Mit so viel Gegenwind hat Donald Trump nicht gerechnet. Seit einigen Wochen schickt er sich an, mit seinem zweiten Wunschkandidaten den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten von Amerika zu besetzen, aber die Dinge entgleiten ihm. Viel steht auf dem Spiel. Die Mitglieder des Supreme Court werden auf Lebenszeit ernannt und bestimmen auf Jahrzehnte die Ausrichtung des Gremiums. Die jeweiligen Präsidenten (hier ist das generische Maskulinum leider angebracht) nominieren, der Senat wählt. Vakante Posten werden so mit Personen besetzt, deren politischer Gesinnung in etwa der des amtierenden Präsidenten entspricht. Eine feministische Ikone wie Ruth Bader Ginsburg würde niemals von einem republikanischen Präsidenten nominiert und einem republikanisch dominierten Senat bestätigt werden.

Und konservative Hardliner*innen hätten es im umgekehrten Fall bei Mitgliedern der demokratischen Partei schwer. Deswegen muss sich Trump auch beeilen. Die Halbzeitwahlen stehen an und die Prognosen lassen für die Republikaner herbe Verluste erahnen. Deshalb will Trump seine Senatsmehrheit noch schnell nutzen, um seinen erzkonservativen Kandidaten durchzupeitschen. Brett Kavanaugh heißt der Mann und es sieht nicht gut für ihn aus. Zuerst hat ihn eine Frage der demokratischen Senatorin Kamala Harris sichtlich aus dem Konzept gebracht. Mit Hinblick auf seine strikte Befürwortung eines Abtreibungsverbots wollte sie wissen, ob ihm denn ein Gesetz einfalle, dass die Regierung ermächtige, Entscheidungen über den männlichen Körper zu fällen.

Und nun beschuldigt ihn auch noch die Psychologieprofessorin Christine Blasey Ford einer versuchten Vergewaltigung. Eine Weile hat Trump sich zurückgehalten, aber dann ist es doch aus ihm herausgeplatzt: Wenn es so gewesen wäre, dann hätte Blasey Ford etwas gesagt.

Damit stellt sich Trump wie zu erwarten war an die Spitze derjenigen, die einem potentiellen Opfer sexualisierter Gewalt von vornherein keinen Glauben schenken wollen. Weil es sich nicht so verhält wie sie Opferverhalten gerne hätten. Weil es nach einer Vergewaltigung nicht geduscht hat, nicht stereotyp verstört wirkt, wieder Beziehungen eingeht. Oder eben weil es nicht angezeigt hat – die von Blasey Ford geschilderte Attacke liegt viele Jahre zurück. Und genau damit muss Schluss sein. Deshalb haben sich unter dem Hashtag #WhyIDidntReport viele tausend Menschen versammelt,

um sich mit Blasey Ford zu solidarisieren und klarzustellen, dass langes Schweigen nach sexualisierter Gewalt ein solches Verbrechen nicht auslöscht oder ungeschehen macht. Und es bedeutet auch nicht, dass es nicht stattgefunden hat. Im Gegenteil: Die Gründe für die Opfer, nach Missbrauchserfahrungen zu schweigen, sind zahlreich und gehen uns alle an. So schildert die Schauspielerin Ashley Judd, dass sie mit sieben Jahren attackiert wurde und ihr niemand glaubte, weil es doch so ein netter alter Mann war, der das sicher anders gemeint hätte. Also erzählte sie später niemandem davon, dass sie mit 15 vergewaltigt wurde.

Dieses Bagatellisieren von sexualisierter Gewalt ist gesellschaftlich tief verankert und hat Methode. Selbst erklärte Gegner von Donald Trump wie der konservative Autor Tom Nichols sind davor nicht gefeit.

Denn mit 17 ist Mann eben so. Das kann schon mal passieren. Überall tauchen derlei Kommentare auf. Da fasst Mann mit 17 einmal ein Mädchen falsch an und soll nach einer gefühlten Ewigkeit noch dafür bestraft werden? Die Verantwortlichen beim Spiegel haben sich das in ihren Kommentarspalten eine Weile angeschaut und sie dann geschlossen. Wir reden hier immerhin von versuchter Vergewaltigung. Das IST keine Bagatelle. Und selbstverständlich ist es nach wie vor möglich, dass Kavanaugh unschuldig ist. Es geht nicht darum zu behaupten, eine Falschbeschuldigung wäre grundsätzlich oder eben in diesem speziellen Fall nicht denkbar: Brett Kavanaugh ist wömöglich unschuldig. Es geht darum, potentielle Opfererfahrung von vornherein zu entwerten, abzuschmettern und kleinzureden. Opfern  (Mit)Schuld zu geben. So wie 2012 als ein paar junge Footballspieler in Steubenville ein minderjähriges Mädchen vergewaltigten und Bilder davon ins Netz stellten. In den Medien war anschließend viel davon die Rede, wie traurig das Ganze sei. Also nicht für das Opfer – das war ja schließlich betrunken. Sondern für die Stadt und die großartigen Footballtalente. Das waren doch eigentlich gute Jungs. Mit so einer vielversprechenden Zukunft.

Was ist eigentlich mit der Zukunft des Opfers?
Und wieso wird so getan als sei Vergewaltigung ein Ausbildungsberuf, bei dem Anfänger mit Nachsicht behandelt werden müssten? Er war ja noch jung und es war nur dieses eine Mädchen. Ach so, na dann.

Christine Blasey Ford wird am kommenden Donnerstag vor dem zuständigen Senatsausschuss aussagen. Nach 35 Jahren. Sie hatte ebenso das Recht zu der Tat zu schweigen wie sie jetzt das Recht hat, darüber zu sprechen. Es ist wichtig, dass wir zuhören. In jedem Fall.

Quelle Beitragsbild: Lorie Shaull, flickr.