Ist das jetzt sexistisch oder nicht doch irgendwie selbstbewusster Sport? Wenn es um die dekorative Begleitung von Sportarten durch Frauen geht, ist es oftmals gar nicht so einfach zu entscheiden, womit man es nun genau zu tun hat. Bestes Beispiel dafür ist Cheerleading. Lange Zeit erschien es als das ultimative Sinnbild dafür, wie junge sexualisierte Frauen in knapper Bekleidung männliche Sportler für ihre Heldentaten bejubeln. Aber ein Blick in die Vergangenheit und auf die Gegenwart zeigt, dass dieses zurecht kritisierte Bild so nicht aufrechtzuerhalten ist, Zum einen war Cheerleading bei seiner Entstehung vor über 100 Jahren eine reine Männersache. Zum anderen ist es mittlerweile selbst eine kompetitive, herausfordernde Sportart mit eigenen Meisterschaften – und durchaus nicht nur etwas für Frauen.

Bei den Wischer-Girls ist diese Entwicklung wiederum nicht ganz so eindeutig. Und gerade deswegen lohnt es sich, sie nachzuvollziehen. Wischer Girls oder Wischerinnen, das sind junge Frauen, die bei professionellen Handballspielen auf Zuruf des verantwortlichen Schiedsrichters oder der Schiedsrichterin die Spielfläche nach einem Foul reinigen. Das ist wichtig, damit die Teammitglieder nicht auf schweißbedeckten, glatten Boden ausrutschen und sich verletzen. So weit so nachvollziehbar. Aber seit Wischer-Girls 2005 bei einem Spiel der Rhein-Neckar-Löwen erstmals eingesetzt wurden, ging es eben auch immer darum, mit weiblicher Sexiness und angedeuteter Verfügbarkeit das männliche Publikum zu unterhalten. Andere Vereine zogen nach – auch in dem Wissen darum, dass es zu Übergriffigkeit seitens der Fans kommen kann. Wischer-Girls, so scheint es, stehen unter „besonderer Beobachtung“.

Das gilt umso mehr für die Wischerinnen der SG Flensburg-Handewitt. Diese werden nämlich von dem Erotikunternehmen Orion gesponsert und dementsprechend präsentiert.

„Je heißer der Job, umso knapper die Dienstkleidung“ hieß es 2015 bei der Vorstellung der neuen Arbeitskleidung für die Wischerinnen. „Wenn’s in der Hölle Nord brodelt, wischen die Wischerinnen der SG Flensburg-Handewitt ab sofort in frechen Röcken und engen Shirts. Da kriegen sportliche Höhepunkte doch gleich eine gänzlich neue Bedeutung.“

Subtilität war anscheinend nicht nötig. Allen sollte klar sein, worum es geht. Schließlich sponsert hier ja auch ein Erotikunternehmen. Die Sache scheint eindeutig. Aber da gibt es immer noch einige Details, die diesen Fall besonders machen. Denn für einen Flensburger Sportverein ist es mitnichten besonders abwegig, sich von einem Erotikunternehmen sponsern zu lassen. Sowohl die Beate Uhse AG als auch die Ausgliederung Orion wurden in Flensburg gegründet und sind dort teilweise noch ansässig. Die Zusammenarbeit mit dem lokalen Handballverein besteht seit Jahren. 2003 unterzeichnete der damalige Vereinsmanager einen Sponsorenvertrag mit der Beate Uhse AG. Infolgedessen prangten auf den Hintern der Herren die Schriftzüge beate uhse und www.sexy.de. Auf die Frage, ob es denn ausgerechnet die Hose sein musste, antwortete der damalige Manager: „Das ist doch sexy. Wir haben erotische Männer.“ Die Affinität zur Branche war also geschlechtsübergreifend vorhanden.

Ein anderes Detail ist die Weiterentwicklung der Gesellschaft im Allgemeinen und des Handballsports im Besonderen. Wischen tun nämlich längst nicht mehr nur Frauen. Wischen ist auch keine reine Promoaktion mehr, die man halt irgendwie mit einer notwendigen Aufgabe verbindet. Wischer*innen gehören zum Team.

Die Geschichte der Wischer-Girls ist eine, die im besten Fall über sich hinaus weisen kann. Sie beginnt bei einem der üblichen Versuche, für eine bestimmte Sportart mit weiblichem Sex-Appeal Aufmerksamkeit zu erregen. Und zwar nach einem sehr klassischen Schema: „Süße, hübsche, grazile, sexy Frauen“ im Dienst von „starken, kräftigen, leidensfähigen Männern.“ Und an vielen Punkten bleibt sie leider genau dort stehen. Darüber braucht man sich angesichts der Tatsache, dass Orion wieder die „heißesten Feger der Liga“ ausstattet und sich auf „heiße Pfiffe, pralle Bälle und ganz viel Schweiß“ freut nicht hinwegzutäuschen. Aber die Geschichte muss dort nicht enden. Sie hat das Potential, sich von dem Fokus darauf zu emanzipieren, was angeblich oder tatsächlich „Männerherzen höher schlagen lässt“. Und das wäre letztendlich nicht nur für den Sport gut.

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Quelle Beitragsbild: Orion Pressefoto.