Hochzeitsfeiern stecken voller unterschiedlicher Bräuche und Traditionen: Das Kleid sollte weiß sein und auf jeden Fall einen Schleier haben. Der Bräutigam darf die Braut erst bei der Hochzeit im Kleid sehen. Kinder streuen beim Einzug in die Kirche Blumen. Der Vater der Braut führt die Braut zum Altar. Zum Brautstraußwerfen müssen sich die unverheirateten Frauen auf der Party versammeln und versuchen, den Strauß zu fangen. Und dann kommen vielleicht sogar noch Freunde des Bräutigams auf die Idee, die Braut zu entführen. Das sind nur ein paar der vielen, vielen Bräuche rund ums Heiraten.

Oft werden die Rituale einfach übernommen, weil’s „Glück bringt“. Oder auch: Weil’s so eine schöne Tradition ist. Das Problem: Viele vermeintlich schöne Bräuche haben einen sexistischen Hintergrund. Denn: Sie sind teilweise Jahrhunderte alt und stammen damit aus Zeiten, in denen die Frau als Eigentum des Mannes betrachtet und behandelt wurde. Also aus zutiefst frauenfeindlichen Zeiten.

Wenn heute ein Mann den Vater seiner Freundin um die Hand der Tochter bittet, wird das als Respekt vor den Eltern gedeutet. Aber eigentlich geht es darauf zurück, dass die Tochter nicht frei entscheiden darf, sondern ein Besitz des Vaters ist. Und nun verhandeln der bisherige Eigentümer und der vielleicht künftige Eigentümer über die Frau. Genauso auch eine Tradition, die aus dem englischsprachigen Raum stammt und durch Kinofilme und Serien zu uns nach Deutschland geschwappt ist: dass der Vater die Braut zum Altar führt und dort an den Bräutigam übergibt. Die Frau wechselt damit offiziell den Besitzer. Besiegelt wird der Eigentümerwechsel mit dem neuen Nachnamen der Frau: vom Namen des Vaters zum Namen des Ehemanns. Interessanter Fakt am Rande: 2018 entschieden sich nur 6 Prozent der Männer, den Namen der Frau anzunehmen. 12 Prozent der Paare behielten ihre bisherigen Nachnamen.

Die Vorstellung, dass es Pech bringen würde, wenn der Mann die Frau vor der Trauung im Hochzeitskleid sieht, hat mit Glück oder Unglück wenig zu tun. Dieser Brauch geht auf die Zeit zurück, als die Ehe keine Liebesgemeinschaft, sondern eine Zweckgemeinschaft war:  Die Ehe wurde arrangiert. Da die Söhne erbten, mussten die Töchter so verheiratet werden, dass sie versorgt sind. Sich fremde Menschen, die sich unter Umständen vorher nie gesehen hatten, mussten miteinander die Ehe eingehen. Der Bräutigam durfte deswegen vor der Hochzeit keinen Blick auf die Braut werfen, damit er nicht vielleicht abgeschreckt würde und die Hochzeit platzen lässt. Erst mit Beginn der Romantik Ende des 18. Jahrhunderts kam die Vorstellung auf, dass es bei der Ehe um Zuneigung und Liebe geht, nicht um politische oder wirtschaftliche Interessen. Doch es dauerte viele Jahrzehnte, bis sich das durchsetzte.

Beim Schleier – übrigens schon länger eine Tradition als ein weißes Kleid – geht die Interpretation in eine ähnliche Richtung: Das Gesicht der Braut ist solange verborgen, bis der Bräutigam keinen Rückzieher mehr machen kann. Außerdem hat der Schleier die Tränen der Braut verborgen. Doch nicht etwa Freudentränen – sondern Tränen der Angst. Angst vor dem fremden Mann, vor der fremden Familie, in die sie einheiratet. Angst vor dem, was sie in der Hochzeitsnacht erwartet. Und möglicherweise Tränen der Trauer, weil sie ihre eigene Familie verlassen muss.

Die Kinder, die vor dem Brautpaar laufen und bunte Blumen streuen, sind zwar niedlich. Aber sie stehen für das, um was es bei einer Hochzeit ursprünglich ging: Die Frau soll der Familie des Mannes den Nachwuchs sichern. Blühende Blumen sind ein heidnisches Symbol der Fruchtbarkeit.

Beim Wurf des Brautstraußes geht’s wirklich um Glück – allerdings ebenfalls mit zweifelhaften Motiven. Dahinter steckt die Vorstellung, dass die glückliche – weil endlich verheiratete – Braut an ihrem Glück teilhaben lässt. Wer von den armen, traurigen Unverheirateten den Brautstrauß fängt, auf die färbt das Glück ab: Diese Frau findet dann auch endlich jemanden, der sie heiraten will. Denn, und darum geht es hier eigentlich, das ultimative Ziel für eine Frau war es schließlich, zu heiraten, um versorgt zu sein. Nein, heute braucht Frau natürlich keinen Mann mehr, der sie versorgt. Und trotzdem gibt es das Ideal des Partners, den man finden muss und der einen bis ans Ende des Lebens glücklich macht. Die Single-Frauen zusammenzurufen und um den Brautstrauß raufen zu lassen, ist also gestern wie heute schlicht und einfach: Single-Shaming.

Wenn dann auf der Party schließlich Freunde des Bräutigams die Braut entführen und er sie suchen muss, klingt das vielleicht wie ein witziger Spaß. Aber dahinter steckt brutaler Ernst: Dieser Brauch geht zurück auf das überlieferte „Recht der ersten Nacht“ oder auch „Herrenrecht“ im Mittelalter. Zu einer Zeit, als fast alle Einwohner*innen eines Landstrichs Leibeigene desjenigen Adeligen waren, dem das Land gehörte. Der Gutsherr soll das Recht gehabt haben, die Braut vor der Hochzeit zu entführen und zu vergewaltigen. Wie üblich es war, diese Machtdemonstration tatsächlich regelmäßig durchzusetzen, ist nicht dokumentiert. Es soll in vielen Fälle auch die Möglichkeit gegeben haben, dass der Bräutigam die Braut noch vor der Vergewaltigung freikauft.

Leibeigenschaft gibt’s nicht mehr, die Gleichberechtigung macht große Fortschritte. Heute bleibt es denen, die heiraten wollen, selbst überlassen, wie sie ihre Feier gestalten. Warum nicht einfach die Traditionen mit sexistischer Vergangenheit über Bord werfen? Und dann neue, eigene Bräuche schaffen, die Spaß machen. Egal, ob man sich für oder gegen die alten Bräuche entscheidet, auf jeden Fall gilt: my wedding, my rules!

Bild: Unsplash

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