Es geht wieder los: Ich hatte schon eine ganze Weile kein zweijähriges Kind mehr, das sich so oft wie möglich nacheinander die gleichen Bücher vorlesen lassen wollte, aber jetzt ist es so weit. Und eigentlich mag ich das auch. Dieses Entwickeln von  kleinen Geschichten anhand von anschaulichen Büchern. Wenn da nur nicht ständig dieser Geschlechterunfug wäre, der über dieses frühe Medium in den Kopf von meinem Kleinen gehämmert werden soll. Das nervt unheimlich.
Okay, ich gebe zu, dass ich vorbelastet bin. Was ich von Bobo Siebenschläfer,

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Prinzessin Lillifee,

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Leo Lausemaus

leo

und Konsorten halte, habe ich an anderer Stelle schon deutlich gemacht. Bobo Siebenschläfer ist selbst für sehr kleine Kinder erschreckend eindimensional und erfreut sich an Nickerchen mit Papa im Garten, während Mama kocht, putzt, aufräumt und sich auch sonst um alles kümmert. Prinzessin Lillifee ist so fragil, dass ihr Körper in der Realität wahrscheinlich zerbrechen würde. Außerdem füttert sie immer nur ihre Tiere und isst nie selbst. Und Leo Lausemaus kann sich vor übergriffigen, schwarzpädagogischen Ermahnungen seiner Eltern kaum retten (Kleine Kostprobe: „Man sagt nicht ‚ich will‘. Kinder, die zu viel wollen, bekommen am Ende gar nichts.“).

Man mag mir also durchaus den Vorwurf machen, überkritisch zu sein. Tatsache ist aber, dass ich noch viel weiter ausholen könnte – quasi zu einem Rundumschlag. Das Börsenblatt Magazin hat die Umstände mal wie folgt zusammengefasst: Während den emanzipatorischen Bemühungen der 80iger Jahre ist man dazu übergegangen, den überpräsenten Jungenfiguren in Kinderliteratur Bücher mit Mädchengestalten entgegenzusetzen. Als sich die Jungen schließlich auch aus diesem Grund vom Lesen abwandten, wurde der Ruf nach „Jungenliteratur“ laut. Mit dem Ergebnis, dass heute in den Bücherregalen Geschlechtertrennung herrscht,

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und Mädchen gerade mal so „frech“ sein dürfen, sich in einen Jungen zu verlieben.

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Oah, wie frech! Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs. Eindeutig geschlechtsspezifische Bücher mit ewig schluchzenden Jungfern, trinksüchtigen holzbeinigen Piraten und bösen Waisenhausverwalterinnen („Wie Tim am Strand an Mädchen fand“) fallen zumindest noch ins Auge.

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Doch was ist mit den unterschwelligen Stereotypen?

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Mit all den Bürgermeistern, Polizisten, Feuerwehrmännern, Bauarbeitern, Malern etc., die keine weibliche Entsprechung haben? Mit den vielen Erzieherinnen, Supermarktverkäuferinnen und Grundschullehrerinnen, für die es scheinbar kein männliches Pendant gibt? Mit der Darstellung von Kindern, die schon in Büchern zum ersten Spracherwerb Klischeeabziehbilder zu sein haben (Das Titelbild stammt aus so einem Buch!)?

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Ja, es stimmt. Natürlich gibt es auch unglaublich großartige, tolle, ermutigende und vielfältige Kinderbücher. Und die stellen wir euch auch gerne vor. Aber genau wie Katja von Krachbumm fragen wir uns, wieso es die Aufgabe von Eltern sein soll, klischeefreie Kinderbücher wie die Nadeln im Heuhaufen zu suchen. Da muss doch mehr drin sein.

Ich für meinen Teil werde dem wieder mit einer Mischung aus „Das lese ich meinen Kindern erst gar nicht vor„, „Bücher, die es so viel besser machen“ und dreistem  „on-the-fly Gegengendern“ begegnen. Die Bücherwelten von meinem Sohn mögen zwar harmlos aussehen, aber sie werden voller Bürgermeisterinnen und langhaariger Männer bevölkert sein, die im Supermarkt an der Kasse sitzen. Mit Mitte Zwanzig konnte ich mir meine eigenmächtigen Abänderungen noch ganz gut merken und entsprechend wiederholen. Was dann mitunter zu dem bemerkenswerten Effekt geführt hat, dass Großeltern und andere Vorleser*innen richtig gelesen haben und trotzdem von meinen Kindern korrigiert wurden: „Feuerwehrfrau!“

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Ich bin gespannt, wie es dieses Mal wird.