Das Elend der Performative Males

Der Performative Male nutzt Feminismus als Verführungstaktik. Unser Autor Nils erkennt in diesem Männertypus altbekannte Phänomene – und Züge von sich selbst.
© Getty Images

Wenn man so alt ist wie ich und trotzdem noch in den sozialen Netzwerken herumhampelt, stellt man schnell fest, dass sich bestimmte Phänomene unter immer neuen Namen ständig wiederholen. Zum Beispiel geistert gerade das Phänomen des Performative Male durch das Internet – ein junger heterosexueller cis Mann, der sich durch das Adaptieren und Anzeigen bestimmter kultureller Codes als einigermaßen feministisch ausweist.¹

Mit Matcha in der Hand, kabelgebundenen Kopfhörern in der Hosentasche, Therapie-Sprech auf den Lippen und dabei Sally Rooney lesend wirkt dieser Mann zu kalkuliert, sein Verhalten zu sehr für ein weibliches Publikum kuratiert, um seinenm Aussagen wirklich Glauben schenken zu können. Alles an ihm soll sagen »Ich bin ein gewaltfreier, ungefährlicher, gebildeter Typ, du kannst mir vertrauen«. Nur haben Frauen das einfach schon viel zu oft gehört: Herzensbrecher, Charmeur, Süßholzraspler, Frauenversteher, Tinderfeminist, Feminismusdarsteller, Kopfnickermann² und jetzt eben Performative Male – es gibt dutzende Begriffe, unter denen sich Männer seit Jahr und Tag markieren, um die Aufmerksamkeit, das Vertrauen und letztendlich auch das sexuelle Interesse von Frauen zu gewinnen.

Ob sie nun Komplimente verteilen, in ihren Datingprofilen schreiben, dass sie auf starke Frauen stehen, oder in Beziehungen »Boundaries« ziehen, wenn sie ihren Freundinnen verbieten, mit anderen Männern zu surfen, es läuft stets auf dasselbe hinaus: Manipulation. Performative Males reden zwar immer noch nur von sich, aber sie tun es in frauengefälligen popkulturellen Referenzen, um sich hinter die weiblichen Verteidigungslinien zu quatschen. Als Phänomen ist es, wie gesagt, nicht neu. 

2013 brach das Kartenhaus von Hugo Schwyzer, einem der damals prominentesten Performative Males, sehr öffentlichen zusammen. Schwyzer, dessen Expertise eigentlich in mittelalterlicher Literatur lag, hatte angefangen, am Community College in Pasadena Gender-Kurse zu geben und galt als »Amerikas heißester Professor«. Er schrieb smarte Artikel für feministische Plattformen und setzte sich offenbar für die Rechte von marginalisierten Gruppen ein. Gleichzeitig hatte er sexuelle Beziehungen mit Studentinnen, mansplainte aus vollen Rohren und brachte mit Vorliebe Schwarze Frauen zum Verstummen.³

Ein Wolf im Schafspelz also. Schwyzer bot auch anderen Performative Males eine Plattform. So ließ er den Pornodarsteller James Deen mehrfach in seinen Kursen zu Studierenden sprechen (wobei die Zielgruppe klar Frauen waren).

Den Hype um Deen Anfang der 2010er Jahre zu erklären, ist heute wirklich nicht einfach. Deen galt als »All-American Boy«, als jemand, auf den sich vor allem die meisten Frauen einigen konnten. Er wurde zum Feministen ausgerufenes, es gab Merchandising-Artikel von ihm, er hatte eine Hauptrolle in einem Film mit Lindsay Lohan. Deen war auch der inoffizielle König der Plattform Tumblr, auf der Tausende von Frauen als selbsternannte »Deenager« mit Slogans wie »If you can’t fuck me like James Deen, don’t try it!«⁴ ihre Begeisterung bekundeten.

Das ging so weit, dass sich Frauen auf Deens Aufruf, mit ihm eine Amateurpornoszene zu drehen, meldeten und später Texte darüber verfassten, wie großartig es war.⁵ Ende 2015 folgte dann der tiefe Fall. Insgesamt neun Kolleginnen beschuldigten ihn der sexualisierten Gewalt und der Vergewaltigung – unter anderem seine damalige Freundin Stoya.⁶

Ein Wolf im Schafspelz also. Schon wieder. Deshalb sind Frauen gut beraten, bei Männern mit Feminismusbezug (also Typen wie mir) sehr vorsichtig bis ablehnend zu sein. Und darum würden sie auch lieber einem Bären allein im Wald begegnen als einem Mann.⁷

Es gibt aber auch noch ein anderes Elend der Performative Males: Was ist zum Beispiel mit Männern, die einfach gerne lesen? Mittlerweile gilt Mann nämlich schon als Performative Male, wenn er gerne, auch in der Öffentlichkeit, ein Buch liest. Dann tut er es, um Aufmerksamkeit zu erregen, und wird dafür in den sozialen Netzwerken entsprechend verspottet.⁸

Also außer er ist heiß, dann landet er bei Hot Dudes Reading⁹, und das ist dann irgendwie wieder ok.

Außerdem haben inzwischen auch Männer begriffen, dass es nützlich sein kann, öffentlich auf Performative Males rumzuhacken. Sowohl die offenen als auch die verdeckten Frauenfeinde. Die offenen Frauenfeinde unterstellen Männern, die sich angeblich oder tatsächlich solidarisch mit Frauen zeigen, sogenannte »Beischlafbettler« zu sein. Also mir zum Beispiel. Ihnen zufolge stimmen Typen wie ich Frauen nur deshalb zu, weil wir gerade dabei sind, irgendeinen verqueren 3D-Schachzug auszuführen, um im Endeffekt an Sex zu kommen. Nee, is klar.¹⁰

Und die verdeckten Frauenfeinde nutzen den Vorwurf, ein Performative Male zu sein, einfach als weitere Ebene ihrer Performativität für weibliches Publikum. Niemand bringt das besser auf den Punkt als der Journalist und Comedian Marlon Kumar: »Hey, da ist ein Performative Male Parodist-Parodist-Parodist, wird Zeit, dass ich den als echter Feminist parodiere.«¹¹

Wir schwanken also zwischen Männern, die wirklich alles tun würden, um sich in den Nah- und Intimitätsbereich von Frauen zu performen, damit sie ihrer habhaft werden können, und Männern, die nicht mal in der U-Bahn oder am Strand in Ruhe ein Buch lesen können, ohne dass man ihnen vorwirft, damit einen ausgetüftelten sexistischen Plan zur Manipulation von Frauen umzusetzen. 

Darauf gibt es nur eine Antwort: Gleichberechtigung und Antisexismus als Selbstzweck. Nicht für Applaus, Anerkennung, Kekse oder Sex, sondern weil es das Richtige ist. Aus Solidarität, aus Eigennutz und für die Freiheit. Solidarität, weil Frauen und andere marginalisierte Gruppen nach Jahrhunderten der Missachtung, Repressalien und Gewalt jede Form der Unterstützung dafür verdient haben, existieren zu dürfen. Eigennutz, weil auch Männer patriarchale Zurichtungen erfahren, die ihnen das Leben zur Hölle machen. Und Freiheit, weil keine noch so hohe Anhäufung von Privilegien das Gefühl ersetzen kann, in seiner Identität wirklich selbstbestimmt zu sein. Dann ist es vielleicht schade oder sogar schmerzhaft, wenn mir als Mann unlautere Motive unterstellt werden, die ich nicht habe. Aber im Patriarchat gibt es wie gesagt ja auch allen Grund dazu. Und aus dem kommen wir weder mit Performance noch mit der Angst vor Performance-Vorwürfen raus. Das müssen wir schon selber machen. Gerade auch dann, wenn es unpopulär ist und keinen Applaus gibt. 

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