Einmal im Monat Bücher für Pinkstinks rezensieren zu dürfen, ist ein großes Privileg. Good Night Stories for Rebels Girls jedoch ein ganz besonderes. Und zwar weil dieses nicht nur unter ungewöhnlichen Umständen zustandegekommen ist und sich sehr gut liest, sondern auch weil ich es noch in einigen Jahren immer wieder zur Hand nehmen werde, um meinen Kindern abends daraus vorzulesen. Wohlgemerkt nicht nur meiner rebellischen Töchtern, sondern auch meinen Söhnen. Denn die Geschichten, die dieser Band versammelt sind allemal lesens- und hörenswert – und zwar unabhängig von Alter (auch wenn das Buch für Kinder ab 12 empfohlen ist) und Geschlecht.

Was sind das für Geschichten? Es sind einhundert Mal die unerhörten, viel zu selten erzählten Lebensgeschichten von sehr bemerkenswerten Frauen, eingedampft auf eine Gute-Nacht-Lektüre und einer Illustration der vorgestellten Person.

Es geht dabei um die zentralen Fragen, die ein Schlaglicht auf Leben und Schaffen der jeweiligen Frau: Wer war/ist sie, was hat sie geleistet, wofür steht sie? Was treibt außergewöhnliche Frauen an? Und es geht dabei um Vielfalt. Ob nun Malerin, Regierungschefin, Sportlerin, Rapperin, Widerstandskämpferin oder Verfassungsrichterin. Ob bereits vor langer Zeit verstorben oder immer noch sehr lebendig und aktiv.

Alle hier versammelten Frauen tragen dazu bei, den eigenen Horizont zu erweitern und den Himmel der Vorstellungskraft endlich nicht mehr nur mit männlichen Fixsternen zu besetzen. Das eigentlich simple Konzept der kurzen Vorstellungstexte geht so vollständig auf, dass man nicht umhinkommt, sich mehr, viel mehr zu wünschen (Keine Sorge, ist schon in Arbeit!), und sich zugleich über die Vielzahl der eigenen blinden Flecken zu wundern.

Dieses Buch gibt es, weil es unfassbar notwendig und, verdammt noch mal, höchste Zeit war. Denn nicht nur die beiden Autorinnen der Good Night Stories, Elena Favilli und Francesca Cavallo haben sich gefragt, wo eigentlich die ganzen Frauen in unserer Geschichte und unseren Geschichten geblieben sind, und wieso wir oftmals so erzählen, als wären Frauen entweder überhaupt nicht relevant oder nur dazu da, um wie ein hübscher Spiegel die interessante, noch nicht so bekannte Facette einen Mannes zu beleuchten. Viele andere Menschen wollten das auch wissen, deshalb gelang es den beiden auch, dass erfolgreichste Crowdfunding für ein Buchprojekt auf die Beine zu stellen, das es je gegeben hat.

Die unglaubliche Erfolgsgeschichte dieses Buches mit seinen Übersetzungen in mittlerweile mehr als 30 Sprachen zeigt, wie groß das Bedürfnis nach inspirierenden, authentischen Frauen ist, die Vorbild sein können. Es füllt mit wenigen Sätzen zu Einzelpersonen und jeweils einem exemplarischen Zitat eine Lücke, die so groß ist, dass ganze Kulturgeschichten darin versenkt und außer Sicht gezogen wurden.
In der Geschichte der weiblichen Emanzipation haben ganz Generationen immer wieder beinahe von Null anfangen müssen, weil das Wissen von und um Frauen verschüttet, missachtet und grundsätzlich als unerheblich abgetan wurde. Dabei ist dieses Wissen für jede und jeden eine Bereicherung und kann, wie dieses Buch zeigt, Inspiration sein. Für ein Mädchen, das zu den Sternen fliegen will wie Mae Jemison. Oder auch für einen Jungen, der so malen können will wie Artemisia Gentileschi.

Die deutsche Ausgabe wurde dankenswerterweise vom Hanser Verlag besorgt und ermöglicht es, dass nicht nur Original Netflix Serien und Harry Potter auf Englisch lesen müssen, weil man die Übersetzung nicht abwarten kann gestählte Eltern in den Genuß dieses Buches kommen, sondern eben auch diejenigen, für die es bestimmt ist: Rebellische Mädchen.

Good Night Stories for Rebel Girls. 100 außergewöhnliche Frauen erschienen im Hanser Verlag. 224 Seiten, 24 €