Es gibt das brave Aschenputtel und ihre gierigen Schwestern. Das reine Schneewittchen hat eine böse Stiefmutter. Um Brad Pitt stritten sich eine frisch-lustige Jennifer Aniston und die bluttrinkende Angelina Jolie. Die christliche Kirche machte Maria Magdalena zur Hure und Maria zur Heiligen lange bevor die 1940er Jahre femme fatales gegen Ingrid Bergmann setzten. Oder Frauenzeitschriften weltweit Meghan gegen Kate.  

Konkurrenz unter Frauen strukturiert seit Anbeginn der patriarchalen Geschichtserzählung unsere westliche Gesellschaft und wird von dieser täglich neu inszeniert. Das macht doch so viel Spaß und Geld! Denn wenn nur eine gewinnen kann, sind Unsummen mit dem Erreichen der perfekten Weiblichkeit zu verdienen: Bin ich hübsch, schlank, beliebt, everybody’s darling genug, um eine Existenzberechtigung auf Instagram zu erhalten? Wie viel muss ich dafür konsumieren, folgen, liken, um selbst genug Follower zu haben?

Der unfassbare Druck des extrem limitierten Frauenrollenbildes, das Sichtbarkeit und Berühmtheit erlangen darf, hat schon Princess Diana of Wales in die Bulimie und Depression getrieben und mit Nachhilfe der Klatschpresse in den Tod. Jede*r, der dieser Presse folgt, beteiligt sich an dem täglichen Krieg gegen Frauen: Dieser setzt nicht nur keusch gegen sexpositiv, devot gegen autark: Er setzt auch weiß gegen schwarz.

Wenn ich gerade sehr dramatisch klinge, liegt das an der unfassbaren Wut, die ich auf die deutsche Berichterstattung über Meghan Markle habe. Zusammengefasst sind Meghan und Harry undiszipliniert, wild, disloyal, eingebildet und gierig: Alles, was man gemeinhin und gerne „Anderen“, die nicht zur eigenen, weißen Kultur gehören, vorwirft. Das ergibt ein hervorragendes Storytelling, in dem man Meghan als wilden Eindringling abstempeln und gegen die als stets korrekt dargestellte, zarte Kate positionieren kann. Die perfekte Filmmusik zum Brexit.

Kann nichts falsch machen: Herzogin Kate

Ich bin erleichtert über jeden Kommentar, der auf Harrys Traumatisierung durch den Tod seiner Mutter und die unfassbare Last der rassistischen Angriffe auf Meghan Bezug nimmt. Aber die sind selten. Noch perfider: Unter dem Vorwand, Meghans Verzweiflung zu verstehen, wird sie wiederholt rassistisch diskriminiert. So schreibt die Grazia in der aktuellen Ausgabe: „Jetzt holt sie sich hellseherische Kräfte!“ Verzweifelt betend, dass die jetzt bitte nicht auch noch Voodoo ins Spiel bringen (mehr rassistisches Klischee geht nicht), schlage ich das Heft auf um diese Pointe zum Artikel über Meghan zu lesen:

„Da (der Hellseher) seine übersinnlichen Fähigkeiten aktiviert, in der Gegenstände wie Handys oder Ringe anfasst, (…), hat Meghan ihm, wie Ex-Kollegen behaupten, bei der letzten gemeinsamen Sitzung ein Brillenetui überreicht, das sie Prinz Charles stibitzt habe. Gut für den Thronfolger, dass es keine Puppe nach seinem Ebenbild war, die man mit Nadeln durchbohrt, um dem Betroffenen Schmerzen zuzufügen.“

Grazia 02/20 Seite 14

Wie war das noch mit dem letzten rassistischen Shitstorm bei der ELLE? Hätte man danach nicht bundesweit Sensibilisierungs-Workshops bei Frauenmagazinen anfordern können?

Anscheinend nicht. Im Gegenteil: Im Radio höre ich kurz darauf einen Kommentar, der fragt, wer denn in Zukunft den Personenschutz der Herzogin übernehmen soll. Doch nicht etwa die Krone?

Das Bisschen Rassismus, das ihre Tätigkeit für „die Firma“ losgetreten hat, das erledigt sich doch sicher ganz von selbst.