Jetzt wird es richtig böse und geht ans Eingemachte: Wir müssen nämlich über Humor reden. Das Internet ist gerade 30 Jahre alt geworden und Witze werden nicht nur auf Schulhöfen, Partys und Familienfesten gerissen, sondern im Internet erzählt. Früher hat man sich noch Schallplatten von Otto Walkes gekauft, die Sketche von Loriot auswendig gelernt oder Witze-Bücher von Fips Asmussen gelesen, um Frauen später zu fragen „wie sie heißen, woher sie kommen und wieviel kosten“. Heute sind soziale Netzwerke. Jeden Tag den ganzen Tag. Von 4 Milliarden Menschen, die mittlerweile online sind, wird es doch wohl ein paar geben, die über den gemachten Witz lachen. Ihm Aufmerksamkeit schenken. Ihn validieren. Denn darum geht es ja schließlich.

Es gibt aber auch diejenigen, die nicht lachen. Die eine Pointe nicht verstehen oder sich schlicht und ergreifend weigern, auf sie einzusteigen. Und gemeinhin ordnet man Feminist*innen komplett diesem Spektrum zu: Was ist bloß los mit denen, haben die etwa noch nie von schwarzem Humor gehört? Humorbefreite Feminazis, haha, warum lachen die nicht?!
Darüber, warum Feministinnen (in der Form geht der Vorwurf scheinbar ausschließlich an Frauen) keinen Humor haben und total verbissen und spießig ihre Ideologie verbreiten, gibt es seitenlange Artikel. Darüber, wieso die Aufforderung insbesondere an Frauen zu lächeln und zu lachen ein Herrschaftsinstrument ist und warum man Gewalt nicht humorvoll behandelt wissen will, allerdings auch. Feminismus in diesem Zusammenhang gerne als Sammelbecken der sogenannten Berufsempörten definiert. Menschen also, die sich aus Prinzip aufregen, weil sie grundsätzlich das Prinzip Patriarchat nicht für besonders lustig halten. Menschen wie wir, die an dieser Stelle eine Triggerwarnung aussprechen,

weil es im Folgenden detailliert über Vergewaltigungswitze und andere humoristische Einlagen dieses Kalibers gehen wird. Damit gehören wir parallel zu den Berufsempörten zur Gruppe der Berufsgetriggerten, die das Internet und den öffentlichen Diskurs angeblich nach beleidigenden Inhalten durchsuchen, um sich dann entsprechend darüber aufzuregen und sich somit selbst zum Gespött zu machen. Wenn also jemand auf Twitter einen Vergewaltigungswitz macht,

dann interessiert das nicht nur die, die darüber herzlich lachen können, sondern auch die Popcorn-Fraktion, die vorbeigekommen ist, um zu sehen, ob vielleicht ein paar Leute ausrasten. Dazu muss man den Witz nicht einmal lustig finden.

Es reicht, wenn ein bisschen Action stattfindet und Leute ausflippen, deren Ansichten man vorher sowieso schon für lächerlich gehalten hat. Denn wie albern ist das denn bitte: Warum kann man über solchen Humor nicht einfach drüberstehen? Außerdem darf Satire ja bekanntermaßen alles. Zumindest wenn man denen Glauben schenkt, die dieses Tucholsky-Zitat gerne verkürzt wiedergeben und dabei ausblenden, dass Tucholsky Satire als „das Anrennen gegen das Schlechte“ definiert hat, weil die Wirklichkeit fehlerhaft und nicht ideal ist.

Die Frage ist, welche Zustände angeprangert werden sollen, wenn man Witze über die Opfer von Gewalttaten macht. Die beste Antwort auf diese Frage gibt der US-amerikanische Comedian Anthony Jeselnik. Jeselnik ist das, was Niels Ruf gerne geworden wäre: Ein erfolgreicher Vertreter des schwarzen Humors, der vor nichts und niemandem halt macht – auch nicht vor sich selbst. Ihm zufolge verspottet er nicht die Opfer von Gewalttaten, sondern diejenigen, die in den sozialen Netzwerken „mit ihren Gedanken und Gebeten bei den Opfern sind“. Weil es ihnen in Wahrheit nicht um die Opfer, sondern um Aufmerksamkeit für sich selbst geht.

Eine schlechtere Antwort wäre die, dass man es für einen unhaltbaren Zustand hält, wenn eine Gesellschaft einen (un)ausgesprochenen Konsens darüber erzielt, worüber man Witze machen darf. Man reißt also Witze über Opfer von Gewalt, weil nicht in einer Gesellschaft leben will, in der solche Witze tabuisiert werden.
Und die schlechteste Antwort lautet: I did it for the lulz. Was so viel heißt wie „Find ich halt lustig. Mir doch egal, wie es anderen damit geht.“

Allen drei Antworten ist gemein, dass sie Opfer von Gewalttaten instrumentalisieren. Zur persönlichen Belustigung, zum Untermauern einer privilegierten Ansicht oder zur Bloßstellung spezifischer Form von Bigotterie. Sie treten bewusst nach unten oder benutzen, im Fall von Jeselnik, das Leid anderer als Sprungbrett, um möglichst schwungvoll auf gleiche Höhe oder nach oben treten zu können.
Es gäbe aber auch die Möglichkeit, in ermächtigender Art und Weise humoristisch mit dem Thema umzugehen. Das ist zwar viel anstrengender und komplizierter, wäre aber durchaus angebracht.

Deswegen bleibt es so oft bei Tiefschlägen. Weiter oben müsste man ja erst die Deckung überwinden. Die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal hat dazu mal bemerkt:
„In hierarchischen Kontexten verbieten sich solche Vergewaltigungswitze, weil sie da einer anderen Gruppe Empfindsamkeiten verbieten.“ Mit anderen Worten: Wieso wird von Menschen erwartet, über bestimmten Witzen zu stehen, wenn ihnen zuvor die Beine gebrochen wurden? Wenn sie zuvor immer wieder darauf hingewiesen haben, dass sie sich dazu unter keinen Umständen aufraffen können. Wo verläuft die Grenze zwischen Comedy und Bullying? Welcher humoristischen Intention ist damit gedient, wenn jemand sich ohne Zusammenhang über eine Kollegin lustig macht, die bei einem Unfall einen Arm verloren hat? Was gibt ihm das Recht, ihr diese Dinge wegzunehmen und daraus „Comedy-Material“ zu machen?

Die Antwort darauf ist für viele sehr einfach und klar: Meinungsfreiheit, gepaart mit dem Hinweis darauf, dass wenn eine bestimmte Art von Humor untersagt oder gesellschaftlich geächtet wird, dieses Schicksal auch allen Arten von Humor droht. Eben auch denen, die gegen das Schlechte anrennen. Wer Witze auf Kosten von Schwächeren macht verteidigt nach dieser Logik Das Recht darauf, Witze auf Kosten der Mächtigen machen zu dürfen. Deswegen müssen Witze über Vergewaltigungen zugelassen bleiben, weil das Arbeit am Humor an sich, ach was an der Menschheit ist.
Eine billigere Version von „Ich war im Widerstand“ ist momentan wohl kaum zu finden.

Letztendlich drückt man sich so lediglich vor den Anstrengungen des permanenten Aushandlungsprozesses darüber, was sagbar ist und was und was gesagt werden muss. Und das wohl wissend, dass es für die meisten von uns eine persönliche Schmerzgrenze gibt – einschließlich der Person, die vorgibt durch Rape Jokes humoristischen Widerstand zu leisten.
Tatsächlicher Widerstand zeichnet sich aber dadurch aus, nicht im Uneigentlichen aufgelöst werden zu können. Im „war ja nur Spaß“ und „Ist doch Satire“.
Wenn Humor wirklich von so essentieller Bedeutung ist wie viele behaupten, sollte man nicht nur drüber lachen können, sondern ihn auch ernst nehmen dürfen. Vielleicht sogar nehmen müssen.

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