Wir müssen mal wieder über Sexismus reden. Über „edgy“ Vergewaltigungswitze und Hipsterfirmen, die ökologisch korrekte Lifestyleprodukte für junge, urbane Erwachsene kreieren, dabei vegan, fair und was sonst noch alles sind. Aber eben auch richtig widerlich, weil sie den Unterschied zwischen sexy und sexistisch bzw. übergriffig nicht verstehen oder nicht verstehen wollen. Die Kampagnen und Produkte solcher Firmen verhalten sich zu Sexiness wie Fifty Shades of Grey zu tatsächlichem BDSM: Während BDSM eine Gemeinschaft ist, „die an Sicherheit und Geborgenheit glaubt“ und Einvernehmlichkeit über alles andere stellt, hat FSOG damit nichts zu tun und beschäftigt sich stattdessen lieber mit sexualisierter Gewalt, emotionaler Erpressung und Missbrauch. Und während Sexiness etwas mit Anziehung, Erotik und Attraktivität zu tun hat, haben besagte Firmen absolut nichts davon verstanden.
So wie die Firma Louie Louie, die so ganz anders Weine macht als all die anderen. Eher so punk und wow und bämm. Das merkt man auch an der Unternehmensphilosophie.

Bis man sich zur entsprechenden Rubrik vorgedrungen ist, muss man allerdings auf dem Startbildschirm erstmal versichern, dass man volljährig ist.

Falls nicht, kann man aber auch Mutti fragen, ob sie einem den Wein kauft. Urwitzig einfach. Und wenn man drin ist, wird alles so revolutionär sexy, das hat man noch nicht gesehen. Also außer bei den ganzen anderen Weinfirmen, die sich Labels wie Pornfelder ausdenken oder Brüste auf das Etikett packen. Deswegen im Fall von Louie Louie ein Etikett mit der Aufschrift „Rape That Grape“.

Hip und fresh genug also, dass der Wein sogar bei Rewe angeboten wird. Immerhin handelt es sich ja auch um „den neuen einzigartigen Weißwein der gegen den Strom schwimmt„. Das Problem in solchen Fällen ist nie das Produkt. Auch nicht die Tatsache, dass die Verantwortlichen eine neue, frische Herangehensweise an ein bereits bekanntes Produkt suchen. Die meisten machen dabei eine ganze Menge richtig. Das ist bei Louie Louie nicht anders.

Gleichtzeitig – und auch darin ähnelt Louie Louie eben anderen Firmen – verorten sich die Macher*innen als links, alternativ und glauben so prüde Kategorien wie Sexismus längst überwunden zu haben. Sie identifizieren sich mit der Attitüde von Iggy Pop, der Mauszeiger wird zu nem Stinkefingerkorkendreher und am Ende steht in der Rubrik Philosophie dann ein Slogan wie „Pop The Cherry“,

der nichts anderes bedeutet als „das Jungfernhäutchen zu durchstoßen“ oder eben „entjungfern“. Und das, obwohl wir inzwischen längst alle aufgeklärt genug sein könnten, um besser zu wissen.

Genau da liegt aber das Problem. Bei aller Sympathie für coole Leute, die interessante Produkte herstellen und dabei unkonventionell vorgehen: Man sollte sich nicht vorschnell davon freisprechen, zu Formen der Diskriminierung zu greifen, weil man sich davon Aufmerksamkeit verspricht. Aber damit ist man kein Outlaw und man macht es auch nicht anders. Stattdessen macht man es genau wie alle anderen.
„Weine mal anders, außer langweilig“ ist einer der Claims von Louie Louie. Das mag für das Produkt sogar gelten. Das Marketing hingegen könnte nicht langweiliger und gewöhnlicher sein.

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