Auf das neue Buch von Silke Burmester habe ich mir sehr gefreut… und zugleich hatte ich ein bisschen Schiss. Silke Burmester ist eine langjährige Freundin von Pinkstinks, ohne die wir heute nicht wären, wo wir sind, und eine brillante, scharfzüngig-lakonische Autorin, die unter anderem mit Kolumnen für die taz und für den Spiegel für Furore gesorgt hat. Nebenbei hat sie uns auch noch in Das geheime Leben der Carla Bruni eingeführt

und uns erklärt, warum wir uns in vielerlei Hinsicht beruhigen können.

Alles sehr gute Gründe, sich das Buch schon vor Wochen vorzubestellen. Darüber hinaus ist sie aber auch Mutter eines mittlerweile erwachsenen Sohnes und hat genau darüber geschrieben. Und zwar ohne sich sich dabei von ihrem Leben und ihren Gefühlen ironisch zu distanzieren. Silke Burmester, so sagt sie selbst, hat sich mit ihrem Mutterblues nackt gemacht. Ungeschönt und ohne Rücksicht auf gesellschaftliche oder ihre eigenen Befindlichkeiten schildert sie darin, wie es sich anfühlt, wenn das erwachsene Kind Heim und Mutter verlässt. Genau der Punkt hat mir Sorgen gemacht. Im Sommer ist mein 4. Kind zur Welt gekommen und ich hatte den Eindruck, mich auf ein Buch über Abschiedsschmerz, leere Nester und blinde Flecken der Gesellschaft diesbezüglich nicht wirklich einlassen zu können.

Das Gegenteil war der Fall. Mutterblues ist so lebensklug geraten, so grundehrlich und unverstellt, ohne sich dabei auch nur einen Funken Anbiederung an die Leserschaft zu leisten, dass man es auch als (mal wieder) frisch gebackener Vater, der sich von den beschriebenen Gefühlen sehr weit weg wähnt (Spoiler: So weit ist es gar nicht!), wunderbar lesen kann. Mit klarem Blick und unprätentiöser Sprache wird da der Facettenreichtum einer Mutter-Kind-Beziehung beleuchtet. All die Oberflächlichkeiten und der Stumpfsinn, die man sich über die Jahre geben muss. Aber eben auch die zärtlichen, unendlich liebevollen Momente. Alles zusammen wird vermisst. Weil, wie die Autorin feststellt, eben nicht nur das wegbricht, was man so allgemein unter „ein Kind “ subsumiert, sondern noch viel mehr: Jemand, mit dem oder der man Leben, Wohnung, Tisch, Gespräche und Erinnerungen teilt.

Und Silke Burmester wäre nicht Silke Burmester, wenn das Buch nicht auch eine gesellschaftsrelevante Dimension hätte, in der sie die Fragen danach aufwirft, wie mit Eltern, insbesondere mit Müttern, und ihrem Trennungsschmerz umgegangen wird. Zwischen Helikopter- und Rabenmutter bleibt nicht viel Platz für die reale Situation von Frauen, die mit den Wechselahren zugleich auch noch diese Art von Trennung verkraften müssen. Deren Gefühle immer gleich weggeredet, für übertrieben befunden und mit Tipps zur Besserung versehen werden, weil man scheinbar nicht gewillt ist, sie auszuhalten.

In seinen letzten Tönen ist dieser Mutterblues, das ist an dieser Stelle wohl nicht zu viel verraten, gar nicht mehr so bluesig, sondern mit sich selbst versöhnt und bereit zum Aufbruch. Nicht nur darin ist das Buch ein Gewinn.

Mutterblues. Mein Kind wird erwachsen und was werde ich? erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch. 256 Seiten, 14,99 €.