Wenn es ein Regal gäbe, in dem bekannte Bücher stehen, die kaum jemand gelesen hat, wäre Das andere Geschlecht von Simone de Beauvoir darin sicher zu finden. Obwohl es eine scharfsinnige, lohnenswerte und weit über die Zeit hinausreichende Analyse sozialer Verhältnisse ist, existiert es beinahe ausschließlich als Ruf und Leseaufforderung: Sollte man kennen! Das passiert Büchern und Autor*innen immer wieder. Ähnlich wie Salman Rushdie nach der Veröffentlichung des Buches Die satanischen Verse als Autor auf „der mit der Fatwa“ eingeengt wurde und sehr viel mehr gekauft als gelesen wurde, wird Beauvoir zu Unrecht auf „die mit dem Feminismus“ eingedampft. Wie viel mehr in dieser Frau und auch speziell in diesem Buch steckt, hat sich die Journalistin und Autorin Julia Korbik genauer angeschaut und pünktlich zum 110 Geburtstag von Simone de Beauvoir in diesem Jahr das Buch Oh, Simone! vorgelegt.

Es ist, so viel sei vorweggenommen, nicht weniger als eine kritische Liebeserklärung an eine große Schriftstellerin und Denkerin, die es verdient hat, wiederentdeckt zu werden.

Dazu wählt Korbik einen sehr persönlichen Zugang, beginnt bei ihrem eigenen (Un)Wissen über Beauvoir und erzählt, wie sich ihr bemüht abgeklärtes Desinteresse an dieser Ikone des Feminismus als junge Erwachsene zu Wertschätzung steigert. Bis Simone de Beauvoir ihr die Autorin ist, zu der Korbik immer wieder greift, um zu lernen, sich zu vergewissern und auszurichten. Die Recherchearbeit, die Korbik für Oh, Simone! geleistet hat, leuchtet aus jedem Kapitel. Und doch besticht das Buch gerade durch die Verweigerung Korbiks, das Thema durch ihr Wissen sperrig und akademisch zu gestalten.

Stattdessen wendet sie eine Methode an, mit der sie schon 2014 mit ihrem Erstlingswerk Stand Up! Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene Erfolg hatte, und nähert sich auf eine neugierige, unverstellte und nachvollziehbare Weise an. Sie legt keine Biografie vor, sondern hält ein begeistertes Plädoyer, in dem sie einzelne Facetten Beauvoirs beleuchtet: Die Autorin, die Aktivistin, die Gefährtin, die Philosophin. Die familiären Hintergründe werden ebenso beleuchtet wie ihre prägenden beruflichen Verbindungen und Vorbilder. Beziehungsgossip findet gleichrangig neben der Schilderung existenzialistischer Ideen statt. Und immer wieder auch Kritik. Korbik will und kann den Leser*innen nicht die Tatsache ersparen, dass Simone de Beauvoir im von den Nazis besetzten Paris eisern daran festhielt, ein unpolitisches Individuum sein zu wollen, dass sich einzig um die eigene Menschwerdung kümmert. Denn die Scham darüber war der große Antriebsmotor für Beauvoirs späteren politischen Aktivismus. Das eine ist ohne das andere nicht zu verstehen.

Damit das alles nicht so trocken daherkommt, unterbricht Korbik ihre Ausführungen immer wieder mit Listicles, Anekdoten und Fakten, um die entrückte Ikone wieder greifbar zu machen. Das könnte man ihr auf der Höhe des heutigen Kulturzynismus als Anbiederung an eine jungendliche Zielgruppe auslegen. Tatsächlich zeichnet es aber lediglich die eigenen Zugänge der Autorin nach. Bleistiftnotizen am Buchrand 2.0 sozusagen.

Julia Korbik gelingt mit Oh Simone! sehr viel. Nämlich, dass man Simone de Beauvoir lesen will. Jetzt, gleich, auf der Stelle. Und natürlich mehr von Julia Korbik.

Oh, Simone! Warum wir Beauvoir wiederentdecken sollten erschienen im Rowohlt Verlag. 320 Seiten, 12,99 €. Der Aufnäher aus dem Titelbild stammt von thepropcorner und kann hier gekauft werden.