Es ist heiß in Deutschland.

Auch wenn nach Wochen der Spitzentemperaturen und der damit einhergehenden Dürre in einigen Teilen des Landes wieder graue um die 20 Grad Normalität eingekehrt ist, geht es vielerorts heiß her. Und das liegt nicht nur am Wetter. Gerade erst hat der Chef der AfD in einem Interview verlauten lassen, dass er nicht glaubt, Menschen könnten irgendetwas gegen den Klimawandel machen. Zuvor haben sich die Gemüter an Sommerlochdebatten wie Kindergeld für nicht in Deutschland lebenden Eltern und der Einführung einer allgemeinen Dienstpflicht erhitzt. Davor waren es die fehlenden Erntehilfskräfte. Und im Herbst wird in Bayern gewählt.

Aber hängt das überhaupt alles miteinander zusammen und wenn ja, was hat das mit Pinkstinks zu tun? Bei genauerer Betrachtung erstaunlich viel. Denn seit der Gründung des Vereins beobachten wir, wie sich bestimmte gesellschaftliche Debatten und Prozesse immer schneller drehen und dabei zuspitzen. Die Art und Weise wie über Geflüchtete gesprochen wird, über bestimmte emanzipatorische Errungenschaften, über die Auswirkungen von #MeToo oder auch nur über die eigenen Positionen mit anderen zeigt, dass die Spaltung der Gesellschaft voranschreitet. Immer mehr Menschen scheinen davon überzeugt zu sein, dass Deutschland in vielerlei Hinsicht zu weit gegangen ist und sich nun aber mal wirklich besinnen sollte: Die Grenzen wurden zu weit geöffnet, wir waren zu nett zu Geflüchteten, mit diesen feministischen Sprachpolizeispielen muss endlich Schluss sein. Wir sind die Zahlmeister von Europa, wir sind zu liberal, wir sind zu tolerant der Intoleranz gegenüber. Und die Partei, die diesen Gedanken momentan am meisten verkörpert, ist nicht etwa die AfD sondern die CSU. Die Partei also, die mit Blick auf die anstehende Wahl seit Monaten der AfD hinterherläuft und einfach nicht einsehen will, dass die Menschen womöglich dann doch eher das Original wählen und nicht die Nachahmenden. Der auf eine Großdemonstration gegen ihre Politik unter dem Motto #ausgehetzt nichts anderes einfällt als ein „Ja zum politischen Anstand“ zu fordern und dass man „gegen links aufstehen“ müsse. Ausgerechnet.

Während die CSU psychisch Kranke gerne wie Straffällige behandeln möchte und ein neues Polizeiaufgabengesetz verabschiedet hat, in dem es nicht mehr um konkrete Gefahren, sondern um „drohende Gefahren“ geht, findet sie, dass die anderen zu weit gehen. Während Markus Söder Begriffe wie „Asyltourismus“ streut und sich Horst Seehofer über 69 Abschiebungen zu seinem 69. Geburtstag freut, sollen sich die anderen gefälligst mäßigen. Während man selbst seit Jahren eine Politik des Ultimatums und der Eskalation betreibt,

sind es die anderen, die mit ihren Forderungen und ihrer Sprache den Diskurs vergiften. Das Ganze wirkt mittlerweile wie die Jagdszenen der Zeichentrickserie South Park, in der die Jäger lautstark bekunden, bedroht zu werden, um auf ihre Beute möglichst großkalibrig das Feuer eröffnen zu können.

Noch einmal: Das betrifft uns. Denn Begriffe wie „Gender-Ideologie“ und „Frühsexualisierung“ sind Bestandteil dieser gefühlten Bedrohungslage. Diese von der AfD übernommenen Kampfbegriffe richten sich auch gegen uns und unsere Arbeit. Und der Grund, warum wir das hier thematisieren, ist die Zentralisierung randständiger politischer Positionen, die unter anderem durch die CSU stattfindet. Aufklärungsarbeit zu „Frühsexualisierung“ zu verzerren, ist keine radikale Position mehr. Die Umdeutung der Machtposition zur Bedrohungslage (Es kommt direkt auf uns zu!) hat Hochkonjunktur. Da kann man dann auch schon mal nach 12 Jahren in der Bundesregierung eine „linke Meinungsvorherrschaft“ attestieren. Denn schließlich „geht es darum, wie das Gefühl auch ist“.

Dieses Gefühl ist es, das Horst Seehofer dazu veranlasst, den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts Andreas Voßkuhle dazu aufzufordern, „nicht Sprachpolizei zu sein„, wenn dieser Seehofer für die Verwendung der Formulierung „Herrschaft des Unrechts“ kritisiert. Dieses Gefühl drückt sich in der Sympathie für Viktor Orbán aus. Im Ungarn des CSU-Freunds und Trägers des Franz Josef Strauß-Preises werden übrigens gerade die Gender Studies faktisch aus den Universitäten verbannt. Schließlich sei das Ideologie und keine Wissenschaft.

Wir haben da auch so ein Gefühl: Egal, was das Wetter bringt – es wird ein heißer Herbst.