Selbstverständlich dürfen sie das. Und sie tun es auch in wachsender Zahl. Allerdings werden ihnen dabei immer wieder Steine in den Weg gelegt. Und das gilt eben nicht nur, wenn es um die Zugänge zur Politik geht, sondern auch und gerade dann, wenn sie bereits politisch arbeiten. Besonders eindrucksvoll hat das diese Woche die Autorin und Stadträtin Christine Finke geschildert: In einer Rundmail an all ihre Kolleg*innen im Stadtrat wurde mit Bezug auf ihre feministischen Positionen, ihre Lobbyarbeit für Alleinerziehende und einem sexistischen Profil über sie auf einer Antifeminismusplattform gegen sie Stimmung gemacht. Auch wenn der Versuch anscheinend ausgesprochen plump war und nicht verfangen hat, bietet das Anlass, über den Einzelfall hinauszublicken. Denn natürlich lässt sich im Jubiläumsjahr von 100 Jahren Frauenwahlrecht festhalten, dass wir weit gekommen sind. Frauen dürfen mittlerweile wählen und können sogar Bundeskanzlerin werden. Dass wir allerdings von tatsächlicher Gleichberechtigung noch sehr weit entfernt sind, lässt sich daran ermessen, wie mit Frauen in der Politik umgegangen wird und was es sie kostet. Denn auch wenn Frauen mit solchen Bildern

nicht mehr von Wahlurnen ferngehalten werden: Um die Bewertung ihrer Mütterlichkeit geht es immer noch. Ob eine stillende Politikerin des Plenarsaals verwiesen wird oder ob Angela Merkel in der öffentlichen Wahrnehmung von Kohls Mädchen zur Mutti der Nation aufsteigt: Politikerinnen scheinen in übersteigertem Maß auf ihre Reproduktionseigenschaften reduziert werden zu müssen. Übrigens auch wenn sie keine Kinder haben. Angela Merkel musste sich ihre Kinderlosigkeit von Frauke Petry genauso vorwerfen lassen wie Theresa May von ihrer innerparteilichen Konkurrentin Andrea Leadsom.

Aber das Problem geht noch tiefer. Politikerinnen sind massiven Anfeindungen ausgesetzt, werden beschimpft, geschnitten und sexistisch angegangen. Hinzu kommt, dass wenn man diese Tatsachen erwähnt, reflexartig erwidert wird, dass es Politiker auch schwer hätten. Das ist zweifellos richtig. Der Ton ist rauer geworden. Insbesondere Menschen, die links der Mitte Politik machen, werden in den sozialen Medien mit Anfeindungen regelrecht zugekübelt. Aber es gibt qualitative Unterschiede. Wenn es in einer Studie heißt:

80 % der Befragten haben psychische Gewalt erfahren.
Über 40 % sind mit Tod, Vergewaltigung, Schlägen oder mit dem Entzug ihres Mandats bedroht worden.
Gegen 25 % ist man mit physischer Gewalt vorgegangen.
20 % wurden belästigt.

Dann sollte man sich nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier von Parlamentarierinnen aus 39 Ländern die Rede ist und nicht von Parlamentariern. Und man redet auch nicht die Hasspostings klein, denen sich männliche Kandidaten um ein politisches Amt ausgesetzt sehen, wenn man feststellt, dass ihre innerparteilichen Kontrahentinnen mit der doppelten Menge eingedeckt werden. Politiker kommen selten bis gar nicht in die Verlegenheit, sich dafür rechtfertigen zu müssen, dass sie ausgerechnet als Mann Politik machen. Politikerinnen werden mit dieser Forderung ständig konfrontiert. Denn „so hässlich, dass sie in die Politik gehen müssen, sind sie doch gar nicht“. Oder eben viel zu hässlich.

Oder viel zu weinerlich, zu aufreizend, zu fett.

Sicher werden auch Männer fett genannt. Aber Peter Altmeier und Helge Braun spricht deshalb niemand die Befähigung zur Politik ab. Und gewiss unterstellt man Parlamentariern gerne auch Inkompetenz. Aber nicht aufgrund ihres Geschlechts. Vielmehr leben die meisten von ihnen in dem Luxus, sich mit dieser Form der Diskriminierung nicht weiter beschäftigen zu müssen.

Zwei Jahre sind vergangen seit Jenna Behrends auf den eklatanten Sexismus in Parteien aufmerksam gemacht hat. Acht Monate seit 95 Politikerinnen klar und deutlich benannt haben, was das Problem ist. Viel getan hat sich seitdem nicht. Im Gegenteil: Der Einzug der AfD in den Bundestag hat das Problem noch verschärft. Sexismus ist immer noch ein Machtinstrument, um Frauen Einfluss, Mitsprache und Mitbestimmung zu verwehren. Innerhalb und außerhalb von Parlamenten. Auch von anderen Frauen. Im Patriarchat ist jeder und jede zu Komplizenschaft aufgefordert.

Die Debatte versandet leider immer wieder. Kurze Aufregung, ist ja krass, naja gibt Wichtigeres. Aber wenn wir unsere eigenen demokratischen Ansprüche an Partizipation und Repräsentation ernst nehmen, dann sollten wir den Anstand besitzen, nicht die Augen zu verschließen. Wir sollten hinschauen, wenn Politikerinnen aufgrund von sexistischen Anfeindungen schließlich nur noch einen Weg sehen: Aufzugeben und ihrem politischen Engagement den Rücken zu kehren.

Was für ein Verständnis von Demokratie haben wir, wenn uns das egal ist?