Heute ist Equal Pay Day. Das bedeutet, dass heute wieder einmal darauf hingewiesen wird, dass Männer und Frauen unterschiedlich bezahlt werden: In Artikeln, Kommentaren oder auch mit coolen Werbeaktionen wie dem „Frauenticket“ der Berliner Verkehrsbetriebe soll der sogenannte Gender Pay Gap, also die geschlechtsspezifische Lohnlücke, sichtbar gemacht werden.

Wenn man es mit dem Equal Pay Day allerdings genauer nehmen würde, dann hätte die BVG Aktion eigentlich darin bestehen sollen, Frauen vom 1.1.2019 bis heute kostenlos fahren zu lassen. Aber das ist tatsächlich ziemlich viel Geld und sicher nicht der Zweck dieser an sich sinnvollen Werbemaßnahme. „Genauer nehmen“ ist allerdings das Stichwort. Denn seit der Ausrufung des Tags für die gleiche Bezahlung Mitte der 60er Jahre in den USA mehren sich die Stimmen derer, die das ganze für eine Luftnummer ohne Substanz halten. Und seit einigen Jahren weisen sie regelmäßig darauf hin, dass das mit den 21% Lohnunterschied so nicht stimmen würden, weil es sich dabei lediglich um die Differenz zwischen dem durchschnittlichen Bruttolohn von Männern und Frauen handelt, die nicht abbilden würde, dass Frauen sich häufiger für Teilzeit und schlechter bezahlte Jobs entscheiden. Oftmals geschieht das mit großer Geste auf die in der Überschrift erwähnte „Wahrheit über den Gender Pay Gap“. Dass es einen Unterschied zwischen bereinigtem und unbereinigtem Gender Pay Gap gibt, ist so geheim, dass sogar die Tagesschau darüber einen ihrer 100 Sekunden Erklärfilme gemacht hat – also gar nicht.

Oder es wird zu Recht darauf hingewiesen, dass die Einkommensunterschiede regional so verschieden sind, dass es sogar Regionen gibt, in denen Frauen mehr verdienen als Männer: Cottbus zum Beispiel. Bemerkenswert ist daran nicht etwa die Recherchearbeit oder die Kritik an den Zahlen des Gender Pay Gap, sondern die Agenda, die dahinter steht. Artikel zum „Mythos Gender Pay Gap“ finden sich vor allem in konservativen Medien, die sich dabei leider häufig dieses „Wir haben 100 Lungenärzte befragt und die haben eine Verschwörung aufgedeckt“ Tonfalls bedienen, der wirklich alles andere als sachdienlich ist: Pscht, es sind nur 6% (oder auch 2%-7%) Lohnunterschied ist keine Neuigkeit, unvollständig und schlicht und ergreifend ein Ablenkungsmanöver.

Die Wahrheit über den Gender Pay Gap ist, dass er eine absolute Unverschämtheit ist. Noch unverschämter ist allerdings der Umgang damit, das peinliche Beharren darauf, dass das vor allem persönlichen Befindlichkeiten und Entscheidungen von Frauen geschuldet ist, die sich ja nicht so einfach abstellen lassen. Dieses Jahr hat das unter anderem die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung übernommen.

Was hier so nonchalant „Privatleben“ genannt wird, das ist der Umstand, dass Frauen für ihre Beiträge zum Erhalt und zur Entwicklung der Gesellschaft leisten, entweder gar nicht oder unzureichend bezahlt werden. Man wirft ihnen dabei gerne vor, dass sie dies freiwillig täten, schlechter verhandelten und grundsätzlich ja auch genauso arbeiten könnten wie Männer – dann würden sie auch entsprechend verdienen.

Aber die 52,4%, die Frauen täglich mehr unbezahlte Arbeit leisten als Männer, die sind unverzichtbar: Erziehung von Kindern, Pflege von Angehörigen, Hausarbeit, Ehrenämter – all das erledigt sich nicht von selbst. Es handelt sich dabei auch nicht um irgendwelche Hobbies, denen Frauen sinnloserweise frönen, anstatt für gutes Geld arbeiten zu gehen. Kümmern ist alternativlos. Frauen vorzuhalten, sie würden nun einmal eher zu einem klassischen Frauenberuf greifen als zum hochdotierten IT-Job oder sich mit Teilzeitarbeit die Aufstiegschancen vermasseln, ist neben der schlechteren Bezahlung nur ein weiterer Tritt in die Beine. Die Wahrheit über den Gender Pay Gap ist der Gender Care Gap:

1. Väter arbeiten mehr als ihre kinderlosen Kollegen.
2. Mütter schlafen zu wenig, Väter nicht.
3. In Teilzeit arbeiten mehr Frauen als Männer. Ihnen werden dabei sowohl berufsqualifizierende Maßnahmen vorenthalten als auch entsprechende Aufstiegsmöglichkeiten. Und das selbst bei Stellen, die extra für Teilzeit ausgeschrieben sind.

Wie gesagt: Über die konkreten Zahlen in Sachen Entgeldgleichheit können wir gerne reden. Also welchen Abstand es genau bei gleicher Qualifikation gibt und mit welchen Maßnahmen der sich überwinden lässt. Aber dann reden wir auch darüber, warum Deutschland im europäischen Vergleich so schlecht aussieht und, und darüber, wieso Care Tätigkeit immer noch als Pillepalle, das bisschen Haushalt abgetan wird. Die 21% sind real. Diejenigen, die diese Zahl in Abrede stellen, verweisen gerne darauf, dass die Realität komplexer ist als sich durch die nackte Zahl ausdrückt. Das ist zweifellos richtig. Tatsächlich ist die Realität aber noch viel komplizierter als die Kritik zur Relevanz des Gender Pay Gap. Die Gründe dafür vor allem „im Privatleben“ zu verorten, ist ein durchschaubarer Versuch, sich nicht mit den systemischen Gründen befassen oder sie gar verändern zu müssen.
Denn der Gender Pay Gap ist eigentlich ein gesellschaftlicher Auftrag, der nicht nur ein paar Gehaltskorrekturen erfordert, sondern tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen. Um darauf aufmerksam zu machen, reicht ein Tag im Jahr nicht. Aber der Equal Pay Day ist ein guter Anfang, um zu zeigen, wo es hakt und was schiefläuft.

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