In drei Tagen beginnt die neue Staffel von Germany’s next Topmodel, und die Medien machen Negativpresse. „Heidi Klum macht ihre Tochter zur Lolita“, schreiben die Boulevardblätter, und zeigen die 8-jährige in Hot Pants und Strumpfbändern durch L.A. laufen. „Oberstes Gebot bei uns: Immer cool aussehen“, wird Klum zitiert. „Zweites Gebot: Erstes Gebot nie vergessen.“

Diese tiefen Inhalte möchte sie ab Donnerstag auch wieder in deutsche Haushalte vermitteln. Seit die Sendung läuft, hat sich das Selbstbewusstsein von Mädchen in Deutschland um die Hälfte verringert. 2006 waren es noch 70%, die sich hübsch fanden, 2012 sind es nur noch 47%. Um auf diese Zahlen aufmerksam zu machen, für die wir neben Klum und Topmodel-Produkten der Firma Depesche (Schreib- und Spielwaren für 6-12 Jährige mit hohem Marktanteil) auch die seit 2006 explodierende Außenwerbung in Großstädten verantwortlich machen, ging Pinkstinks letzte Woche auf Tour. Mit unserem Straßentheater „Einfach TOP – ohne MODEL!“ bereisten wir acht deutsche Städte in fünf Tagen. Die Soley TheaterWerkstatt (Hamburg) unter Leitung von Lissy Staud entwickelte und spielte das Stück für uns.

Unser Tour-Alltag: Wir hatten nur eine Stunde Aufenthalt in jeder Stadt. Also mussten wir uns in der Bahn schminken und umziehen. Rausspringen, Banner aufbauen, Megaphon und Requisiten aus Koffer holen und losspielen. Die Schauspieler_innen halb nackt, das Ganze bei Schneesturm, Eiseskälte und Minustemperaturen. Kann GNTM nicht im Sommer starten?

Aber gerade die Nacktheit unser Schauspieler schien die Menschen anzuziehen. Schon nach den ersten Szenen war den meisten klar, dass es sich hier um die Topmodel-Sendung und den Druck der Schönheitsindustrie handelt. Jürgen Zeng als Mischung aus Peyman Amin und Jorge Gonzalez war klar in seiner Rolle zu erkennen. Blanca Fernandez musste während des Stücks einen Lachanfall unterdrücken, als eine Spanierin ihr ermutigend zurief: „Das sind mal vernünftige culitos (Hintern)!“ Als sie „FETT“ in ihren Arm ritzte und den Zuschauern anklagend hinhielt, stockte denen jedoch der Atem. Auch den jungen Mädchen, die zuvor hämisch über die Anti-Models gelacht hatten. „Ist das bei Topmodel echt so?“ fragte mich eine Gruppe Jungs, als ich ihnen Flyer mitgab. „Das ist echt krass.“

Essstörungen und Selbstverletzendes Verhalten sind in Deutschland seit zwanzig Jahren am steigen. Die Dunkelziffer, sagt Waage e.V., sei jedoch gar nicht erst zu ermitteln – ihre Beratungszentren sind krachend voll. So waren es in vielen Städten insbesondere Männer, die auf uns zu kamen und uns für unsere Arbeit dankten. „Meiner Freundin findet sich immer zu dick, dabei ist sie so schlank!“. Jugendsozialarbeiter und -arbeiterinnen erwarteten uns in manchen Städten schon, um Kontakt aufzunehmen, und in Berlin bekamen wir unglaubliche Unterstützung von den Organisatorinnen des Slut-Walks 2012, die für uns Flyer verteilten. Einen Riesendank dafür.

 

Es war auch nicht immer einfach. Einmal musste ich die Polizei holen, die uns überall freundlich unterstützte. Ein Mann hatte Lissy und Blanca wiederholt verbal belästigt. „Ich will deine V…. lecken!“ schrie er, und da platzte mir der Kragen. Spätestens seit Brüderle muss klar sein, dass das nicht geht. Als er sich über mich lustig machte, dafür würde die Polizei nicht kommen, die Beamten ihn kurz darauf aber klar und deutlich in seine Schranken wiesen, war er überrascht – und nahm nachdenklich unsere Flyer mit.

Jetzt warten wir ab: Noch hängt die Außenwerbung für Germany’s next Topmodel nicht, dabei geht es in drei Tagen los. Ströer hat schon öfter sensibel auf unsere Aktionen reagiert. Jeder Tag vor Sendungsstart, an dem die Plakate noch nicht hängen, ist ein Erfolg, finden wir.

Mein schönstes Erlebnis: Die ältere Dame, die uns in Köln sah und nach Dortmund reiste, um uns nochmal zu sehen, und uns einen 5-Euro-Schein in die Hand drückte. „Ihr seid klasse, das gehört unterstützt.“ Unsere Finanzen gehen auch wirklich dem Ende zu, aber die Kampagne ist es noch lange nicht. Wer uns unterstützen möchte: Schaut mal unter www.pinkstinks.de/mitmachen. Vielen Dank.

Stevie Schmiedel

weird Magazin hat uns gefilmt, vielen lieben Dank dafür:

Hanna Klimpe von Szene Hamburg hat auf welovehh über uns geschrieben und selbst gebloggt, danke!