Über mangelnde Aufmerksamkeit für ihr Buch Die verschleierte Gefahr kann sich Zana Ramadani, Aktivistin, Autorin, CDU Politikerin und ehemalige Vorsitzende von Femen Germany, wirklich nicht beklagen. Das Buch wurde unter anderem im Tagesspiegel und in der Welt durchaus wohlwollend und anerkennend besprochen, die Autorin kommt in langen Interviews und in Fernsehbeiträgen zu Wort.

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Vor allem aber verkauft es sich gut – seit mittlerweile acht Wochen steht es auf der Spiegel Bestsellerliste. Zana Ramadani braucht unsere Aufmerksamkeit in Form einer Buchrezension also überhaupt nicht. Trotzdem wollen wir es euch heute vorstellen, weil wir es für wichtig halten, sich nicht immer nur in der Sicherheit der eigenen Filterblase an bekannten und geschätzten Positionen selbst zu vergewissern, sondern sich auch an konträren Auffassungen zu reiben, um aufmerksam zu bleiben und es sich nicht zu gemütlich zu machen. Ramadanis Buch eignet sich dafür deshalb so gut, weil es zum Totalverriss nicht taugt. Es ist weder übermäßig plump, noch schlecht geschrieben oder gar irrelevant. Im Gegenteil: Streckenweise wirft Ramadani in klarer, eindrücklicher Sprache interessante Fragen auf und prangert Missstände an. Zugleich ist das Buch voller blinder Flecken, bewusster Auslassungen, Fehleinschätzungen und pauschalisierender Formulierungen. Das gilt vor allem dann, wenn die Autorin sich darum bemüht, ihre persönlichen Erfahrung in allgemeine Einschätzungen zu transformieren. So gerät ihr das sehr glaubhaft und dicht beschriebene biografische Erleben von patriarchalen Engstirnigkeit und Gewalt in ihrer islamisch geprägten Familie zu einer Aneinanderreihung von wirren Stereotypen wie

„Muslime kritisieren Muslime nicht.“
oder auch
„Im privaten Bereich wird unter Muslimen nicht viel diskutiert.“

Überhaupt hat sie mit Gruppen so ihre Schwierigkeiten. Wenn sie zum Beispiel über die wachsende Gefahr durch Salafisten aufmerksam macht und dabei deren Anzahl unterschlägt: Etwa 0,25 % der hier lebenden Menschen muslimischen Glaubens sind Salafist*innen. Oder auch wenn sie sich darüber mokiert, dass zwar eine Islam-Konferenz einberufen wurde, „um der Probleme bei der Integration von Muslimen Herr zu werden“, aber keine Hinduismus-Konferenz. Natürlich kann man es sich einfach machen und, nachdem man etwas von „Denkverboten“ gefaselt hat, den Islam deshalb zur Problem-Religion erklären. Man kann aber auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass die Integration von 4,5 Millionen Muslimen eine andere Hausnummer ist als die von 100000 Hindus. Oder den Umstand, dass sich Deutschland integrationsmäßig mit Ghettoisierung, Rassismus und  Ihr geht aber bald wieder! Haltung gegenüber Muslimen jahrzehntelang nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat.

Die Stärken des Buches liegen klar woanders. Die Frage danach, inwiefern sich muslimische Frauen insbesondere bei der Kindererziehung zu Komplizinnen, ja Täterinnen des Patriarchats machen, stellt es sehr nachdrücklich und plausibel. Noch interessanter wäre die Frage allerings, wenn Ramadani sie nicht so ausschließlich an Muslima heften würde. Gleiches gilt für ihre scharfen Beobachtungen zur Weitergabe von tradierten Rollenbildern und Machtdispositiven durch Erziehung und für die Frage, warum Jungen in vielen Kontexten so viel mehr Wert beigemessen wird als Mädchen. Seyran Ateş hat das am Rande einer Debatte mit mir mal den „Pimmelkult“ genannt, das „unfassbare kulturelle Abfeiern der Tatsache, dass jemand einen Penis hat“.

Davon hätte das Buch mehr vertragen können. Auch von der gelegentlich aufblitzenden Möglichkeit zur kritischen Selbstreflexion, etwa wenn Ramadani darüber sinniert, ob sie ihre positiven Erfahrungen mit dem Christentum womöglich glücklichen Umständen zu verdanken hat. Und selbst die Wut, der empörte Aktivismus und das zur Schau getragene Unverständnis über all die Dinge, die sie als falsch identifiziert, schaden dem Buch nicht, sondern halten die verschiedenen Fäden und Themen zusammen. Was dem Buch schadet, sind Kapitel wie Falsche Feministinnen, das vor unterkomplexen und überheblichen Anfeindungen nur so strotzt. Selbstverständlich kann sich die Autorin gegen Rassismusvorwürfe zur Wehr setzen. Behauptungen, dass solche Vorwürfe antidemokratisch seien und sie zum Schweigen bringen sollen, disqualifizieren diese Gegenwehr allerdings. Meinungsfreiheit besteht eben nicht darin, dass man unwidersprochen und kritikfrei etwas behaupten kann. Denkverbote zeichnen sich nicht dadurch aus, dass man in einem vielbesprochenen Buch frei behaupten kann, man leide an den vorherrschenden Denkverboten.

Im Fazit ist Die verschleierte Gefahr eine lesenswerte Lektüre die an einigen Stellen wichtige Punkte zur Debatte um Einwanderung, Toleranz und Integration machen kann und an anderen Stellen grandios bis kläglich scheitert. Letzteres liegt vor allem an Ramadanis unbedingter Forderung nach Eindeutigkeit und ihrem Unvermögen, Mehrdeutigkeit auszuhalten. „Es gibt nur einen Feminismus“ schreibt sie zum Beispiel und verweist in ihrer berechtigten Wut über Zwangsverschleierung darauf, dass solange das Kopftuch irgendwo auf der Welt ein Zeichen der Unterdrückung sei, es nicht gleichzeitig als Zeichen der Selbstbestimmung gesehen werden könne.

Man fragt sich unwillkürlich, was als nächstes kommt. Solange Menschen irgendwo auf der Welt gezwungen werden, sich vor einem Tyrannen zu verbeugen, kann eine Verbeugung keine Geste des Respekts sein? Solange der Ausspruch Allahu akbar von islamistischen Terroristen bei ihren Anschlägen gerufen wird, darf er nicht von Muslimen beim täglichen Pflichtgebet gesprochen werden?

Solange sich Autor*innen wie Zana Ramadani vor der zugegebenermaßen oft schwer zu ertragenen Mehrdeutigkeit in die vermeintliche Eindeutigkeit flüchten, werden wir das kritisieren.

Die verschleierte Gefahr. Die Macht der muslimischen Mütter und der Toleranzwahn der Deutschen erschienen im Europaverlag. 264 Seiten, 18,90 €.