Seit „Beulenpest und Schenkelschande“ im Juni letzten Jahres hat sich kaum ein Blogbeitrag von uns so stark verbreitet, wie unsere Replik auf Jens Jessens Titelgeschichte in der ZEIT. Kein Wunder, wir haben damit in ein Wespennest gestochen. Denn wenn Männlichkeit auf dem Spiel steht und verhandelt werden soll, dann geht es – so bekomme ich den Eindruck – um viel.

In seinem Text hat Jessen sich bemüht, Männer als Opfer des feministischen Diskurses aufzuzeigen, sich dafür aber leider der ältesten antifeministischen Narrative bedient. Er hat polemisch erklärt, dass Männer durch Feminismus zu „Menschen zweiter Klasse“ gemacht würden. Das ist so albern, dass ich nicht umhinkam, ihn in meiner Antwort darauf aufmerksam zu machen, dass Frauen meist den deutlich schlechter bezahlten Job machen, öfter Übergriffe und sexualisierte Gewalt erleben und tausende Stunden unbezahlte Care-Arbeit erledigen.

An dieser Passage entfachten viele Diskussionen, in denen Männer uns auf ihr eigenes Unrecht hinwiesen: Dass sie öfter das Einkommen für die Familie erwirtschaften müssen, mehr Zeit im Gefängnis verbringen, öfter als Bedrohung wahrgenommen werden, öfter alkoholkrank und drogensüchtig werden, kürzer leben und öfter Selbstmord begehen. Das mag zunächst als reflexartiges „Mir-geht’s-aber-auch-schlecht“-Gejammere daherkommen. Letztlich werden wir aber einsehen müssen, dass sie recht haben.

Tatsächlich nehmen sich Männer dreimal häufiger das Leben als Frauen. Sie gehen nur halb so oft zum Arzt und sterben daher öfter auch an heilbaren Krankheiten. Psychische Erkrankungen werden bei Männern deutlich seltener diagnostiziert, vor allem, weil sie weniger über ihre Gefühle sprechen und sich seltener Hilfe suchen. Sie greifen daher öfter zu Alkohol, was wiederum auch die Suizidgefahr verstärkt. Für einen Selbstmord wählen Männer rabiatere Methoden, sodass sie damit öfter erfolgreich sind. Denn selbst ein gescheiterter Suizidversuch würde sich schwer mit der sozial geprägten, erfolgsgetriebenen Geschlechterrolle vereinbaren lassen, die sie auszufüllen haben.

Männer haben in unserer Gesellschaft stark zu sein, sie dürfen nicht weinen, müssen erfolgreich sein, stark, sportlich, beschützend und natürlich heterosexuell. Weicheier? Nein danke! Aus dieser kruden Vorstellung von Männlichkeit, die oft auch mit Aggressivität, Hypersexualität und Gewaltbereitschaft einhergeht, resultieren Machtstrukturen, die sich negativ auswirken – auf Frauen* genauso wie auf Männer* selbst. „Solange wir Männer unfähig sind, uns emotional zu öffnen, solange werden wir früh und grundlos sterben“, schreibt Jack Urwin 2014 in seinem viel geteilten Vice-Artikel.

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Video-Link: https://twitter.com/haitreason/status/635312756279803908

Dass Männern es in dieser Welt schwerer haben, emotional zu kommunizieren, vergiftet nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das ihrer Mitmenschen: Partner*innen, Kinder, Freund*innen. „Toxische Männlichkeit“ nennt sich das Prinzip und beschreibt den ungesunden, nicht selten tödlichen Lebensstil, den stereotype, konservative Männlichkeitskonzepte nach sich ziehen. Und diese toxische Männlichkeit ist alles andere als naturgegeben. Es ist eine Rolle, die wir im gesellschaftlichen Theater einnehmen („doing gender“), weil wir, auf der Suche nach unserer Identität, keine anderen Rollen kennen gelernt haben. Und um sozialer Ausgrenzung zu entgehen, performen wir eben das, was wir kennen und was von uns erwartet wird.

Geschlechterstereotype treffen also auch Männer, das macht Männlichkeit zu einem feministischen Thema. Und mal ganz ehrlich: Niemand glaubt doch, dass sich 3,8 Milliarden Männer auf der Welt durch ein einziges Modell repräsentieren lassen! Deshalb müssen wir uns fragen: Wie können wir diese gefährliche Altlast ablegen, ohne das Gefühl haben, unsere Identität – die noch immer stark an unser Geschlecht gekoppelt ist – aufzugeben? Und vor allem: Was soll Männlichkeit für uns in Zukunft bedeuten? Wie sehen die neuen Männlichkeiten aus? Und wie kommen wir dahin?

Lasst uns darüber sprechen! Mit Freund*innen, Partner*innen und Kindern! Ihnen erzählen, wie es uns wirklich geht. Unsere Schwächen akzeptieren und nicht damit hinterm Berg halten, wenn wir mal überfordert sind. Lasst uns weinen! Und unseren Kindern zeigen, dass ihre Identität nicht zwangsläufig an ihr Geschlecht gekoppelt ist.

Was ich da so einfach runterschreibe ist in Wahrheit verdammt schwer. Es tut weh an der eigenen Identität zu kratzen, Neues zuzulassen, sich Schwächen einzugestehen und zu verstehen, dass auch Männer unter Geschlechtsstereotypen leiden. Und die Einsicht, dass all das nicht nur individuelle Empfindungen sind, sondern System hat, kann ohnmächtig machen. Aber es steht zu viel auf dem Spiel, um es nicht zu versuchen! Feminismus ist kein Mann-gegen-Frau, sondern ein Miteinander, bei dem es um faire Verteilung geht. Wenn wir Macht und Verantwortung neu verteilen, verteilen wir auch den Druck, der auf Männern lastet. Wenn also beim nächsten Mal jemand sagt: „Uns Männern geht’s aber auch schlecht“, dann ist die Antwort nicht weniger, sondern mehr Feminismus!

#pinkfüralle