Zu meinen größten beruflichen Freuden der letzten Jahre gehört die Arbeit mit Männern. Gerade angesichts der Tatsache, dass Pinkstinks und mir immer wieder Männerfeindlichkeit vorgeworfen wird, ist es mir eine besondere Freude, vor und für Männer zu sprechen, mit ihnen zu arbeiten und Perspektiven zu entwickeln. Ich tue das zumeist mit Verweis auf etwas, was ich den Preis der Männlichkeit nenne. Diese Formulierung geht mir mittlerweile so leicht von den Lippen, dass ich immer wieder aufgefordert werde, sie zu erklären, weil gar nicht klar ist, was ich damit genau meine. Also erkläre ich es:
Was müssen andere, was musst du dafür bezahlen, der Mann zu sein, der du heute bist? Was hat es dich gekostet, als Mann dort zu sein, wo du heute stehst? Welchen Preis haben andere dafür zahlen müssen?

Meistens werden diese Fragen mit einem kurzen Raunen quittiert, gefolgt von einem betretenen Schweigen. Ein Schweigen, das daraus resultiert, dass alle Beteiligten diverse biografische Ereignisse gedanklich überprüfen und damit beginnen, gegenzurechnen. Ein Schweigen, das sich deshalb in die Länge zieht, weil ich es mit einer Aufstellung darüber fülle, was mich Männlichkeitskonzepte gekostet haben, die ich genau deshalb als toxisch bezeichne: meine körperliche und psychische Unversehrtheit zum Beispiel. Ich wäre gerne ohne Gewalt aufgewachsen, aber die Männlichkeitsversion, die mein Vater lebte und für sich höchstwahrscheinlich leben musste, ließ das nicht zu. Ich hätte in diesem Zusammenhang auch gerne über eine Sprache verfügt, die es mir ermöglicht, entspannt und anhaltend mit anderen zu kommunizieren. Aber meine Sprache wurde mir bis ins Stottern gebrochen. Männlichkeit hat mich Geld gekostet, Freundschaften, Zeit, Nerven und noch vieles mehr.

Und was wird sie andere gekostet haben? Den Mädchen und Frauen, denen gegenüber ich mich wichtigtuerisch und herablassend verhalten habe, weil ich meinte, alles besser zu wissen und in allem besser zu sein? Den Jungen, die ich als Jugendlicher beleidigt und erniedrigt habe, um Situationen herzustellen, in denen mal nicht ich es bin, der von anderen Jungen beleidigt und erniedrigt wird? Den Männern, deren schüchterne und halbverdeckte Bitten und Anerkennung und Zuneigung ich aus Desinteresse und Ignoranz einfach übergangen habe?

Ein schwerwiegender, folgenreicher Irrtum von sogenannten “Männerrechtlern” besteht darin, diese Kosten nicht zusammendenken zu können, weil sie sie nicht zusammendenken wollen. Wenn Feminist*innen die Rechnung aufmachen, was toxische Männlichkeit andere kostet, überschreien “Männerrechtler” die furchtbaren Zahlen mit anderen, die sie selbst in den Mittelpunkt stellen:

Und es stimmt ja auch: Männer bezahlen mit ihrer Gesundheit und ihrem Leben dafür, dass wir von Männlichkeit eine hegemoniale Version entwickelt haben, von der wir Belastbarkeit, Unzerstörbarkeit und die permanente Nichtachtung der eigenen Leistungsgrenzen fordern. Männer bezahlen durchaus auch mit dem Umgang mit den eigenen Kindern dafür, dass ihnen als Vätern qua Geschlecht abgesprochen wird, sich fürsorglich und aufopferungsvoll um den Nachwuchs kümmern zu können. Aber diese Kosten können nicht gegeneinander abgewogen und voneinander abgezogen werden – sie addieren sich vielmehr zu einer schier unerträglichen Gesamtsumme. Wenn also die Rechtsanwältin Asha Hedayati für uns die gewalt(ät)igen Kosten toxischer Männlichkeit für Frauen beziffert, dann negiert das in keiner Weise die Gewalterfahrungen von Männern. Es ist vielmehr der Umstand, dass Gewalt gegen Jungen und Männern von Männern zu selten als eigenständige Problematik und zu häufig als bloßer “Ja, aber” Einwand angeführt wird, der das Leid der Betroffenen zum Mittel für einen bestimmten Zweck degradiert – nämlich Feminist*innen über den Mund und in die Parade zu fahren. Die 122 Frauen, die 2018 von ihren (Ex)Partnern ermordet wurden, werden nicht gegen von häuslicher Gewalt betroffene Männer ins Feld geführt.

Gewalt gegen Männer lässt sich sowohl davon unabhängig als auch gemeinsam damit thematisieren – als Zwischensumme oder als Versuch einer Gesamtbilanz.

Also was kostet uns das Ganze? Lohnt sich der Preis, den jede*r Einzelne von uns für toxische Männlichkeitskonzepte zu zahlen hat, für das, was dabei herauskommt? Ich glaube nicht. Nicht einmal für Macht und Privilegien. Das ist es nicht wert. Und genau deshalb sollten Männer nicht nur daran erinnert werden, warum sie solidarisch mit Frauen zu sein haben, sondern auch damit konfrontiert werden, welchen Preis sie selbst zu zahlen haben. Wie oft ihnen mit Verweis auf ihre Männlichkeit etwas genommen wurde. Wie viele Male sie mit Schmerz, Leid und Verlust bezahlen mussten.
Was sie der “Spaß”, ein Mann zu sein, kostet.


Anmerkung: **Uns ist bewusst, dass der Text in Teilen nur eine binäre Perspektive darstellt. Hier geht es um die Erläuterung einer patriarchalen Geschlechterdynamik mit einem binären “Mann” / “Frau” Gefälle, obwohl das längst nicht alle Menschen umfasst .

Bild: Unsplash

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