Eigentlich war mir gar nicht danach, mich einzureihen in die unfassbar große Zahl der Frauen, die ihre Übergriffs-Erfahrungen auspacken. Da ist eine generelle Hashtag-Müdigkeit, das Wissen um das schnelle Verebben solcher Wellen und das Gefühl, dass mir das zu persönlich ist.
Aber jeden Tag, bei jedem neuen #MeToo in der Timeline, bei jedem Kommentar und jedem Artikel dazu, fällt mir ein neuer Moment ein, steigen die Bilder im Kopf auf und die Erinnerung an dieses Ziehen im Bauch, das aus einer Mischung aus Wut und Ungläubigkeit und einer dumpfen Angst entsteht.

Bilder im Kopf

Sie stehen Schlange, die Bilder:
Der Mann, der mir hinterher brüllt, er wäre gerne mein Fahrradsattel, dann würde er es mir so richtig besorgen. Der, der sich an dem engen Baustellendurchgang an mir entlang drückt. Die Hand, die sich von hinten unter meinen Rock schiebt, als ich im überfüllten Bus stehe.
Die Gruppe Mofafahrer, die mich und meine Freundin auf dem Nachhauseweg einkreisen und bedrohen. Die beiden Männer in Autos, die sich einen runterholen, während sie langsam neben mir herfahren. Der Mann, der mir mitten auf der Straße an die Brust fasst, mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Dem habe ich reingeschlagen in sein Grinsen. Mit der Faust. Er ist weggerannt und die Schmerzen in der Hand haben drei Tage angehalten. Sie waren extrem befriedigend.
Die Männer in den Autos habe ich angebrüllt und mit meiner Wasserflasche beworfen. Ich habe mich gewehrt. Trotzdem haben mir jedes Mal die Beine gezittert hinterher. Ich bin fast erstickt an meinem Zorn und meiner Fassungslosigkeit.

Wenn ich diese Geschichten meinem ganz und gar wunderbaren Mann erzähle, ist er so schockiert, dass er ganz blass um die Nase wird. Und mir wird bewusst, wie „normal“ sogar mir das alles vorkommt, (die ich mich doch für so bewusst und feministisch sensibel halte)  so normal, dass ich ihm in den 14 Jahren, die wir uns kennen, noch nie davon erzählt habe.
Inzwischen sind solche Erlebnisse seltener geworden. Ich passe wohl nicht mehr so ins Beuteschema (ein eigentlich ganz angenehmer Effekt des langsamen Unsichtbarer-Werdens als Über-Vierzig-Jährige). Und ich habe weniger Angst als früher. Das Vertrauen in meine Wut und meine Kraft, in meine Stimme und meinen rechten Haken ist groß genug, um in den meisten Fällen, in denen im Dunkeln ein Mann hinter mir auf dem Gehsteig läuft, nicht mehr als ein Unbehagen und eine gewisse Wachsamkeit entstehen zu lassen.

Vorbild haben, Vorbild sein

Ich habe Glück, denn ich habe gute Vorbilder gehabt. Meine Mutter hat vor meinen Augen einen (massiv übergriffigen) Mann mit Schmackes in den Hintern getreten und immer laut den Mund aufgemacht. Ein Vorbild meiner Kindheit war Martha, klein und dünn, mit lautem Lachen und krausen Haaren und schwarzem Gürtel in Karate.
Mein Vater hat mir beigebracht, furchtlos Kreissägen zu bedienen und die schnellste 13-jährige Reifenwechslerin aller Zeiten zu sein und drauf zu pfeifen, was Mädchen angeblich können oder nicht. Von beiden habe ich das absolut sichere Wissen, dass Frauen und Männer gleich viel wert sind und dass niemand jemals das Recht hat, mir seinen Willen aufzudrängen.

Ich versuche, meinen Töchtern ein gutes Vorbild zu sein. Ich übe mit ihnen, zu brüllen wie ein Tiger. Breitbeinig und aus dem Bauch, damit sie sich in der Schule nicht von großen Jungs auf den Boden drücken lassen müssen. Ich bemühe mich, ihnen ihre Gefühle nicht auszureden, vor allem nicht ihre Wut. Ich sage Ihnen, wie stark und mutig sie sind, wie klug und vor allem, wie RICHTIG.
Ich rede mit ihnen immer wieder über all die niedlichen, dünnen Mädchen mit schräggelegten Köpfen und Augenaufschlag, die sie ständig als Vorbilder vorgehalten kriegen, über die vielen nackten Hintern und Brüste, die für irgendetwas werben sollen und über die Unsinnigkeit, sich über die Form und Größe seiner eigenen Oberschenkel Gedanken zu machen.

Die Kraft schwindet

Und manchmal bin ich all dessen so müde. So müde angesichts der gnadenlosen Übermacht all der Produkte und Bilder, die meinen Kinder und allen anderen um sie herum pausenlos einflüstern, dass Mädchen lieb, sexy und hübsch sein sollen und Jungs wilde Kerle und Piraten.  Manchmal will ich nicht mehr gegenhalten oder -reden, keine Diskussionen mehr führen mit Leuten, die unglaublicher Weise auch jetzt, während das Thema sexuelle Übergriffe durch die Medien schwappt, noch nicht begreifen, dass die rosa Prinzessinnen-Schublade und die blaue Piratenschachtel, in die Kinder gestopft werden; dass die weiblichen Körperteile, die als Verkaufsförderung dienen müssen; dass die profitträchtige Demütigung junger Mädchen im Fernsehen, dass all das in direktem Zusammenhang steht mit den Millionen von #metoos. In direktem Zusammenhang mit all der Angst im Dunkeln und auch im Hellen, mit der Beiläufigkeit, mit der körperliche und persönliche Grenzen überschritten und missachtet werden, mit der Respektlosigkeit und Verachtung, die in jedem Antatschen und jeder ins Ohr gesabberten Anzüglichkeit steckt. Es hängt ebenso zusammen mit der emotionalen Verwahrlosung und Verarmung von Jungs und Männern, die diese Respektlosigkeit und Verachtung weitertragen: Weil sie diese von klein auf so gelernt haben, mit den Mädchen und Frauen, die sich nicht wehren, die vor Angst verstummen und im Zweifelsfall lieber nett lächeln und sich entschuldigen, wenn ihnen jemand „zufällig“ an den Hintern fasst.
Weil sie keine guten Vorbilder haben, die dem alltäglichen Sexismus etwas entgegensetzen, weil sie ungebremst und ungefiltert all den Bildern und Botschaften ausgesetzt sind, die uns Tag für Tag umgeben.

Ich sehe meine Kinder an, diese wundervollen kleinen Menschen, die jeden Tag aufs Neue versuchen, die Welt zu verstehen und ihren Platz darin zu finden, die so integer und ehrlich und offen sind, die mir vertrauen und mich brauchen, die zum Glück einen starken, klugen, großartigen Vater haben, der sich weigert, den Klischees von Männlichkeit zu entsprechen, der weinen kann und Wäsche wäscht und keine Angst vor Gefühlen hat und der nachts die Straßenseite wechselt, wenn eine Frau vor ihm geht. Und ich weiß, dass auch sie eines Tages dieses Ziehen im Bauch spüren werden, dass ihnen vor Zorn und Fassungslosigkeit die Beine zittern und der Atem stocken wird, weil es immer noch normal sein wird, dass Mädchen und Frauen sich so fühlen.

Den Kampf weiterführen

Dann mache ich weiter und fange wieder an zu diskutieren und zu erklären, gegenzuhalten, Vorbild zu sein und mit den Töchtern brüllen zu üben. Andere Bilder zu suchen und zu finden und mich über jeden kleinen Fortschritt zu freuen.
Ich hoffe sehr, dass sie eines Tages die Kraft und den Mut und das Selbstvertrauen haben, die Faust in das Grinsen des Grapschers zu schlagen, den Tiger aus dem Bauch zu lassen und sich zu wehren. Und ich hoffe sehr, dass das viele andere auch tun werden. Dass sie darüber reden und sich zusammentun und sich gegenseitig unterstützen. Dass sie sich gegenseitig Vorbild und Mut-Macherin sein werden.

Denn die Wut und der Mut und das Weitermachen werden noch lange nötig sein, auch wenn die Hashtagwelle versickert ist und alle wieder zur „Normalität“ übergehen.