Heute ist es mal wieder Zeit für eine Buchvorstellung – und was für eine: Die Bloggerin Christine Finke hat ein Buch über ihr Leben als alleinerziehende Mutter von drei Kindern geschrieben und legt dabei mehr als einen Finger in die offene Wunde der Gesellschaft. Wie mit Alleinerziehenden umgegangen wird, was man ihnen zumutet und was sie sich dafür auch noch alles anhören müssen, darüber berichtet sie auf 240 Seiten. Ihre Wahrheit liegt dabei irgendwo zwischen Statistiken und persönlicher Erfahrung, zwischem dem großen Gefühl völliger Erschöpfung und dem Selbstvertrauen, das man daraus ziehen kann, doch alles irgendwie hinzubekommen. Und in dem Wissen, was Alleinerziehenden alles abverlangt wird, obwohl man ihr Familienmodell permanent als defizitär markiert. Als Überbleibsel und Notlösung. Selten als logische Konsequenz. So gut wie nie als richtige Entscheidung. Aber eins nach dem anderen.

Zu behaupten, wir hätten uns auf dieses Buch als leichte Lektüre gefreut, entspräche nicht den Tatsachen. Dafür lesen wir Christine Finkes Blog Mama arbeitet, in dem sie unter anderem auch Einsamkeit, Armut und Diskriminierungserfahrungen thematisiert, schon viel zu lange. Es sind Nachrichten aus dem gesellschaftlichen Abseits, die dort zu finden sind. Darüber, warum man sich nicht mehr auf Weihnachten freut und wieso einen ständig das schlechten Gewissen verfolgt. Das Buch bündelt all diese Erfahrungen und fängt damit schon beim Titel an: Kann man das Wort allein steigern? Das hört sich total falsch an. Aber genau das ist es ja eben auch. Es ist falsch, dass wir gesellschaftlich alleinerziehend als Superlativ zu allein installieren und es einfach hinnehmen, dass Menschen, mehrheitlich Frauen, am Abgrund balancieren.

Das Buch beschreibt minutiuös wie diese gesellschaftliche Gleichgültigkeit auf persönlicher und institutioneller Ebene beschaffen ist: Was müssen sich Alleinerziehende nach der Trennung anhören? Wieso wollen es immer alle vorher gewusst haben, obwohl nie jemand was gesagt hat? Wie wird Schuld verteilt? Welche logistischen Anforderungen werden an Alleinerziehende gestellt? Warum fühlt sich Urlaub eigentlich nie wie Urlaub an? Wo ist Scheitern vorprogrammiert?

Aber es beschreibt auch die hellen Momente der erzwungenen Alleinverantwortlichkeit. Wenn trotz aller Widrigkeiten Familie gelingt. Wenn Dinge in Bewegung gesetzt werden, von denen man vorher geglaubt hat, sie wären unverrückbar.
Die vielleicht liebenswerteste Eigenschaft des Buches ist es dabei, wie freimütig Christine Finke andere Alleinerziehende sichtbar macht. Wie selbstverständlich sie offenlegt, wo sie von anderen Alleinerziehenden Anregung und Unterstützung erfahren hat. Wie gerne sie die zu Wort kommen lässt. Auch das scheint, neben vielen anderen Dingen,  ihrer jahrelangen Erfahrung als Einzelkämpferin geschuldet zu sein. Weil alleinerziehend der Superlativ von allein ist, brauchen Alleinerziehende so viel Öffentlichkeit und Unterstützung wie nur irgend möglich.

Wenn das kein gutes Fazit ist.

Allein, Alleiner, Alleinerziehend, erschienen im Bastei Lübbe Verlag. 239 Seiten, 14,99 €.