Was bringt Feministinnen und Feministen kollektiv zum Kopfschütteln und genervten Augenrollen? In vielerlei Hinsicht sicherlich das All-Male-Panel, also eine Podiumsdiskussion oder wie-auch-immer geartete Expertengruppe, die nur aus Männern zusammengesetzt ist. In kaum einem anderen Setting zeigt sich so gut öffentlich wahrnehmbar, wie gut oder schlecht es de facto um die Gleichberechtigung bestellt ist. Hier lässt sich nichts verstecken und nichts herunterspielen: Sitzen nur Männer auf der Bühne, im Gremium oder im Vorstand, so ist die Sache klar: Gender Equality hat hier keine Priorität. Damit hat das All-Male-Panel – konzentriert und kompensiert – eine Aussagekraft, die durch Pay-Gap Statistiken und andere wissenschaftlichen Untersuchungen untermauert wird. Herrenrunden bestimmen immer noch den Diskurs in fast jedem gesellschaftlichen Feld. Sogar auf Gebieten, bei denen es offenkundig zwingend erforderlich wäre, mindestens eine Expertin zu Wort kommen zu lassen, tummeln sich All-Male-Panel. So vor kurzem in New York geschehen, wo eine Gruppe Männer zu dem Schluss kam, Frauen mögen doch einfach lauter sprechen, um in Macho-Kulturen zu Wort zu kommen. Das wirft natürlich Fragen auf

und zeigt, dass das All-Male-Panel eine Art Gender-Equality-Barometer für Feministen*innen ist.

Die Geschichte steckt voller All-Male-Panels

Interessanterweise scheint dieses Thema außerhalb einer eingeschworenen Feminist*innenszene noch wenig Staub aufzuwirbeln. Für die meisten Leser*innen dieses Blogs mag das schwer vorstellbar erscheinen, es ist wohl aber so, dass eine rein männlich besetzte Gruppe nach wie vor im Großteil der Weltbevölkerung kein Stirnrunzeln auslösen wird und oft noch nicht einmal auffällt. Das mag damit zusammenhängen, dass das All-Male-Panel historisch bis vor kurzem das non-plus-ultra der öffentlichen Auftritte war. Wie viele Frauen waren noch gleich anwesend bei der Unterzeichnung der US-Unabhängigkeitserklärung 1776 oder 1871 im Spiegelsaal von Versailles? Frauen bei der Schlacht von Marathon oder in der Führungsriege um Dschingis Khan? Tatsächlich wissen wir nicht mit letztlicher Sicherheit, in welcher Zahl und mit welchem Effekt Frauen bei historischen Entscheidungen präsent waren. Dass sie aber von der Geschichtsschreibung nur selten erwähnt werden, zeigt, dass das All-Male-Panel in allen seinen antiquierten Formen nicht bloß omnipräsent, sondern auch rundum akzeptiert gewesen zu sein scheint.

Ein weltweites Phänomen

Dies ist freilich auch heute in einigen Kulturkreisen noch so – man denke an die hunderte klatschenden Männer eines Kongresses der Kommunistischen Partei Chinas oder an den traditionellen Schwerttanz in Saudi-Arabien, an dem jüngst US-Präsident Trump (ebenfalls ein Fan des All-Male-Panels) teilgenommen hat.

Aber auch in Westeuropa oder Nordamerika feiert das All-Male-Panel häufig noch Hochkonjunktur. Erst kürzlich düpierten sich die US-Republikaner (wahrlich keine ungebrandmarkten Kinder in puncto Gleichberechtigung), als die Parteiführung im Senat ein 13-Männer-All-Male-Panel zum Verfassen der neue Gesundheitsreform zusammenstellte.

Logisch oder? Gesundheitsthemen gehen ja auch nur Männer an.  Und erst vor kurzem bewies das sonst als sehr progressive geltende Netzwerk Ashoka Deutschland, dass ihrer Meinung nach das Weltverbessern in diesem Jahr besser den Männer überlassen bleiben sollte.

Das All-Male Panel auf dem Rückzug. Den sozialen Netzwerken sei Dank.

Doch es gibt auch gute Nachrichten.  All-Male-Panel geraten immer stärker unter Beschuss. Denn wer heute noch allen Gleichheitsgrundsätzen und aller Moral zum Trotz nur Männer einlädt, auswählt oder fördert, begibt sich in Gefahr, der öffentlichen Lächerlichmachung in den Sozialen Medien ausgesetzt zu werden. Mit einigen Erfolgt feiert dort seit geraumer Zeit der Hashtag #AllMalePanel mittelgroße und große Erfolge. Besonders effektiv: Mit etwas (Un)glück findet man sich als Teilnehmer oder Organisator einer solchen Veranstaltung schnell auf dem Tumblr Congrats, you have an all male panel wieder, der an spätmittelalterliche Formen der öffentlichen Zurschaustellung und Demütigung erinnert. Wenn es anders nicht geht, dann schafft vielleicht die Androhung ewiger Verdammnis als All-Male-Panelist in den Weiten des Internets einen Anreiz, Diversität und Gleichberechtigung bei der nächsten Veranstaltung etwas mehr zu beachten.

Noch wirksamer sind Positivanreize, wie sie die Datenbank der Speakerinnen schafft. Für zahlreiche Themen finden sich dort Expertinnen, die für Podien zur Verfügungen stehen. Das sorgt nicht nur mehr Vielfalt und weniger Einfalt in den Debatten, sondern entlarvt auch die üblichen „Argumente“ als hohle Ausflüchte und zeigt, wie überflüssig All-Male-Panels sind.

Denn im Grund ist es ja gar nicht so schwierig: Man achte bei der Organisation einer Veranstaltung auf eine angemessene Beteiligung von Frauen und Männern. Das stärkt das Event, fördert Vielfalt und lebendige Diskussion, sendet Signale des Fortschritts und verhindert skeptische Blicke seitens aufgeklärter Besucher*innen.

Einen weiteren Erfolg dürfen wir nicht vergessen: Bibiana Steinhaus pfeift ab nächsten Jahr in der ersten Bundesliga und bricht damit eines der größten All-Male-Panels in Deutschland auf – Die Schiedsrichtergruppe der 1. Bundesliga. Auch wenn es diesbezüglich gerade unter männlichen Fußballfans viele Bedenkenträger gibt: Profis wie İlkay Gündoğan wissen, wie lächerlich solche Vorbehalte sind, und scheuen sich nicht (länger), das auch genau so zu sagen.

Es geht also voran!