Der taubenweiße Riese

 

Seit ein paar Tagen werden wir von verschiedenen Leuten dazu aufgefordert, uns zu einer bestimmten Aktion zu verhalten. Oft treten Menschen an uns heran und wollen es ganz genau wissen: Ist das jetzt Sexismus? Darf man das überhaupt? Was tut ihr eigentlich dagegen? Wie bewertet ihr das? Wir sind immer froh, wenn ihr uns fragt. Zu diesem Thema unsere Meinung abzugeben ist nicht ganz einfach, weil Aktionen mitverwoben sind, die wir sehr schätzen. Aber wir sagen ganz klar:

Wer „Mehr Mut zum Ich“ sagt und „Mehr Geld für Mich“ meint, kann nicht mit unserer Unterstützung rechnen.

Wir von Pinkstinks kritisieren in keinster Weise die BodyTalk Workshops, die vom Frankfurter Zentrum für Essstörungen seit mehreren Jahren, übrigens auch vor der Finanzierung durch Dove, deutschlandweit abgehalten werden, im Gegenteil: Die konsequente Arbeit daran, Mädchen und jungen Frauen zu verdeutlichen, dass ihre Körper ein Geschenk sind, welches niemand zu kritisieren, herabzusetzen, für sich zu beanspruchen oder ihnen madig zu machen hat, kann gar nicht genug wertgeschätzt werden. Das FZE arbeitet überaus professionell und wir sind dankbar für ihre grandiose Arbeit. Sie ist Vorbild für die Theaterarbeit in Schulen von Pinkstinks. Darüber hinaus haben wir als eingetragener Verein, der selbst auf Unterstützung durch Spenden und Stiftungszuwendungen angewiesen ist, vollstes Verständnis dafür, dass schließlich von irgendwoher das Geld für die ganze gute Arbeit kommen muss. Realitätsferne, zerstörerische Körperbilder und verschobene Selbstwahrnehmung ändern sich nicht von alleine.

(Illustration: Geeksisters)

Sie müssen mit aller Kraft und Entschiedenheit richtig gestellt werden. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen muss auch danach gefragt werden, woher das Geld für eine solche Arbeit kommt. Vielleicht erinnert ihr euch noch: Im Verlauf des Bundestagswahlkampf ist dem Kanzlerkandidaten der SPD Peer Steinbrück durch die Sendung „Absolute Mehrheit“ von Stefan Raab ein Gewinn von 300.000 € zuerkannt worden, die er der Syrien-Hilfe der Organisation Ärzte ohne Grenzen zugutekommen lassen wollte. Die Organisation lehnte dankend ab. Nicht etwa weil sie das Geld nicht hätte gut gebrauchen können, sondern weil es zu ihren Spendenrichtlinien gehört, kein Geld von politischen Akteuren anzunehmen, egal wie groß die Summe und wie überzeugend die für die Spende vorgetragenen Gründe sein mögen. Für Nichtregierungsgesellschaften ist die politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit von zentraler Bedeutung, weil sie zivilgesellschaftlich motiviert sind und gerade gegen politische, wirtschaftliche und humanitäre Missstände anzugehen versuchen. Das ist der Grund, warum wir bei Pinkstinks kein Geld von Firmen und politischen Parteien annehmen und bei gemeinnützigen Organisationen individuell abwägen, ob wir mit ihren Zwecken übereinstimmen.
Und das ist auch der Grund, warum wir die Kampagne „Mehr Mut zum Ich“ nicht vorbehaltlos feiern können, obwohl es augenscheinlich um eine gute Sache geht, nämlich um die finanzielle Unterstützung von BodyTalk Workshops. Stattdessen fühlen wir uns verpflichtet, zu nerven und zu nörgeln: Wer steckt dahinter? Von wo kommt das Geld? Im Fall der Kampagne „Mehr Mut zum Ich“ geht es konkret um eine Kooperation der Marke Dove und des Drogerie Konzerns Rossmann, die „vom 21.10. bis 9.11.2013 für jedes bei Rossmann verkaufte Dove Produkt 10 Cent für BodyTalk Workshops spenden“.

So weit, so nachvollziehbar. Aber Dove gehört zum Unilever Konzern, zu dem auch die Marke Axe zählt, die seit Jahren durch sexistische Plakate und Clips beworben wird. Während Dove also völlig zu Recht den Missstand beklagt, dass Mädchen sich aus Turnhallen und Schwimmbädern zurückziehen, weil sie sich unwohl mit ihrem äußeren fühlen,

zeigt uns Axe überdeutlich, dass sie da sowieso nicht hin gehören: Falls neben dem Startblock irgendein Axe-gestylter Milchbubi steht, laufen sie eh nicht los.

Darüber hinaus geht es Unilever und Rossmann vorrangig darum, etwas zu verkaufen. So hat Rossmann offenbar überhaupt keine Probleme damit, den Müttern, die durch die Kampagne sensibilisiert werden sollen, Beautytipps zu geben und eine Hydro Tuchmaske der Eigenmarke Rival de Loop anzupreisen, von deren Verkauf die BodyTalk Workshops keinen Cent sehen. Aber sollten die das nicht dürfen? Also ihre eigenen Produkte bewerben, wenn sie etwas Gutes und Sinnvolles machen wollen? Selbstverständlich steht Rossmann das frei und niemand kann das verbieten. Aber es gibt ein Wort dafür: Social Washing. Er ist noch nicht so weit verbreitet wie sein prominenteres Pendant Green Washing, aber im Kern geht es um dasselbe. Man suggeriert etwas (soziales Engagement, Umweltschutz), um seine Produkte besser verkaufen zu können. Wie und warum das funktioniert, können unsere Freund*innen von Lobbycontrol viel besser als wir erklären, daher hier nur die Kurzfassung: Es lohnt sich.

Abschließend bleibt zu sagen:
Aufklärung gegen zerstörerische Körperbilder und Essstörungen – großes Lob und weiter so! Social Washing – nicht mit uns!

Nils Pickert