Bei Pinkstinks haben wir einen Giftschrank. Darin befindet sich Werbung, die so sexistisch, ätzend und menschenverachtend ist, dass wir sie für unsere alltägliche Arbeit nicht heranziehen wollen. Tatsächlich kramen wir sie vor allem für Vorträge hervor, in denen wir klar machen wollen, wie sexistische Werbung Stück für Stück in die Darstellung sexualisierter Gewalt an Frauen kippt. Manchmal nutzen wir sie auch in Debatten, um Menschen, die unsere üblichen Beispiele, harmlos, spitzfindig oder witzig finden, den Ernst der Lage zu veranschaulichen. Also nie ohne Anlass. Heute ist es mal wieder so weit. Grund ist dieser Werbeclip der Firma GearDude.

Das Motiv der benutzten Frau, die dazu herhalten muss, einen Second Hand Gegenstand aufzuwerten, ist zwar nicht neu, aber doch so offensichtlich misogyn und beschämend, dass es selbst auf internationaler Ebene nicht oft zum Einsatz kommt. Im deutschsprachigen Raum unseres Wissens nach so zum ersten Mal. Daher können wir den auch nicht einfach unkommentiert lassen – auch wenn uns klar ist, dass wir damit auf den Köder anbeißen, und man drüben auf GearDudes Facebookseite schon das Popcorn bereit gestellt hat, um uns „verklemmten Spaßbremsen“ beim Aufregen zuzuschauen und uns zum „Vorstand der intersektionalen Landschwesternschaft“ zu ernennen. Machen wir, sind wir, könnt ihr haben. Unter anderem weil es eben auch schon 2008 richtig beschissen war, dass BMW mit diesem Plakat

und dem Slogan You know you’re not the first für Gebrauchtwagen geworben hat das gesellschaftlich beliebte Motiv des Slut Shamings zu variieren. Frauen, die vor dir schon Sex mit anderen hatten, sind wie Gebrauchtwagen, sagt diese Werbung. Im Prinzip ist das eklig, aber wenn sie sexuell attraktiv ist, dann macht das nicht so viel aus. Dann besteigt Mann auch eine Frau/setzt sich in einen Wagen der Premiummarke BMW, wenn Mann nicht der Erste ist. Die Kampagne wurde damals so mit öffentlichem Protest eingedeckt, dass sie ziemlich schnell wieder verschwand. Das hielt einen US-amerikanisches Autoverleiher allerdings nicht davon ab, sich ein paar Jahre später des gleichen Motivs zu bedienen. Auch da weiß Mann, dass Mann nicht der erste ist, aber stört einen das bei DEM Aussehen wirklich.

Im Sinne von: Sonst schon. Sexuelle Kontakte von Frauen sind ein Makel, über den Mann nur aufgrund von Attraktivität bereit ist hinwegzusehen. Die Firma hat damals übrigens auf die anhaltende Kritik mit einer männlichen Variante reagiert.

Ganz alter Hut, auch heute noch gern genommen: Wir erweitern die Kampagne einfach noch um einen Mann, mal sehen wie ihr das dann noch sexistisch finden könnt, hahaaaaa! Was ein Move. Hat nicht wirklich funktioniert. Das Motiv aber war mittlerweile so berüchtigt, dass es sogar dafür benutzt wurde, 2013 die Automarke Aston Martin mit einer Fälschung zu diskreditieren.

Warum solche Sachen bei uns im Giftschrank sind? Stimmt, es geht deutlich nackter, anzüglicher, gewalttätiger und herabsetzender. Allerdings bedient sich dieses Motiv in so deutlicher und infamer Weise der Praxis des Slut Shamings, dass es dort schon richtig liegt. Es liegt dort, weil Leute drüben bei GearDude es nur deshalb „creepy“ finden, weil das Model „gerade mal wie 15 aussieht. „Eine erwachsene Frau um die 50“ wäre hingegen witzig. Es liegt dort, weil selbst Menschen, die sich gegen Mobbing und Bullying engagieren, nichts besseres einfällt, als der Schlampe die Jungfrau entgegenzusetzen.So als wäre es eine gute Idee, sich auf das falsche Spiel mit diesen beiden Kategorien einzulassen, oder als hätte irgendwer tatsächlich das Recht, Frauen für Sexualität zu beschämen.

Und es liegt am Slane Girl. Jener jungen Frau also, die 2013 auf einem Eminem Konzert in Irland dabei fotografiert wurde, wie sie Oralsex mit 2 Männern hatte. „Krasse Helden“ rief das halbe Internet und natürlich auch „Was für eine Schlampe„. Sie sei „ekelerregend“ schrieben viele in den sozialen Netzwerken. Eine „widerliche Hure“, eine „Schande“ und der Grund dafür, „dass Männer keine Töchter wollten“. Überhaupt: „Keiner kauft gern benutzte Ware!

Benutzte Ware – wie die gebrauchten Musikinstrumente, die sich mit der GearDude Suchmaschine finden lassen. Die noch so jung, so gut in Schuss und wenig bespielt sind, dass es gar nicht mal so schlimm ist, wenn sie nicht frisch und unberührt sind. Die Instrumente … und die Frauen. Wir haben nicht erwartet, dass diese vergiftete und vergiftende Sichtweise 2017 ganz plötzlich verschwunden ist. Sie aber so umgesetzt zu sehen, ist ziemlich ernüchternd und furchtbar. Also danke, GearDude. Für nichts.