Die Corona-Pandemie nimmt immer mehr an Fahrt auf und die Ausmaße zeichnen sich immer deutlicher ab. Das zeigt sich auch daran, dass die üblichen politischen Verdächtigen allmählich von ihrem Unsinn abrücken und sich unter dem Druck der Ereignisse der Realität beugen.
Nachdem Boris Johnson, an Covid-19 erkrankt und sich in Quarantäne befindend, die britische Nation mit einem Blut, Schweiß und Tränen Brief auf sehr harte Zeiten eingeschworen hat, ist nun auch Donald Trump dazu übergegangen, die Seuche ein bisschen ernster zu nehmen als noch vor ein paar Wochen, als er das Virus “vollkommen unter Kontrolle” hatte, auf das Wetter hoffte und den Demokraten beschuldigte, Corona für politische Zwecke zu missbrauchen. Einzig der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro leugnet die Gefahren von Corona so umfassend, dass er noch von einem “Schnüpfchen” spricht, das ihm als ehemaligen Topathleten nichts anhaben könnte.

Dabei werden die möglichen Folgen mittlerweile ziemlich detailliert prognostiziert. So auch in einem Strategiepapier des Bundesinnenministeriums, dass sich unter anderem mit einem Worst Case Szenario beschäftigt. Es gibt aber auch Auswirkungen dieser Pandemie, die trotz ihrer Dringlichkeit viel zu wenig Aufmerksamkeit erfahren. Das Thema Gewalt zum Beispiel.

Die Coronoakrise ist Vergrößerungsglas und Verstärker zugleich. Alle Dinge, die wir zwischenmenschlich und gesellschaftlich haben schleifen lassen, treten überdeutlich und in sehr viel größerem Umfang zutage. Wir haben uns auf einen Kapitalismus verlassen, der sich nun ernsthaft darüber beklagt, dass die schlecht bezahlten Arbeitskräfte aus dem Ausland nicht mehr kommen, um unseren Spargel zu stechen, unsere Toiletten zu putzen und unsere Verwandtschaft zu betreuen. Und auf eine zutiefst rassistische und sexistische Gesellschaft gebaut, die unter anderem viel zu wenig gegen das Problem häusliche Gewalt unternimmt und stattdessen lieber dumme Witzchen über Political Correctness und fehlende Atemmasken reißt, um das dann auch noch Journalismus zu nennen.

Während der drölfmillionste Text darüber erscheint, wie lachhaft Genderthemen sind und wie wichtig es wäre, sich jetzt doch aber mal wirklich mit “echten Problemen” zu befassen, wird vornehmlich Frauen und Kindern unser kollektives gesellschaftliches Versagen ins Gesicht geschlagen und in den Unterleib geprügelt. Frauenhäuser sind seit Jahren chronisch überbelegt und unterfinanziert. Immer wieder kommt es zu faktischen Aufnahmestopps, die dazu führen, dass jede zweite Frau abgewiesen werden muss. Und jetzt auch noch Corona. Zuhause bleiben also, wochenlang. In einer Situation, in nicht nur vieles ungewiss ist und sich Stress mit Existenzangst mischt, sondern auch die soziale Kontrolle fehlt. Kein Fachpersonal, dem die Flecken auf den Armen des Kindes auffällt. In Wuhan wurden unter der Quarantäne dreimal so viel Opfer häuslicher Gewalt gemeldet wie vorher. In Berlin ist die Zahl der Betroffenen diesen März im Vergleich zum Vorjahr um 11% gestiegen. Und das sind nur die bekannten Fälle.

Kein Wunder, dass Expert*innen Alarm schlagen. Der Bundesvorsitzende der Opferschutzorganisation Weißer Ring rechnet “mit dem Schlimmsten”. Bei der Generalsekretärin des Europarats laufen besorgniserregende Berichte aus den Mitgliedsstaaten ein. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Weder ein Ende der Coronakrise, noch ein Ende der wirtschaftlichen Unsicherheit und der multiplen Anforderungen, die in den nächsten Monaten noch auf uns zugerollt kommen. In Hamburg versucht man mittlerweile zu reagieren und hat eine Pension angemietet, in denen zusätzliche Opfer von häuslicher Gewalt unterkommen können. In Berlin sind es zwei Hotels, in Kassel leerstehende Ferienwohnungen.
Das ist lobenswert und vermag punktuell vielleicht ein wenig den Druck aus der jetzigen Situation rauszunehmen. Aber das Problem verschwindet dadurch nicht. Gerade weil sich Zuspitzungen und Krisen wie diese weder vorhersehen noch verhindern lassen, ist es unumgänglich, die Grundproblematik häusliche Gewalt anzugehen. Und zwar mit allen Konsequenzen. Denn dass jetzt der Bedarf an Plätzen in Frauenhäusern zunimmt,

bedeutet nicht, dass es zuvor nicht auch schon Bedarf gegeben hätte. Zur Erinnerung: Opfer von Partnerschaftsgewalt sind zu über 81% Frauen. Etwa jede 4. Frau in Deutschland ist von physischer und/oder sexualisierter Gewalt durch einen Partner oder Expartner betroffen. Das geschieht zumeist in den eigenen vier Wänden. Wir werden also sehr viel mehr Geld als bisher in die Hand nehmen und sehr viel deutlicher Gewalt ächten müssen. Wir werden endlich aufhören müssen, mit Opfern von oben herab darüber zu reden, was sie angeblich hätten besser machen müssen, um sich zu schützen. Stattdessen sollten wir miteinander sprechen, wie wir verhindern können, dass Menschen zu Tätern werden. Und ja: Auch zu Täterinnen. Wir sollten endlich auf Menschen hören, die zu dem Thema eine fundierte Expertise haben.

Denn die Grenzen des Erträglichen sind beim Thema häusliche Gewalt schon längst überschritten.
Corona sollte und wird uns in vielen Bereichen Anlaß sein, über Dinge neu nachzudenken und sie anders zu bewerten. Gewalt muss dazugehören. Denn sie steht nicht etwa vor der Tür. Sie ist schon längst hereingekommen und schlägt erbarmungslos um sich. Dem müssen wir uns entgegenstellen. Jetzt und jeden einzelnen Tag, an dem die Corona-Pandemie eine hoffentlich überstandene Krise sein wird.

Foto Credit: Foto von Ismael Sanchez von Pexels

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