“Die größte Hexenjagd in der Geschichte Amerikas.” So nennt Donald Trump den Versuch der Opposition, ihn vermittels eines Impeachment Verfahrens aus dem Amt zu entheben.

Der gegenwärtige Präsident der USA, der nie um Superlative verlegen zu sein scheint, wenn es darum geht, die eigenen Verdienste und Fähigkeiten auf-, beziehzungsweise die von Kontrahent*innen abzuwerten, bedient sich hier des Bildes einer zu Unrecht verfolgten Person, die ohne jede Grundlage aufgrund machtpolitischer Interessen bedrängt wird und verurteilt werden soll. Genauer gesagt einer Frau. Denn auch wenn es in der Geschichte der Hexenverfolgung vorgekommen ist, dass Männer oder sogar ganze Dörfer dieses fiktiven Verbrechens beschuldigt wurden: Knapp 80 % der etwa drei Millionen verurteilten Personen, darunter 40.000 bis 60.000 Todesopfer, waren Frauen. Allein die Tatsache, dass Frauen aufgrund von absurden Anschuldigung über Jahrhunderte systematisch verfolgt wurden, wäre schon Grund genug, sich mit der Thematik zu befassen. Allerdings lässt die rein historische Betrachtung vollkommen außen vor, dass es zum einen auch in der Gegenwart noch Hexenverfolgungen gibt, und zum anderen der Assoziationsraum rund um den Begriff Hexe immer noch wirkmächtig verwendet wird. Donald Trump beispielsweise nutzt ihn vollkommen ahistorisch, um sich selbst aufzuwerten.

Das tatsächlich schlimmste Beispiel für Hexenverfolgung in der amerikanischen Geschichte sind die Hexenprozesse von Salem von 1692, in deren Verlauf 350 vornehmlich weibliche Personen der Hexerei beschuldigt wurden. 150 hat man inhaftiert, 55 unter Folter Falschaussagen abgepresst und 20 schließlich hingerichtet. Initial beschuldigt wurden eine Bettlerin, eine alte, kranke Frau und eine Sklavin. Womit über die herrschenden Machtverhältnisse und die Fixierung des fiktiven Verbrechens Hexerei auf zumeist ohnmächtige Frauen eigentlich schon alles gesagt wurde. Dass Trump seine Situation vor dem Hintergrund seiner enormen Machtfülle damit vergleicht, ist so bemerkenswert, dass sich die Bürgermeisterin von Salem bemüßigt fühlte, ihm die Unterschiede zu erklären.

Eine andere Art der Verwendung des Begriffes Hexe in der Gegenwart ist nach wie vor die Markierung und Verächtlichmachung von unangepasstem oder gar machtvollem Verhalten von Frauen – insbesondere im Umgang mit Männern. Besonders gut lässt sich das an Meghan Markle nachvollziehen, der seit Bekanntwerden ihrer Beziehung mit Harry unterstellt wird, sie sei eine Hexe, die ihren Partner irgendwie unter ihre Kontrolle gebracht hätte. Besonders rechtskonservative Personen wie die politische Kommenatorin und Trump-Supporterin Candace Owens

oder der für seine misogynen Ausfälle bekannte Moderator Piers Morgan

tun sich da hervor. Frauen werden mit der Figur der Hexe, die zugleich Anschuldigung und Verurteilung in einem ist, also immer noch in Schach gehalten, auf ihren Platz gewiesen und mundtot gemacht. Auch wenn die physische Verfolgung in den Ländern, die mit der Hexenverfolgung in der frühen Neuzeit (und nicht etwa im Mittelalter) begonnen haben, mittlerweile Geschichte ist. Die Verfolgung von “schwarzmagischen Umtrieben” mit besonderen Bezug auf Frauen gibt es natürlich schon länger. Bereits in der ältesten schriftlichen Rechtssammlung ist vor über 4000 Jahren schon die sogenannte Wasserprobe fixiert. Bis ins Mittelalter hinein wurden zumeist Frauen entweder mit heißem Wasser verbrüht, um sie bei eiternden Wunden der Hexerei zu überführen, oder bewegungsunfähig in kaltem Wasser versenkt, um zu sehen, ob die Hexe oben schwimmt. Im ausgehenden Mittelalter verlor das sogenannte “Hexenbad” zugunsten der Folter jedoch immer mehr an Bedeutung. Denn mit der Verbreitung des 1486 erschienenen berüchtigten Werks Der Hexenhammer wurde in ganz besonders grausamer Art und Weise Wert auf die Bibel, Exodus, Kapitel 22, Vers 17 gelegt:

Eine Hexe sollst du nicht am Leben lassen.

250 Schadensfälle listet der Autor dieses Buches auf. Darunter auch “Liebestollheit” und “Behexung der Manneskraft – womit wir erschreckenderweise wieder in der Gegenwart sind. Und die ist heute über das unfassbare Ausmaß dieser Gewaltexzesse wegen eines anderen Buches informiert, dass im 19. Jahrhundert genau in die entgegengesetzte Richtung wirkte. Der deutsche Lehrer und Historiker Wilhelm Gottlieb Soldan legte vor 150 Jahren mit seiner Geschichte der Hexenprozesse ein derart umfassend recherchiertes Buch vor, dass es noch heute als Standardwerk gilt. Seine Arbeit trug darüber hinaus zu einem Paradigmenwechsel in der Forschung zu diesem Thema bei, weil Soldan – selbst evangelisch – jeden übernatürlichen Bezug innerhalb der Hexenverfolgung als falsch und konstruiert ablehnte. Wer sich unter der Prämisse, dass es Hexerei nicht gibt, die Geschichte der Hexenverfolgung anschaut, blickt sehr genau hin und entdeckt die ganze haltlose Niederträchtigkeit und Grausamkeit der Motive – genau das hat Soldan getan. Und arbeitete dabei das ganze Schneeballsystem der Folterdenunzierung heraus: Unter Schmerzen verraten Menschen alles und jede*n. Das bringt neue Beschuldigte in die Folterkammern, die wiederum alles und jede*n denunzieren. Soldan zeigt aber auch auf, wo dieses System an seine Grenzen stieß. Etwa bei der Gastwirtin Maria Holl, die innerhalb von 11 Monaten über 50 mal gefoltert wurde und der trotzdem kein Schuldeingeständnis abgespresst werden konnte. Letzendlich entschied man sich, sie in einen lebenslangen Hausarrest zu entlassen. Oder bei Entgen Hentchen, die sich auch nach der Hinrichtung ihrer weiblichen Familienmitglieder als Hexen und unter schlimmsten Folterungen nicht zu einem “Geständnis” bewegen lies und entlassen wurde.

Ende des 17. Jahrhunderts mehrten sich die Stimmen derer, die den Sinn der Hexenverfolgung anzweifelten. Der Jurist Christian Thomasius in aller damals gebotenen Vorsicht darauf hin, dass unter Folter abgepresste Geständnisse womöglich gar nicht so relevant sein könnten. Die einsetzende Aufklärung tat ihr Übriges. Die letzte legale Hexenhinrichtung der Schweizerin Anna Göldi rief europaweite Proteste hervor.
Und trotzdem sollten wir die Sache nicht auf sich beruhen lassen.

Nicht die Tatsache, dass Martin Luther über 30 Hexenpredigten hielt, in denen er befand: ” Also sollen sie getötet werden, nicht allein weil sie schaden, sondern auch, weil sie Umgang mit dem Satan haben.”
Nicht die Tatsache, dass die Forschung mittlerweile nachgewiesen hat, dass sie die deutsche Bevölkerung zu Zeiten der Hexenverfolgung diese nicht nur tolerierte, sondern akiv beförderte und davon profitierte. Den “Wir haben ja von nichts gewusst” Narrativ gibt es also nicht erst seit 1945.
Und auch ganz sicher nicht die Tatsache, dass auch noch heute in ach so aufgeklärten Gesellschaften Frauen immer noch als Hexe denunziert werden und ihr Einfluss als irgendwie obskur abgetan wird.

Die Hexe wird uns noch lange beschäftigen. Bleibt zu hoffen, dass sie es mehr als Teil einer feministischen Ermächtigungsstrategie tut

und weniger als Selbstreferenz mächtiger Männer, die sich zu Opfern gerieren, oder als Bezichtigung von Frauen, die aus der für sie vorgeschrieben Rolle im Patriarchat ausbrechen.