bemühen um eine inklusivere, geschlechtergerechtere Sprache kritikwürdig ist. Auf dem Schlachtfeld der Sprache wird ein Kulturkampf ausgefochten, und dass Kai Diekmann da vorne dabei sein möchte, ist auch irgendwie selbsterklärend.

Allerdings hält er dabei das Patschehändchen von Matthias Matussek und das ist das eigentliche Problem wie sich erst am Wochenende wieder gezeigt hat. „Der Posterboy der AfD“ hat nämlich nicht nur die Petition unterschrieben, sondern auch seinen 65. Geburtstag gefeiert. Dazu kamen nicht nur der Identitäre Mario Müller, der neurechte Publizist Dieter Stein und die immer wieder unsägliche Erika Steinbach,

sondern eben auch Jan Fleischhauer vom Spiegel, Ulrich Greiner von der Zeit und viele andere, denen man nicht unbedingt zugetraut hätte, dass sie mit jemandem wie Müller feiern würden, der wegen Körperverletzung mit einem sogenannten Totschläger vorbestraft ist. Schnell hat man sich da wie Reinhold Beckmann „verlaufen“.

Das Problem ist also nicht die Kritik am Gendern der deutschen Sprache. Auch wenn wir uns für das Gendern aussprechen, ist diese Kritik als Teil des Diskurses relevant. Aber diejenigen, die sich diese Kritik aus guten Gründen zu eigen machen, sollten aufpassen, nicht denen beizuspringen, die Sprache als Mittel zum Zweck einer völkischen Idee vom reinen deutschen Staat gebrauchen.

Diese Form der „Kritik“ verdient keine sachliche Erwiderung, in der man auf Studien verweist und aufzeigt, warum Sichtbarkeit nicht sprachverhunzend sondern bereichernd ist. Sie verdient noch nicht mal einen Diss in Vong-Sprache, weil das viel zu harmlos wäre. Stattdessen sollte man ihr die sprachbesorgte Maske herunterreißen und allen die nationalkonservativen und völkischen Fratzen dahinter zeigen. Denn solche „Verteidiger“ hat selbst die ungegenderte deutsche Sprache nicht verdient.

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