Vor zwei Wochen waren sich alle einig: 2016 war so schlimm, dass es 2017 nur bergauf gehen kann. Als mir unsere Theaterpädagogin Blanca Fernandez kurz vor Jahresende diesen Werbespot von Audi Spanien rüberschickte, in der ein Junge mit Autos und mit Puppen spielt,

war ich fast überzeugt, Pinkstinks im neuen Jahr mangels Protestgründen auflösen zu können. Wenn 2017 werbetechnisch so weiterging, war Hoffnung für Gleichberechtigung in Sicht.
Unsere sehr trockene Blanca warnte nur: „Na toll. Jetzt bekommt er das Auto UND die Blondine.“ Das war nicht ernst gemeint, aber dass ihr Pinkstinks noch etwas behalten werdet, liegt an einigem anderen Schrott, den wir seit dem in TV und Netz gesehen haben. Zum Beispiel den hier: Eine Werbung für Nikotin-Kaugummis.

Die wenigsten jüngeren Zuschauer werden diese Anspielung auf den Film „Dirty Dancing“ (1987) verstehen und lediglich eine dicke Frau sehen, die ziemlich inkompetent wirkt. Wir hören schon die Erklärung der zuständigen Agentur: „Dies ist keine Diskriminierung sondern die berechtigte Angst vor ungesundem Übergewicht, die Raucher davon abhält, ihr Sucht zu bekämpfen. Dass Übergewicht beim Tanzen hinderlich sein kann haben wir an einer bekannten Sequenz aus „Dirty Dancing“ gezeigt, bei der der Mann die Frau hochstemmen muss. Die Tollpatschigkeiten haben nichts mit dem Gewicht zu tun sondern sind direkt dem Film und der Figur von „Baby“ (Jennifer Grey) als Wiedererkennungsmoment entnommen.“

Ich habe als damals noch sportliche Abiturientin diese berühmte Szene mit meinem damaligen Freund auf der Bühne nachgetanzt und bin dabei kopfüber ins Publikum gestürzt. Mein halterloses Oberteil rutschte und offenbarte meine nackten Brüste, es gab unbändige Lacher statt Klatschen und ich werde noch heute knallrot, wenn ich daran denke. Dabei fanden es alle sehr „süß“. Ich bin schlank, aber meinem Kerl würde ich heute beim Mambo-Sprung mangels Körperspannung den Rücken brechen und mich selbst in keinster Weise halten können. Niemand würde mich dafür verachten. Meine Mitarbeiter*innen verzweifeln des Öfteren an meiner Verpeiltheit, weil ich gerne wichtige Dokumente verlege und praktisches Denken mir nicht sehr liegt. Keine*r bringt das mit meinem Gewicht in Verbindung. Das alles ist ok, sogar niedlich oder attraktiv, solange ich nicht fett bin. Siehe die Figur von „Baby“ aus Dirty Dancing, siehe Bridget Jones, siehe Carrie aus „Sex and the City“, siehe die Manga-Figur Sailor Moon. Hauptsache, ich sehe aus, als würde ich mich am Riemen reißen, sei es mit Zigaretten, zu viel Kaffee oder Nicotinell-Kaugummi, um ja nicht mehr Raum einzunehmen, als Frauen in unserer Gesellschaft zusteht.
Der Spot ist genau deshalb diskriminierend, weil er das Stereotyp „dick = unsexy, ungelenk und doof“, das Hengameh übrigens in diesem Youtube-Video hervorragend ausarbeitet, bestätigt. Während die Sorge über einen für alle gesunden Mambo-Sprung gerechtfertigt ist, dreht es sich in diesem Persiflage-Spot nicht um Sportlichkeit, sondern um die Unfähigkeit, als Frau attraktiv und cool zu sein, wenn man dick ist. Der Nicotinell-Frau, die nachts schweißgebadet aufschreckt, weil sie im Traum 50 kg zugenommen hat und (deshalb?) schlagartig dümmlich ist, hätte man auch eine ultracoole Beth Ditto in den Traum setzen können.

Beth Ditto IMG 5491.jpg
Von Photograph by Rama, Wikimedia Commons, Cc-by-sa-2.0-fr, CC BY-SA 2.0 fr, Link

Oder die wahnsinnig aufregenden „Plus-Size“-Ladies, die auf unserer Demo gegen GNTM im letzten Februar im SO36 in Berlin auf die Bühne kamen und bei Männern und Frauen Ekstase auslösten. Wir haben übrigens alle wild getanzt.

Apropos, GNTM: In vier Wochen geht es wieder los. Ob Heidi den Mambo-Sprung kann? Und Vito? Ich glaube kaum: Das ist physikalisch schwierig, sie ist zu lang, und ob er kräftig genug ist…Egal wie viel Kilo, es liegt nämlich vor allem an Kraft und Technik. Und da geht einiges, Nicotinell.

Wenn mit der Angst vor Zunahme Geld gemacht werden soll, dann bitte mit vernünftigen Argumenten (z.B., dass man kein Geld für neue, größere Kleidung ausgeben möchte), nicht mit Diskriminierung. Und nein, wir machen uns nicht locker. Auch nicht 2017. Auch nicht für, nein schon gar nicht für, die Erinnerung an Patrick Swayze und die „Zeit unseres Lebens“.

Happy Neues! Eure Stevie