Pinkstinks Germany https://pinkstinks.de Mädchen sein kann man auf viele Weisen. Junge auch. Thu, 02 Jul 2020 09:20:22 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=5.3.4 https://pinkstinks.de/wp-content/uploads/2015/07/cropped-Favicon-PinkStinks-32x32.png Pinkstinks Germany https://pinkstinks.de 32 32 Warum die LGBTQI*-Community dieses Jahr ganz besonders viel Unterstützung braucht https://pinkstinks.de/warum-die-lgbtqi-community-dieses-jahr-ganz-besonders-viel-unterstuetzung-braucht/ Tue, 30 Jun 2020 13:01:21 +0000 https://pinkstinks.de/?p=1000011663

Viele wichtige LGBTQI*-Projekte sind durch die Corona-bedingten langen Schließungen gefährdet, womit die Vielfalt queerer Räume und Institutionen in Gefahr ist.

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Erinnert ihr euch noch, wie letztes Jahr unsere Social Media Walls von Rainbow-Produkten geflutet wurden? Zum 50-jährigen Stonewall-Jubiläum entdeckte eine breite Masse an Unternehmen – von Levis über adidas bis Katjes – die LGBTQI*-Community und ihre Verbündeten als zahlungskräftige Kund*innen und wollte sich ein Stück vom bunten Kuchen sichern. Dieses Jahr fällt der Farbrausch auf den Kanälen deutlich bescheidener aus. Dabei könnte die queere Gemeinde gerade in Zeiten von abgesagten CSDs und Pride-Paraden Unterstützung gebrauchen – wenngleich nicht unbedingt in Form von überteuerten Regenbogen-Kollektionen.

Viele wichtige LGBTQI*-Projekte sind durch die Corona-bedingten langen Schließungen gefährdet, womit die Vielfalt queerer Räume und Institutionen in Gefahr ist. Durch die abgesagten Pride-Paraden und Events entfällt für Aktivist*innen gleichzeitig die Möglichkeit, ihre Arbeit und Anliegen zu präsentieren und Spenden zu sammeln. Um zu verstehen, wie wichtig Sichtbarkeit und der Einsatz für die Rechte von LGBTQI*-Menschen sind, muss man nicht einmal in unser Nachbarland Polen schauen, das unlängst ganze Gemeinden zu LGBTQI-freien Zonen erklärt hat. Oder nach Ungarn, wo die Rechte von Trans- und Inter-Personen unter Viktor Orbán massiv eingeschränkt wurden. Wenn auch versteckter, liegt auch hierzulande vieles im Argen, wie die aktuellsten Ergebnisse der Studie „A long way to go for LGBTI equality“ verdeutlichen. 140.000 Menschen ab 15 Jahren wurden EU-weit nach ihrem Umgang mit ihrer Sexualität befragt. Alle Teilnehmenden beschrieben sich selbst als lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell oder intersexuell. Aus Deutschland nahmen mehr als 16.000 Menschen teil.

Frei und akzeptiert fühlen sich Queers hierzulande mitnichten. So leben in Deutschland 43 Prozent aller Menschen mit LGBTIQ-Bezug etwa ihre sexuelle Orientierung nicht offen aus und scheuen sich zum Beispiel, in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten auszutauschen. Diese Zurückhaltung hat ihre Gründe: 36 Prozent der Teilnehmer*innen in Deutschland sind laut der Studie in den letzten zwölf Monaten vor der Umfrage belästigt worden; 13 Prozent wurden in den vergangenen fünf Jahren auch körperlich oder sexuell angegriffen. Die jüngsten Vorfälle ereigneten sich am Wochenende. Rund um die alternative PRIDE-Parade in Berlin kam es zu Übergriffen. Auch das lesbische Zentrum RuT Ziel wurde erneut Opfer Lesben-feindlicher Attacken.

Ausgrenzung und Diskriminierung gehört nach wie vor zum Alltag vieler Queers. Was oftmals zu einem permanenten, energieraubenden Versteckspiel führt.

Auch im beruflichen Umfeld ist die Lage alles andere als entspannt. Laut der aktuellen OUT@Work-Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting legen nur 37 Prozent der deutschen LGBT-Talente ihre sexuelle Orientierung vor ihren Arbeitskolleg*innen offen. 22 Prozent befürchten, dass ein öffentliches Bekenntnis zu ihrer Sexualität ein Karriererisiko bedeutet. 42 Prozent geben sogar an, dass sie in Gesprächen mit Vorgesetzten über ihre sexuelle Orientierung lügen. Und das in Zeiten, in denen jedes Unternehmen, das etwas auf sich hält, eine eigene Diversity-Abteilung hat?

Vielfalt wird hierzulande noch viel zu häufig ausschließlich an Gender festgemacht. So fokussieren Unternehmen ihre Diversity-Anstrengungen meist darauf, auf allen Ebenen ein einigermaßen ausgeglichenes Verhältnis zwischen männlicher und weiblicher Belegschaft zu etablieren – mit mäßigem Erfolg. Von einem bewussten Werben um queere Talente keine Spur. Dabei wären es nicht zuletzt die Firmen, die von den vielfältigen Perspektiven profitieren würden. So ist sich die BCG-Studienautorin Annika Zawadzki sicher: „Vielfältiges Denken ist ein Gewinn für jedes Team.“ Sie plädiert dafür, Diversity endlich über Gender hinaus zu denken, und glaubt, dass Unternehmen, die das Potenzial von LGBTQI-Personen nicht erkennen, über kurz oder lang ins Hintertreffen geraten.

Wie wäre es also, wenn die Konzerne in diesem Jahr nicht nur ihre Logos in Regenbogenfarben tauchen, sondern einen Rahmen gestalten würden, in dem sich LGBTQI*-Talente willkommen fühlen und frei entfalten können?

Wie wäre es, wenn queere Kultur nicht nur zur Imagepolitur herhalten müsste, sondern die Community in diesem besonderen Jahr etwas zurückbekommen würde, sei es in Form von finanzieller Unterstützung oder auch dadurch, ihr die Reichweite, über die die großen Marken verfügen, zur Verfügung zu stellen?

Fakt ist, in Zeiten von abgesagten Pride-Paraden fehlt es der Community nicht nur an Einnahmen, sondern auch ganz besonders an Sichtbarkeit, denn in einem Land, in dem sich Medien nach wie vor des heteronormativen Mainstreams bedienen und queere Persönlichkeiten allenfalls in den gängigen Stereotypen abbilden, bleiben die bundesweiten CSDs die wichtigste Plattform, queere Vielfalt zu zeigen und mit eingefahrenen Vorstellungen aufzuräumen. Gleichzeitig könnten unzählige wichtige Petitionen und queeren Anliegen Support gebrauchen. Wie beispielsweise die Forderung nach Aufhebung des Transsexuellengesetzes und die Einführung eines Selbstbestimmungsgesetztes. Oder die längst überfällige Anerkennung von Zwei-Mütter-Familien, die durch das geplante Adoptionshilfe-Gesetz, das am 3. Juli auf der Tagesordnung des Bundesrates steht, noch schärfer diskriminiert werden würden.

Doch anstatt echte Solidarität zu zeigen und die Community zu unterstützen, canceln die Unternehmen dieses Jahr lieber ihre Pride-Kollektionen – zumal die CSDs als Catwalks wegfallen – und sehen sich bereits nach neuen Bewegungen um, die sie vermarkten können. Wir kennen dies bereits vom Feminismus und dem sogenannten Pink-Washing. Mal sehen, was nächstes Jahr über unsere Walls flattert.

Bis auf Weiteres wählt die Community eine altbewährte Methode: Sie hilft sich selbst. So hat LIBERTINE beispielsweise eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, mit deren Hilfe nicht nur Visibility-Aktionen realisiert werden sollen. Die Dankeschöns für die Spender*innen kommen direkt aus der queer-feministischen Gemeinde und reichen von feministische Bücherboxe über Superqueer Shirts bis hin zu Selbstliebe-Workshops für Queers. Ein Teil der Spenden geht direkt an andere LGBTQI*-Projekte. Gleichzeitig organisieren sich viele Gruppen, um kleine, politische CSDs – fernab der kommerziellen Paraden der letzten Jahre – zu ermöglichen.

So schwierig diese Corona-geprägte PRIDE-Saison auch ist, vielleicht lässt sie die Community letztendlich wieder ein Stück näher zusammenrücken und sich auf ihre alten Werte besinnen.

Text: Juliane Rump

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Wenn Männer Frauen für krank erklären https://pinkstinks.de/wenn-maenner-frauen-fuer-krank-erklaeren/ Tue, 30 Jun 2020 11:07:00 +0000 https://pinkstinks.de/?p=1000011233

Ein Herzinfarkt kann bei Frauen oft völlig anders aussehen als bei Männern, was dazu führt dass sie in zu wenig klinische Studien aufgenommen werden und Medikamente bei ihnen anders wirken können.

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“Das darf doch wohl nicht wahr sein!” Wenn es eine Formulierung gibt, die den Inhalt und die Recherche zu diesem Text zusammenfasst, dann ist es dieser Satz. Uns war zwar klar, dass wir zur Kehrseite unseres Gendermedizin-Artikels von 2017 einiges an Material finden würden, aber das es so viel sein würde, damit hätten wir nicht gerechnet.

Aber der Reihe nach: Seit einigen Jahren beschäftigt sich die Wissenschaft endlich mit dem Problem, dass Medizin, medizinische Produkte und Medikamente fast ausschließlich für Männer gedacht, erforscht und entwickelt werden. Dass ein Herzinfarkt bei Frauen oft völlig anders aussieht als bei Männern, sie in zu wenig klinische Studien aufgenommen werden und Medikamente bei ihnen anders wirken können, spricht sich allmählich rum und das ist gut so. Der sogenannte Gender Data Gap (also die Lücke in der Datenmenge, die über Frauen und Männer zugunsten letztgenannter herhoben wird) ist real und muss dringend geschlossen werden.
Worüber aber, wenn überhaupt, viel zu wenig gesprochen wird, ist die Tatsache, dass es eine erschreckende Anzahl von Krankheiten, Syndromen, und psychischen Verfasstheiten gibt, die sich Männer ausgedacht haben, um das ihnen nicht genehme Verhalten von Frauen zu pathologisieren, sie gefügig zu machen, zu diskreditieren oder zum Schweigen zu bringen. In unserer Alltagssprache wirkt das nach, was die Grundlagentexte zu diesem Thema von Phillys Chesler (Women and Madness) und Elaine Showalter (The Female Malady) in den 70ern und 80er Jahren beleuchtet haben: Die hysterische, verrückte, wahnsinnige Frau, deren Verhalten medizinisch problematisiert wird, obwohl es oft einfach nur den Rahmen gesellschaftlicher, um nicht zu sagen männlicher Erwartungen sprengt. Es hat einen Grund, warum Menschen, die den Klimawandel leugnen oder verharmlosen, von “Klimahysterie” (Unwort des Jahres 2019) sprechen. Die Fridays for Future Bewegung wird vor allem von Frauen angeführt und ist ihrem Protest am sichtbarsten. Und über diesen Grund müssen wir reden. Nicht nur am Beispiel der Hysterie, sondern auch an noch so manch anderem.

Stockholm-Syndrom
Ausschlaggebend für diesen Text waren die Rechercheergebnisse der australischen Journalistin Jess Hill zu ihrem Buch See What You Made Me Do über häusliche Gewalt. Hill zeichnet die Geschichte des Stockholm-Syndroms nach, die so absurd klingt, als hätte man sie sich ausgedacht.

Dabei ist es das Syndrom an sich, dass sich der Psychiater Nils Bejerot zunächst unter dem Namen Norrmalmstorg Syndrom ausgedacht hat. Bejerot hatte dieses Syndrom einer weiblichen Geisel als eine Art irrationale Fraternisierung mit ihren Entführern attestiert. Diese Verbindung nennt er explizit “emotional oder sexuell”. Tatsächlich war Bejerot als Unterhändler in dem völlig verkorksten Polizeieinsatz tätig, bei dem sich die Geisel Kristin Enmark unter anderem am Telefon vom damaligen Ministerpräsidenten Schwedens anhören musste, dass sie sich damit zufrieden geben müsse, vor Ort zu sterben. Nach dem Einsatz wurde Bejerot von Enmark scharf kritisiert. Was ihn dazu veranlasste, dieses Syndrom aus dem Hut zu zaubern, ohne auch nur einmal mit Enmark persönlich gesprochen, geschweige denn sie untersucht zu haben. Seitdem wurde das Stockholm-Syndrom häufig diagnostiziert, jedoch nicht von Fachleuten sondern medial – meist sensationsgierig und exploitativ. Beispielhaft dafür ist beispielsweise der Umgang mit Natascha Kampusch.

Hysterie
Der Klassiker. Die wandernde Gebärmutter ist Schuld an dem unkontrollierbaren Verhalten von Frauen. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhundert führte der “Hysterieexperte” Jean-Martin Charcot zahlreichen Kollegen (unter ihnen auch Sigmund Freud) vor, wie es aussieht, wenn Frauen sich “wie von Sinnen” gebärden.

Sein erklärter “Lieblingsfall” ist dabei die 15 Jährige Augustin, die er immer wieder durch Hypnose in Trance versetzt, um den angereisten Herren seine 5 Stadien der Hysterie präsentieren zu können. Um sie begaffen zu lassen, während er sie und andere mit Elektroschocks und einer “Ovarienpresse” malträtierte.

Über die Jahre werden etwa 4000 Frauen in der Pariser Nervenheilanstalt Salpêtrière interniert. “Weibliche Hölle” nennen die Einheimischen diesen Ort und “zweite Bastille”. Die Medizin distanziert sich mittlerweile von diesem Konzept, verschwunden ist es allerdings nicht.

Besessenheit
Der eigentliche Klassiker. Daten zu angeblicher Besessenheit und damit verbundenen Exorzismen sind nicht leicht zu erheben, weil die katholische Kirche sie geheim hält. Aber zum einen ist Besessenheit eng mit dem Thema Hexenverfolgung verknüpft, das wir hier schon einmal näher beleuchtet haben: Knapp 80 % der etwa drei Millionen verurteilten Personen, darunter 40.000 bis 60.000 Todesopfer, waren Frauen. Und zum anderen dreht es sich bei den wenigen schließlich doch bekannt geworden Fallbeispielen fast ausschließlich um Frauen. Ob nun eine junge Polin vom Teufel besessen zu sein scheint, in Belize eine 22 Jährige bei einem Exorzismus einen Herzinfarkt erleidet, ein italienisches Mädchen unter dem Vorwand eines Exorzismus 2018 von einem Priester missbraucht wird oder die deutsche Anneliese Michel, die nicht weniger als 67 große Exorzismen ertragen musste, bevor sie 1976 an Unterernährung starb – der an Epilepsie leidenden jungen Frau hätte definitiv anders geholfen werden müssen. Und auch in anderen Religionen lassen sich Rituale identifizieren, die nach einem ähnlichen Muster ablaufen und ähnliche Folgen haben.

Piblokto
Steht hier stellvertretend für eine ganze Reihe von Krankheiten, Symtomen oder Besessenheitsformen, die ganz zufällig immer dann “diagnostiziert” werden, wenn weiße Männer sich für die einheimischen Frauen der Gebiete interessieren, die sie gerade erobern oder “besuchen”. Wird auch als “arktische Hysterie” bezeichnet und fast ausschließlich auf Inuit-Frauen bezogen. Piblokto tut nur so als wäre es ein Wort aus einer Inuit-Sprache und beheuchelt Eigeninteresse mit angeblicher Neugier auf andere Menschen. Sehr vieles spricht dafür, dass Piblokto weniger ein befremdliches kulturspezifisches Phänomen ist als vielmehr eine Reaktion auf kolonialistische Besatzung und (sexualisierte) Gewalt.

False Memory Syndrom
Die “Das stimmt doch alles gar nicht, hör auf das zu sagen” Variante. Anfang der 90er beschuldigt die Psychologieprofessorin Jennifer Freyd ihren Vater, den Mathematiker Peter Freyd des sexuellen Missbrauchs über ihre gesamte Kindheit und Jugend hinweg bis zum Alter von 16 Jahren. Als Reaktion darauf schrieb die Mutter des Opfers, die Erziehungswissenschaftlerin Pamela Freyd, einen anonymen Artikel über die elterliche Version der Familiengeschichte, in der sie die Tochter beruflich und privat diskreditiert, ohne ihren Namen zu nennen. Anschließend gründeten die Eltern die False Memory Syndrome Foundation und begannen damit, Kolleg*innen ihrer Tochter den Artikel zu schicken. Ziel der Foundation war es, Lobbyarbeit für die Behauptung zu betreiben, in Therapien würden Betroffenen durch Therapeut*innen falsche Erinnerungen indiziert werden, die deshalb anschließend ihre Angehörigen des sexuellen Missbrauchs beschuldigen würden. Dem Beirat der bis 2019 existierenden Stiftung gehörte unter anderem Gründungsmitglied Ralf Underwager an. Der Psychologe und Pastor trat häufig als Experte für die Verteidigung in Fällen von Anschuldigungen bezüglich des sexuellen Missbrauchs von Kindern auf und tat sich dabei mit Aussagen wie der hervor, dass “60 Prozent der als Kinder missbrauchten Frauen rückblickend sagen, die Erfahrung sei gut für sie gewesen“. Ein anderes Beiratsmitglied schloss sich der Stiftung an, weil “ein Freund und Kollege von seiner erwachsenen Tochter des Kindesmissbrauchs beschuldigt wurde und ich mir das beim besten Willen nicht vorstellen konnte.” Letztlich brach die Reputation der Stiftung über die Jahre immer mehr zusammen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Journalist*innen ihren eigenen kritiklosen Umgang mit der Foundation hinterfragten und Fälle recherchierten, in denen sich Eltern schützend vor die Täterschaft ihres Sohnes gegenüber der Tochter stellten und alles leugneten, obwohl der Täter die Vorwürfe umfassend einräumte. Oder in denen DNA-Spuren und Zeug*innenaussagen die Angaben der Opfer bestätigten.

Elterliches Entfremdungssyndrom
Wurde 1985 erstmalig von dem Kinderpsychiater Richard Gardner beschrieben und hat seitdem immer wieder dazu gedient, Müttern in Gerichtsprozessen zu unterstellen, sie würden dem Kind bewusst oder unbewusst den Vater so sehr entfremden, bis es mit unbegründeter Ablehnung und Abwertung reagiert. Anfänglich war Gardner davon überzeugt, dass für 90% der Entfremdungsfälle die Mütter verantwortlich sind. In diesem Setting wurde es immer wieder vor Gericht dazu benutzt, Schuld zuzuweisen, ablehnendes Verhalten des Kindes zu relativieren bis hin zur Nutzung als Verteidigungsstrategie gegen Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs. Das elterliche Entfremdungssyndrom ist aufgrund seiner mangelhaften theoretischen Fundierung und seiner anfänglich sexistischen Zuschneidung wissenschaftlich hochumstritten, bzw. wird gänzlich negiert.

Nymphomanie
Über Satyriasis oder Donjuanismus, also eines übersteigerten sexuellen Verlangens bei Männern, spricht niemand. “Die ist ne Nympho” wird hingegen weitläufig verstanden als Kommentar zu einer Frau, die damit als leicht zu haben, sexuell besonders aktiv oder promiskuitiv markiert wird. Es ist eine abwertende Bezeichnung, die oft gleichzeitig mit der freudigen Erwartung eines möglichen Zugriffsrechts auf die so bezeichnete Frau kombiniert wird. Nymphomanie ist der sprachliche Käfig, in die eine sexistische Sexualmoral die Sexualität von Frauen steckt.
Unappetitliche Randbemerkung: In der Veterinärmedizin ist der Begriff nach wie vor als Bezeichnung von Eierstockerkrankungen bei Säugetieren gebräuchlich.

Frigidität
Der “Es liegt nicht an mir, es liegt an ihr” Selbstbetrug. Würde man den Begriff ernst nehmen, müssten “Geschlechtskälte”, Unerregbarkeit und geringes sexuelles Verlangen ja auch bei Männern vorliegen. Aber es sind zumeist Frauen, die als frigide bezeichnet werden und wurden. Und zwar nicht aus Sorge um ihre Gesundheit, sondern als Vorwurf, in der sexuellen Performance zu versagen. Als Abwehrreaktion. Wenn sie nicht von dem erregbar ist, was ihm so sexuell vorschwebt, dann muss es an ihr liegen. Frigititätsunterstellungen zielen gerne auf emanzipierte Frauen und werden häufig in antifeministischen Einwürfen bemüht – durchaus auch von Frauen.

Wir hätten hier noch einiges auffahren können. Von den 9 Pforten der Frauen-Homöopathie über die Frage, warum das Paris-Syndrom fast ausschließlich junge Japanerinnen betrifft, bis hin zu fatalen Fehlentscheidungen mit Blick auf das Münchhausen-Stellvertretersyndrom. Krankes Blut, falsche Brustwarzen, unreine Perioden und natürlich Bleichsucht, auch Jungfrauenkrankheit genannt, zu deren Überwindung Vätern empfohlen wurde, die blassen Töchter alsbald zu verheiraten, um das stockende Menstruationsblut wieder in Fluss zu bringen. Die Liste geht immer weiter. Aber dann würde der Text immer länger und abschließend nicht eingeordnet. Und eine Einordnung ist wichtig.

Denn wir behaupten nicht, dass es keine psychischen Störungen gibt oder dass gar keine Frauen existieren, die versuchen, ein Kind in einen Trennungssituation gegen den Vater einzunehmen. Wir sagen nicht, dass ein Gedächtnis unmanipulierbar ist und Erinnerungen niemals trügen. Oder dass das Verhalten von Männern nie pathologisiert wird. Und selbstverständlich gibt es auch im Bereich des sexuellen Missbrauchs Falschbeschuldigungen. Worum es uns hier geht, ist die Feststellung, dass es offenbar eine lange, bis in die Gegenwart reichende Tradition gibt, das Verhalten von Frauen zu problematisieren, tatsächliche Krankheiten mit Phantasieprodukten zu überdecken und über den medizinischen Zugang weiblicher Autonomie habhaft zu werden. Nicht zuletzt der sexuellen Autonomie. Es bleibt also noch viel zu tun. Daten erheben, Forschung betreiben, Mythen entzaubern, Lehrmeinung überarbeiten. Und das mit einem möglichst geschlechtersensiblen Blick. Höchste Zeit dafür.

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Deine Montagmorgen-News! https://pinkstinks.de/deine-montagmorgen-news-10/ Mon, 29 Jun 2020 04:21:00 +0000 https://pinkstinks.de/?p=1000011393

Ingwer-Shot: kurz und kompakt +++ Diese Woche freuen wir uns auf eine neue Podcastfolge „Frag mal Agi“ mit Sexualpädagogin Agi Malach aka Vulvinchen +++ Am Dienstag startet das „Frauen“-Onlinemeeting der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Thema Werteveränderung nach der Coronaviruskrise +++ Ebenfalls am Dienstag spricht die Soziologin und Philosophin Frigga Haug online darüber, was das Kapital heute für […]

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Ingwer-Shot: kurz und kompakt

+++ Diese Woche freuen wir uns auf eine neue Podcastfolge „Frag mal Agi“ mit Sexualpädagogin Agi Malach aka Vulvinchen +++ Am Dienstag startet das „Frauen“-Onlinemeeting der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Thema Werteveränderung nach der Coronaviruskrise +++ Ebenfalls am Dienstag spricht die Soziologin und Philosophin Frigga Haug online darüber, was das Kapital heute für den Feminismus heißt +++ Noch bis Sonntag könnt ihr das Crowdfunding von Ilka Brühl für ihr Kinderbuchprojekt „Milo der Naschkater“ unterstützen. +++ Tanzen lässt sich schon am Freitag zu dem großartigen Future-Pop von Denai Moores neuem Album „Modern Dread“ +++ Außerdem feiern wir am Freitag den „Schmeichle-Deinem-Spiegelbild-Tag“ – für mehr Body-Positivity und Selbstliebe +++

Zweites Frühstück: ausgiebig sättigend

Bevor wir uns in die Sommerpause verabschieden, möchten wir euch natürlich jede Menge Aufschnitt für die feministischen Brötchen der kommenden Wochen mitgeben – womit ginge das besser als mit jeder Menge Lesefutter? Deshalb haben wir unsere Verlosungsstapel gesichtet und tolle Bücher gefunden, die ihr im Herbst nach und nach gewinnen könnt.

Paula Irmschlers Poproman „Superbusen“ spielt in Chemnitz und erzählt von einer Stadt, dem Aufwachsen zwischen Ost und West, Musik und Freundschaft und ja, auch von Feminismus. „Paula Irmschler lesen ist wie Saufen mit der besten Freundin, aber ohne Kater. Magisch.“, sagt Margarete Stokowski über ein Buch, das manche*r nicht einzuordnen weiß:

Mit Einordnung tut sich auch der Gender Data Gap schwer. Die britische Jorunalistin Caroline Criado-Perez hat mit „Unsichtbare Frauen“ gegen einen Missstand angeschrieben, der weit über blöd geplante Toiletten hinausgeht. Gender Data benachteiligt in Städteplanung, Straßenverkehr und besonders verhängnisvoll in Medizin und Forschung.

Einen Streifzug durch die feministische Musikgeschichte unternimmt Juliane Streich als Herausgeberin von „These Girls“. Autor*innen wie Jacinta Nandi, Linus Volkmann, Christina Mohr oder Klaus Walter schreiben über prägende Role-Models wie Billie Holiday, Björk, Patti Smith oder die Spice Girls. Rock on!

Die Autorin Arabelle Sicardi und die Illustratorin Sarah Tanet-Jones, feiern mit „Queer Heroes“ mehr als fünfzig LGBTIQ*-Held*innen – von Sappho über Freddie Mercury bis Emma Gonzalez. Aber auch die Schicksale von unbekannteren Queer Heroes wie Jazz Jenning, Yoram Ottolenghi, Alan Turing greift der toll illustrierte Band auf.

Und schließlich: Wann auch immer du in diesem Sommer das Gefühl hast, für die Strandfigur brauche es mehr als Strand und Badehose, Badeanzug oder Bikini, dem sei Sofie Hagens tolles Buch „Happy Fat“ empfohlen. Die dänische Komikerin entlarvt Diskriminierung und Fat Shaming als gesellschaftliches Problem, das Dicksein mit Scheitern gleichsetzt. Bullshit!

Wenn du in den Wochen nach der Sommerpause eins dieser Bücher gewinnen willst, dann registriere dich zeitnah für unseren Newsletter – dort gibt es jedes Mal den Hinweis auf das nächste Verlosungshighlight! Wir freuen uns auf dich und drücken die Daumen!

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Reibung Baby! https://pinkstinks.de/reibung-baby/ Wed, 24 Jun 2020 06:37:00 +0000 https://pinkstinks.de/?p=1000011373

Es ist immer leichter, sich oberflächlich zu empören, als den eindringlichen Tönen zuzuhören – weil diese womöglich etwas in unserem Inneren berühren, wo wir lieber nicht hinschauen möchten. Denn das hieße, im eigenen Leben Verantwortung zu übernehmen. Also lieber schreiend auf andere zeigen, als sich auf Augenhöhe aneinander reiben.

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Ich habe noch nie so viel über Sex gelernt wie in den vergangenen Monaten. Nicht, weil die Pandemie-Beschränkungen polyamouröse Experimente befeuert hätten, nein, seit Anfang des Jahres mache ich eine Fortbildung zur Sexualberaterin. Das ist eine Ausbildung, mit der ich Menschen bei Herausforderungen in ihrer Sexualität unterstütze. Eine tolle Sache – aber nicht für jede*n.

Denn so viel Zustimmung ich für meine Berufswahl von meinem inneren Kreis bekomme, so viel Gegenwind gibt es von Menschen, die sich auf erstaunliche Weise angegriffen fühlen, wenn ich von meinem Interesse an Sexualität erzähle. Vor allem, wenn es nicht mit einem Flirt-Versuch verbunden ist. Es erstaunt mich immer wieder, so lange Sex frei von Sexualität ist, darf er sein – dringt er tiefer, stößt er auf Widerstand.

Das weist nicht zufällig Ähnlichkeiten zum Feminismus auf. Ein T-Shirt als Statement ist ok, eine feministische Haltung muss runtergemacht werden. Das habe ich immer wieder in persönlichen Gesprächen, beruflichen Kontexten und im Rahmen dieser Kolumne erlebt. Es hat einige Zeit gedauert, zu begreifen, dass der Widerstand, die Wut und Zurechtweisung, die mir als sexpositive Feministin entgegen schlagen, nichts mit mir zu tun haben, aber sehr viel mit den Menschen, die sich emotional erregen.

So ist es ja in vielen Formen des Miteinanders: Meinung oder Kritik, so konstruktiv und wertschätzend sie intendiert und formuliert ist, bedarf der Fähigkeit des anderen, Auseinandersetzung nicht als Angriff zu begreifen. Das ist im Feminismus nicht anders: Es hängt vom Gegenüber ab, ob eine allgemeingültige Aussage zum Gender Pay Gap hingenommen und neutral hinterfragt diskutiert wird, oder ob die andere Person sich rotgesichtig ereifert, ich hätte keine Ahnung, kein Recht und sei sowieso eine blöde Fotze, die nur mal wieder anständig gefickt gehörte. Aber auch Ficken ist eine Angelegenheit auf Augenhöhe.

In meiner Sexualberater*in-Ausbildung haben wir uns nach vielen Stunden Video-Unterricht nun erstmals wieder in einem Raum getroffen. Neben den theoretischen Grundlagen leitet unsere Lehrerin auch immer wieder Körperübungen an, damit wir dass, was wir unseren späteren Klient*innen vermitteln wollen, auch selbst erfahren haben. Was nicht heißt, dass wir wild miteinander kopulieren. Im Gegenteil, wir lernen, in Kontakt mit uns selbst zu kommen. Klingt furchtbar esoterisch und ich gebe zu, da schon über manches Stöckchen gesprungen zu sein. Aber ich bin nicht alleine mit meiner Einstellung. Ein Teilnehmer – der einzige Cis-Mann in einer Runde von Cis-Frauen – erklärte bei einer Übung, welchen großen Widerstand sie in ihm auslöse. Er tat das ganz ruhig und freimütig, obwohl er eingestand, dass auch das ihm nicht leicht falle. Ich fand es super. Weil er statt loszuplärren, das eigene Gefühl benennen konnte. Selbst wenn es ein unangenehmes Gefühl war.

Es ist immer leichter, sich oberflächlich zu empören, als den eindringlichen Tönen zuzuhören – weil diese womöglich etwas in unserem Inneren berühren, wo wir lieber nicht hinschauen möchten. Denn das hieße, im eigenen Leben Verantwortung zu übernehmen. Also lieber schreiend auf andere zeigen, als sich auf Augenhöhe aneinander reiben.

Erregung gibt es eben im doppelten Wortsinne: sexuell und emotional – wobei ich nicht ausschließen möchte, dass die sexuelle Erregung frei von Emotionen wäre. Aber was beiden gemein ist, der sexuellen Erregung und der emotionalen Empörung, sie drängen nach Entladung. In unserem Inneren baut sich etwas auf, für das wir ein Ventil brauchen – einen Orgasmus oder einen Wutausbruch. Nicht nur aus meiner Ausbildung weiß ich: Je angespannter und verkrampfter die Erregung zum Höhepunkt gelenkt wird, desto unbefriedigender fällt er aus. Klar, er wirkt erleichternd, aber die Grundfesten erschüttert er nicht. So betrachtet mag die ständige feministische Empörung für Lautstärke sorgen, die patriarchalen Fundamente greift sie nicht an. Im Gegenteil, sie lenkt ab und verliert sich in Oberflächlichkeiten. Aber Fortschritt ist kein Oberflächenreiz.

Wir brauchen Erregung, um in einem Bedürfnis befriedigt zu werden, aber in welcher Form wir ihr nachgeben, sie lenken und schließlich zur eigenen Befriedigung befähigen, sollten wir selbst wählen – ungeachtet der lautstarken Besserwisserei anderer. Potenz ist Potential und erfolgreich im Miteinander, nicht im Widerstand. Wenn ich eins in den vergangenen Monaten gelernt habe, dann dass Reibung keine Frage von Heftigkeit, Egozentrik und Lautstärke ist – das gilt für Sexualität wie für Feminismus. Wer sich darüber empören möchte, nutze einen Spiegel. Denn es geht immer um eine*n selbst, nicht um die oder den andere*n.

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Wer muss eigentlich vor Homophobie Angst haben? https://pinkstinks.de/wer-muss-eigentlich-vor-homophobie-angst-haben/ Wed, 24 Jun 2020 06:00:00 +0000 https://pinkstinks.de/?p=1000011141

Wovor haben Menschen Angst, die unter Homophobie „leiden“? Haben Sie panische Angst vor Homosexuellen? Steigen sie kreischend auf Stühle, wenn sie ein schwules Pärchen sehen? Nein, sie verspüren keine Angst, sondern Wut und Abneigung.

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Begriffe, die mit -phobie aufhören, bezeichnen immer eine Angst. Arachnophobie zum Beispiel ist die Angst vor Spinnen. Was macht ein Mensch, der Angst vor Spinnen hat? Er versucht, den Kontakt zu ihnen zu vermeiden. Vielleicht durchsucht er jeden Tag etwas panisch jedes Zimmer oder verlässt gar nicht das Haus, weil die Angst, aus Versehen Spinnenfäden auf der Haut zu spüren, zu groß ist. Bestenfalls erkennt und akzeptiert dieser Mensch seine übertriebene Angst und versucht zum Beispiel, sich durch eine Therapie von ihr zu befreien.

Und wovor haben dann Menschen Angst, die unter Homophobie „leiden“? Haben Sie panische Angst vor Homosexuellen? Steigen sie kreischend auf Stühle, wenn sie ein schwules Pärchen sehen? Nein, sie verspüren keine Angst, sondern Wut und Abneigung. Merken sie irgendwann selbst, dass ihre Emotionen übertrieben sind und sie sich ändern müssen? Nein, sie sehen sich im Recht und sind der Überzeugung, zu ihrer Heilung müssen Homosexuelle damit aufhören, homosexuell zu sein. Aber sagt jemand mit Arachnophobie zu einer Spinne: „Du musst dich viel, viel unauffälliger verhalten – und brauchst dich nicht zu wundern, dass ich so ausraste. Guck dir mal an, wie übertrieben du Netze spinnst. Und Fliegen essen? Geht’s noch? Weißt du was? Du bist selber schuld an meiner Angst“.

Am letzten Satz wird besonders deutlich: Der Begriff Homophobie hakt. Weil: Die Angst müssen nicht die Menschen mit Abneigung und Wut gegenüber Homosexuellen haben, sondern die Menschen, die homosexuell sind. Sie sind den Vorurteilen, der Abneigung und der Aggression derer ausgesetzt, die Heterosexualität als die einzig richtige Lebensform ansehen. Und weil dem auch bisexuelle, trans und androgyne Menschen ausgesetzt sind, also alle, die nicht der heterosexuellen Norm entsprechen, ist der Begriff „Heterosexismus“ inklusiver. Andere alternative Begriffe sind Homosexualitätsfeindlichkeit oder Transfeindlichkeit. Die Organisation Pinkstinks verwendet ab jetzt den Begriff Heterosexismus, weil sie auch „Homofeindlichkeit“ als zu einengend bewertet.

Wie es in Deutschland um diese Ablehnung bestellt ist, zeigen die Ergebnisse der bevölkerungsrepräsentativen Umfrage, die im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes mit dem Titel „Einstellungen gegenüber lesbischen, schwulen und bisexuellen Menschen in Deutschland“ erstellt wurde. 

Zuerst die gute Nachricht: Die Tendenz der Menschen, die mehr beziehungsweise gleiche Rechte für Homo- und Bisexuelle wünscht, steigt ebenso wie das Bewusstsein dafür, dass diese Diskriminierungen ausgesetzt sind und die Meinung, dass sie davor geschützt werden sollten. So vergrößerte sich die Zahl derer, die finden, Ehen zwischen zwei Männern oder Frauen sollten erlaubt sein, von 2001 bis 2016 um 23% auf insgesamt 83%.

Aaaaaber: In derselben Studie wurde deutlich: Die Solidarität schwindet, wenn es um Kinder geht. 24% der Befragten sprechen sich z.B. gegen das Adoptionsrecht von schwulen und lesbischen Paaren aus. Und bei der Vorstellung, das eigene Kind wäre lesbisch oder schwul, steigen sogar 41% der Befragten aus.

Außerdem empfinden immer noch ein Fünftel der Befragten Homosexualität als „unnatürlich“ und 11% sind überzeugt, dass Homosexualität eine Krankheit sei, die auch heutzutage noch zu „heilen“ versucht wird. Erst am 7. Mai 2020 verabschiedete der Bundestag den Gesetzentwurf zum Schutz vor Konversionsbehandlungen. Er verbietet medizinische Interventionen, die die sexuelle Orientierung oder die selbstempfundene geschlechtliche Identität einer Person gezielt verändern oder unterdrücken sollen. Bislang gilt das Gesetz allerdings nur bei Konversionsversuchen an Minderjährigen oder einer Therapie unter Zwang  Bei Zuwiderhandlung droht eine Freiheitsstrafe oder ein hohes Bußgeld. Klingt nicht wie ein Gesetz, das im 21. Jahrhundert nötig sein müsste, ist aber so, wie auch die Studie weiter zeigt.

Denn neben den Menschen, die meinen, eine natürliche Veranlagung heilen zu müssen und zu können, gibt es auch noch mehr homophobe Aussagen zum Fürchten. Beginnen wir mit der auch im Rassismus und Sexismus häufig anzutreffenden Täter-Opfer-Umkehr: Über die Hälfte der Befragten stimmen der Aussage „Man darf heutzutage nichts Schlechtes mehr über Schwule und Lesben sagen, ohne gleich als intolerant beschimpft zu werden“ zu. Diese Aussage ist so etwas wie die Totalverweigerung, sich mit den eigenen Vorurteilen auseinander zu setzen. Außerdem relativiert und „entschuldigt“ sie die Aggressionen gegenüber homosexueller Menschen durch die Umkehr-Behauptung, die Homosexuellen hätten ja quasi angefangen mit ihren Beschwerden, ihren Forderungen und ihrem Verhalten. Was bei sexuellen Übergriffen der zu kurze Rock ist, kann bei Homophobie der Kuss eines gleichgeschlechtlichen Paares sein.

Apropos: Wer eine wunderbare und wirklich lustige Serie über das Coming Out eines jungen Mannes sehen will, sollte „Please Like Me“ gucken. Hier küssen Männer nicht nur, hier haben sie auch tollen Sex.

In der Serie gibt es aber nicht nur Sex, sondern es wird auch gezeigt, was homophobe Eltern bei ihren Kindern anrichten können und dass homosexuelle Liebe durch Homophobie viel mehr auszuhalten hat, obwohl, und das zeigt diese Serie so besonders großartig, Liebe einfach Liebe ist.

Aber bevor jetzt alle mit Regenbogen-Liebesherzen in den Augen in die vermeintlich tolerante Welt zurück spazieren, müssen wir nochmal über Angst reden, weil Homosexuelle (und Bisexuelle und trans Personen) sie andauernd haben müssen. Sie erleben alltägliche Diskriminierungen, Worte wie „schwul“ oder „Schwuchtel“ werden als Schimpfwort verwendet, sie werden gemieden, verstoßen, sie haben weniger Rechte, es wird versucht, sie wieder „normal“ zu machen, sie werden attackiert oder das Ziel von Anschlägen.

Und auch wenn es sich bei Anschlägen und Attacken auf Homosexuelle um kranke Einzeltäter handelt, so werden sie doch befeuert und gerechtfertigt durch die Diskriminierungen, denen Homosexuelle im Alltag ausgesetzt sind. Deshalb war die Frage in der Überschrift auch schon rhetorisch, bevor der Text überhaupt angefangen hat. Homophobie ist keine Angst, sondern Heterosexismus, und vor dem müssen sich ausschließlich die Homosexuellen fürchten.

Quellen:
https://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/Downloads/DE/publikationen/Umfragen/Umfrage_Einstellungen_geg_lesb_schwulen_und_bisex_Menschen_DE.pdf?__blob=publicationFile&v=2
https://de.wikipedia.org/wiki/Homophobie
https://www.sueddeutsche.de/wissen/physik-nobelpreis-donna-strickland-1.4153957
https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2020/kw19-de-konversionsbehandlung-692676

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Wie kann ich auf Sexismus reagieren? https://pinkstinks.de/wie-kann-ich-auf-sexismus-reagieren/ Mon, 22 Jun 2020 08:54:04 +0000 https://pinkstinks.de/?p=1000010847

63% aller Frauen und 49% aller Männer haben bereits gegenüber sich selbst oder anderen sexistische Übergriffe erlebt. Das hat die Studie „Sexismus im Alltag“ ermittelt, die das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Auftrag gegeben hat.

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63% aller Frauen und 49% aller Männer haben bereits gegenüber sich selbst oder anderen sexistische Übergriffe erlebt. Das hat die Studie „Sexismus im Alltag“ ermittelt, die das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Auftrag gegeben hat.

Somit kann sich mindestens jede zweite Frau und fast jeder zweite Mann an Situationen erinnern, in denen sie Sexismus ausgesetzt waren. Und viele von ihnen wussten vermutlich nicht, wie sie darauf reagieren sollten. Wir wollen hier ein paar Beispiel für sexistische Übergriffe zeigen – und gleichzeitig die Reaktionsmöglichkeiten.

Wenn Betroffene keine akute Angst oder Gefahr verspüren, könnte eine Irritierende Äußerung oder Reaktion eine gute Idee sein. Das kann der Situation die negative Energie nehmen und der Frau Zeit und Überlegenheit geben. Beim Hinterherpfeifen zum Beispiel, das häufig „nur“ als plump und nervig empfunden wird und ein beliebtes Thema in der Sketch-Comedy ist:

Wer nicht wie Martina Hill auf allen Vieren irritieren möchte, kann auch einfach verbal zurückschlagen. Auf ein „Ey, zeig mal deine Titten“ beispielsweise sind folgende Antworten denkbar:

  1. „Du kommst aus Witten? Wie schade, dass du da gerade nicht bist.“
  2. „Brauch ich gar nicht. Die können auch von hier sehen, was für eine Witzfigur du bist.“
  3. „Du zuerst. Ich wette 10€, dass deine größer sind.“

Kontern auf sexistische Übergriffe von Fremden sind für Betroffene ungefährlicher als im beruflichen oder privaten Umfeld. Denn auch dort erleben Frauen und Männer Situationen, in denen das Kollegium Frauen zum Kaffee kochen schickt, das Aussehen abwertend oder sexuell kommentiert oder harmlose Wörter wie Verkehr, Reiten und anderes als plumpe Anspielungen benutzt. Bei Übergriffen dieser Art etwas zu antworten, dass die Übergriffigkeit klar macht, aber so, dass danach die verursachende Person die Gelackmeierte ist und nicht die betroffene, ist ziemlich schwierig. Da sagen dann viele lieber nichts, um die zukünftige Arbeitssituation nicht zu belasten. Für diese Situationen haben wir uns folgende Karten ausgedacht. Einfach runterladen, ausdrucken, ausschneiden und im Bedarfsfall wortlos über den Tisch schieben. 

Karte hier herunterladen.

Diese Karte ist ein klares Statement. Sie zeigt, dass die betroffene Person überhaupt nicht diskutieren, sondern einfach nur zeigen will, wer sich hier unangebracht verhalten hat. Die übergriffige Person kann ihrerseits nicht die so häufig eingesetzte Hysterie-Karte ausspielen, weil eben nur die Karte überreicht wird und sonst einfach gar nichts passiert. Wir lassen die Person ganz allein mit ihrem Fehlverhalten und der Karte, die ihr schriftlich gibt, was sie da gerade verzapft hat. Herrlich.

Alles andere als herrlich, dass wir natürlich wissen: sexistische Übergriffe können leider nicht immer ganz einfach mit Schlagfertigkeit und Spontaneität aufgelöst werden können. Einerseits, weil nicht jeder Mensch in diesen Situationen nicht stark, sondern auch wütend und verunsichert ist, und sich darüber hinaus auch aus allen möglichen verständlichen Gründen Tränen ankündigen. Da gibt es verschiedene Eskalationsstufen. Erstens: Nach der Situation Personen ansprechen, die dabei waren und sie fragen, ob sie das ok fanden. So finden sich Verbündete, die schlimmstenfalls beim nächsten Übergriff den Rücken stärken.

Darüber hinaus gibt es bei Sexismus am Arbeitsplatz mehrere rechtliche Möglichkeiten. Betroffene können Beschwerde einlegen, der Arbeit fernbleiben oder Entschädigung oder Schadensersatz fordern. Die Broschüre „Was tun bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz?“ der Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat alle Information gebündelt. Darin steht auch, an wen man sich außerbetrieblich wenden kann, wenn die Personalabteilung, der Betriebsrat oder der direkte Vorgesetzte keine Hilfe ist: Gerwerkschaften, Anwält*innen, Frauenberatungsstelle und die Antidiskriminierungsstelle selbst sind Anlaufstellen, die sich der Situation annehmen.

Auch möglich, aber kaum genutzt, wird die Möglichkeit, nach einem sexistischen Übergriff Anzeige zu erstatten. Laut einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend haben 90% der Frauen und 86% der Männer noch nie Anzeige bei der Polizei oder anderen Behörden erstattet. Das liegt bei Übergriffen von Unbekannten häufig auch an der geringen Aufklärungsquote. Aber hier und auch bei Übergriffen im beruflichen und privaten Umfeld, sorgt die Befürchtung, dass die Betroffenen die sind, die stigmatisiert werden und nicht die übergriffigen Personen, dafür, dass sie von einer Anzeige absehen. Und vermutlich jede*r kennt Kommentare wie „Ist das jetzt nicht übertrieben?“ oder „Dann mach halt die Bluse zu“ oder „Das war doch nur nett gemeint!“.

Dass die Betroffenen häufig diejenigen sind, über die nach einem Übergriff schlecht geredet wird, ist falsch und untragbar. Wir müssen ihnen Unterstützung zusichern, immer wieder darüber aufklären, was sexistisches Verhalten ist und wie wir am erfolgreichsten dagegen vorgehen. Ob schlagfertig, einen Tag später und/oder mit rechtlichen Mitteln.

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Deine Montagmorgen-News! https://pinkstinks.de/deine-montagmorgen-news-9/ Mon, 22 Jun 2020 04:53:00 +0000 https://pinkstinks.de/?p=1000011270

Ingwer-Shot: kurz und kompakt +++ Am Montag heißt es Happy Birthday für Meryl Streep, Cyndi Lauper und Erin Brockovich +++ Am Mittwoch geht die interdisziplinäre Ringvorlesung der Universität Marburg in die nächste Runde. Dieses Mal mit der Frage: Gibt es Sprache ohne Geschlecht? +++ Am Freitag veröffentlicht die Musikerin und Amparanoia-Gründerin Amparo Sánchez ihr neues […]

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Ingwer-Shot: kurz und kompakt

+++ Am Montag heißt es Happy Birthday für Meryl Streep, Cyndi Lauper und Erin Brockovich +++ Am Mittwoch geht die interdisziplinäre Ringvorlesung der Universität Marburg in die nächste Runde. Dieses Mal mit der Frage: Gibt es Sprache ohne Geschlecht? +++ Am Freitag veröffentlicht die Musikerin und Amparanoia-Gründerin Amparo Sánchez ihr neues Album +++ Bereits am Donnerstag werden die diesjährigen Grimme Online Awards verliehen – selbstredend online und im Livestream verfolgbar. Wir drücken allen Nominierten die Daumen, besonders aber RosaMag und – dem leider eingestellten Format – Karakaya-Talk +++

Zweites Frühstück: ausgiebig sättigend

Wie habt ihr die vergangenen Wochen erlebt? Seid ihr negativ von der Coronavirus-Krise betroffen durch Jobverlust, familäre Herausforderungen und persönliche Krisen oder konntet ihr der Zeit etwas Positives abgewinnen – vielleicht eine neue Perspektive auf euer Leben, mehr Ruhe und Entschleunigung oder sogar Bestätigung durch ein Ehrenamt oder einen systemrelevanten Beruf? Im Feminismus haben wir stets mit beiden Seiten der Medaille zu tun: Es gibt Fortschritte und Rückschläge, Erfolge und Niederlagen, Applaus und Grrrrr. So wie die Entscheidugenen in der Schweiz die Ehe für alle zu ermöglichen und des Supreme Courts in den USA die Rechte von LGBTIQ* zu stärken, Freude ausgeöst haben, so entsetzt sind wir über den Freitod der ägyptischen Aktivistin Sarah Hegazi.

Vor einigen Wochen haben wir noch überlegt, welche Protestformen während der Pandemie möglich sind, nun beobachten wir, wie Demonstrant*innen Menschenketten mit Abstand bilden. Wir sind weiterhin erschüttert, wie Polizeitgewalt in den USA Afroamerikaner wie Rayshard Brooks tötet. Gleichzeitig sind wir überwältigt von dem andauernden Anti-Rassismus-Aktivismus, der womöglich wirklich Veränderungen bewirkt – egal ob es um Polizeireformen in den USA geht oder um die Debatte, das Wort „Rasse“ im Grundgesetz durch einen anderen Begriff zu ersetzen.

Politik ist wie Feminismus ein Prozess – mit Höhen und Tiefen, eine Entwicklung, die nie abgeschlossen zu sein scheint. Trotzdem bleiben wir dran!

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Deine Montagmorgen-News! https://pinkstinks.de/deine-montagmorgen-news-8/ Mon, 15 Jun 2020 04:34:00 +0000 https://pinkstinks.de/?p=1000011154

Ingwer-Shot: kurz und kompakt +++ Schon den Flieger gebucht? Ab Montag dürfen deutsche Tourist*innen wieder nach Mallorca reisen. +++ Am Dienstag gedenken wir dem Todestag der Sozialwissenschaftlerin und Erfinderin des modernen Rollators Aina Wifak und gratulieren der Schriftstellerin Joyce Carol Oates zum 82. Geburtstag +++ Von Donnerstag bis Freitag veranstaltet die Friedrich-Ebert-Stiftung ein Rhetorik-Empowerment-Webinar für […]

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Ingwer-Shot: kurz und kompakt

+++ Schon den Flieger gebucht? Ab Montag dürfen deutsche Tourist*innen wieder nach Mallorca reisen. +++ Am Dienstag gedenken wir dem Todestag der Sozialwissenschaftlerin und Erfinderin des modernen Rollators Aina Wifak und gratulieren der Schriftstellerin Joyce Carol Oates zum 82. Geburtstag +++ Von Donnerstag bis Freitag veranstaltet die Friedrich-Ebert-Stiftung ein Rhetorik-Empowerment-Webinar für Frauen +++ Am Samstag ist die längste Nacht des Jahres, Sommersonnenwende, Mittsommer oder Alban Hevin, falls ihr keltisch feiern wollt. Und wer es am Wochenanfang nicht nach Malle geschafft hat, kann am Freitag mit Phoebe Bridgers unter anderem nach Kyoto reisen – denn dann erscheint das neue Album „Punisher“ der US-Amerikanerin +++

Zweites Frühstück: ausgiebig sättigend

Neuseeland hat vergangenen Woche bekanntgegeben, dass es vorerst keine Covid-19-Erkrankungen mehr im Land gibt. Auch in Deutschland bleibt die Reproduktionszahl konstant um 1 – bisweilen sogar drunter. Aber wie sieht es in anderen Ländern aus und vor allem, wie entwickeln sich neben den Fallzahlen an Erkrankten und Genesenen andere Faktoren? Dabei geht es den wenigsten so gut und sorgenfrei wie den Menschen auf den Faröer Inseln. Die WHO gab vergangene Woche an, dass sich global die Pandemie noch verstärke: In Brasilien als neues Epizentrum steigen weiterhin die Zahlen, gleichzeitig kämpft die Bevölkerung mit der intransparenten Informationspolitik ihres Präsidenten Jair Bolsonaro. In Europa wirft die Heinrich-Böll-Stiftung am Donnerstag, den 18.6. einen Blick hinter die Masken in Serbien, Kosovo und Montenegro. Gleichzeitig wirkt sich die internationale Krise auch auf Asyl-Suchende aus:

Während die Einschätzung, welche wirtschaftlichen Folgen die Coronavirus-Krise hat, schwankt, benennen Expert*innen die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie klar als fatalen Destabilisator für den globalen Frieden. Den Anstieg von Gewalt im häuslichen Kontext, haben wir bereits mehrfach angesprochen: Laut einer repräsentativen Studie der TU München sind im April in Deutschland so viele Frauen vergewaltigt worden wie Köln Einwohner*innen hat. In Ecuador können Betroffene jetzt Hilferufe per Handy absetzen – mit Emoji-Geheimcodes. Und auch wo keine häusliche Gewalt auftritt, vor allem der Lockdown hatte laut britischer Untersuchungen massive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit – wenn wohl auch nicht für jede*n:

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Hass auf Homosexuelle https://pinkstinks.de/hass-auf-homosexuelle/ Wed, 10 Jun 2020 00:23:00 +0000 https://pinkstinks.de/?p=1000011130

Mit dem Begriff Homophobie ist das, womit der Propagandaapparat Wladimir Putins dieser Tage das Internet flutet, nicht ansatzweise hinreichend beschrieben: Am 25. Juni will der Kremlchef die Bevölkerung über weitreichende Verfassungsänderungen abstimmen lassen, die ihm unter anderem ermöglichen würden, für zwei weitere Amtszeiten als Präsident zu kandidieren. Vordergründig gibt er sich dabei demokratisch, indem er […]

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Mit dem Begriff Homophobie ist das, womit der Propagandaapparat Wladimir Putins dieser Tage das Internet flutet, nicht ansatzweise hinreichend beschrieben: Am 25. Juni will der Kremlchef die Bevölkerung über weitreichende Verfassungsänderungen abstimmen lassen, die ihm unter anderem ermöglichen würden, für zwei weitere Amtszeiten als Präsident zu kandidieren. Vordergründig gibt er sich dabei demokratisch, indem er russische Präsidentschaften grundsätzlich auf zwei Amtszeiten begrenzen will. Tatsächlich aber verhält er sich zaristisch und hat in den Gesetzestext einen Passus einfügen lassen, der im Falle einer Änderung seine gesamte Amtszeit nullt. So als hätte es die letzten 20 Jahre nicht gegeben. Und wenn er dann die nächsten Wahlen 2024 zufällig gewinnen sollte, könnte er anschließend quasi mit der Begründung “Tach, ich bin der Wladimir und ich bin neu hier” mindestens weitere sechs Jahre regieren. Der Mann ist 67 Jahre alt und stellt jetzt die Weichen dafür, noch als 83-Jähriger zu herrschen. Das Gesetz dafür hat er schon unterschrieben, jetzt will er noch das Volk in seinem Sinne abstimmen lassen. Und dafür ist ihm jedes Mittel recht: Zum Beispiel lässt er daran erinnern, dass in der Verfassungänderung auch festgelegt ist, dass nur Männer und Frauen heiraten und adoptieren dürfen und man ihr schon deshalb zustimmen sollte. Mit einem widerlichen Videoclip, der stumpfe Stereotype über schwule Männer inszeniert. Mit einem traurigen Jungen, der nach seiner neuen Mama fragt und sichtlich enttäuscht ist über seine schwulen Adoptiveltern. Mit Frauen, die den Kleinen am liebsten nicht in “diese Hände” geben würden. Und natürlich mit dem obligatorischen Kleid, das den Jungen zu “verschwulen” droht.

Nein, mit Phobie hat das nichts zu tun. Es geht um die Kultivierung von Vorurteilen, Abscheu und Hass. Mit der Erzeugung eines Wir-Gefühls auf Kosten der angeblich anderen. Dabei geht es bei Homosexualität um “Liebe und Leidenschaft” wie der Fotograf des Pressefotos des Jahres 2015, Mads Nissen, festhielt.

Er wollte Liebe zeigen in einem Russland, in dem Homosexuellen spätestens seit dem Gesetz von 2013 gegen “Schwulenpropaganda” auf offener Straße ins Gesicht gespuckt und geschlagen wird – oder Schlimmeres. Aber das ist ja alles weit weg von Europa. Also bis auf die Tatsache, dass manche im EU-Mitgliedsstaat Polen inzwischen stolz darauf sind, wenn sich ganze Städte und Gemeinden zu “LGBT-freien Zonen” erklären.

Das Ganze wird auf Initiative der katholischen Stiftung Ordo Iuris betrieben. Der Name der Intiative lautet “Stoppt die Pädophilie”, weil suggeriert werden soll, dass sexuelle Minderheiten in besonderem Maße zu sexualisierter Gewalt gegen Kinder neigen. Für den angeblichen Schutz von Familie und Vaterland werden Homosexuelle immer wieder mit Gewalt überzogen.

Nochmal: Das ist ja alles weit weg von Deutschland. Also außer dass Polen unser direktes Nachbarland ist. Und dass einer der wichtigsten Köpfe bei Ordo Iuris Beamter der europäischen Kommission ist, der auch in Deutschland gegen die Gleichberechtigung von Homosexuellen mobil macht. Und natürlich auch, dass wir mittlerweile die AfD im Parlament haben. Eine in weiten Teilen offen homofeindliche Partei, die sich ungeniert für den Führungs- und Politikstil Putins begeistert und mit der Bundestagsabgeordneten Nicole Höchst jetzt eine Frau in das Kuratorium der Magnus Hirschfeld Stiftung entsendet, die findet, Aufklärung über Sexualität und sexuelle Vielfalt verderbe Kinderseelen. Außerdem ist Höchst der Überzeugung, dass es “unter homosexuellen Männern mehr Pädophilie” gäbe. Es mag Jammern auf hohem Niveau sein. Fakt ist aber, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil Deutschlands seinen Hass auf LGBTQI und insbesondere schwule Männer ausstellt und dafür auch noch Respekt verlangt. Fakt ist auch, dass lesbische Paare nach wie vor bei der Adoption von Kindern diskriminiert werden. Mit dem Ergebnis, dass Deutschland 2019 “irgendwie” von Platz 3 der LGBTQI-freundlichsten Reiseländer auf Platz 23 abgerutscht ist.

Menschen zu gestatten, ihre Feindseligkeit und ihren Hass hinter dem Begriff “Phobie” zu verstecken, ist keine Lösung. Gerne Aufklärung für Interessierte wie wir sie in der Schule gegen Sexismus betreiben. Darüber ob Jungen schwul werden, wenn sie rosa mögen oder ob Homosexualität angeboren oder anerzogen ist. Aber Grundrechte sind nicht verhandelbar. Auch nicht mit Verweis darauf, dass es “denen” hier doch gut geht. Und schon gar nicht von Leuten, die sich angeblich “fürchten”.

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Normal einzigartig aussehen! https://pinkstinks.de/normal-einzigartig-aussehen/ Tue, 09 Jun 2020 04:00:00 +0000 https://pinkstinks.de/?p=1000011144

„Mama, du hast viele Muskeln, aber auch ganz schön viel Speck.“, stellte meine Tochter diese Woche fest, als ich aus der Dusche kam. Sie patschte auf meinen Bauch und wir mussten beide lachen. Nur hinter meinem Speck und meinen Muskeln saß ein kleines Männchen und fand das gar nicht lustig. Es war mal größer und […]

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„Mama, du hast viele Muskeln, aber auch ganz schön viel Speck.“, stellte meine Tochter diese Woche fest, als ich aus der Dusche kam. Sie patschte auf meinen Bauch und wir mussten beide lachen. Nur hinter meinem Speck und meinen Muskeln saß ein kleines Männchen und fand das gar nicht lustig. Es war mal größer und lauter und hat lange Zeit als innere Stimme immer das wiederholt, was andere über meinen Körper gesagt haben, zum Beispiel: Für den Rock sind die Beine viel zu dick. Deine Ohren passen nicht zu deinem Kopf. Ganz schöne Glubschaugen. Sind die Brüste echt? 5 Kilo weniger wären auch okay. Und so weiter.

Das Männchen hat bei mir kaum noch was zu melden. Ich kann seine Stimme und die Kommentare zwar noch hören, aber ich stehe nicht mehr als Antwort vor dem Spiegel und suche Fehler an mir. Ich ärgere mich nur noch über die Zeit, die ich mit Selbstzweifeln verschwendet habe, statt den Leuten zu sagen, dass sie sich übergriffig verhalten und bitte die Fresse halten sollen.

Kommentare über Körper und Aussehen sind leider ein gängiges Mittel, um andere zu verunsichern: Dazu wird sich das derzeitige Schönheitsideal vorgenommen und mit der Person, die runtergemacht werden soll, abgeglichen, und alles, was nicht passt, wird kränkend benutzt. Erst sagt jemand etwas kränkendes zu mir, woraufhin ich anfange, das Gesagte zu verinnerlichen und mich dann ganz allein weiter zu kränken. Das ist ganz ganz großer Scheiß, weil es unglücklich macht und Selbstbewusstsein und Zeit frisst, was beides tolle Faktoren für ein schönes Leben sind.
Ich strenge mich sehr an, meinen Kindern ein gutes, gesundes Körper- und Okayseigefühl zu vermitteln. Bei uns sind Wörter wie dick, weich und dellig keine Schimpfwörter, sondern Zustandsbeschreibungen, die klingen wie Werbung für Küchenrolle und auch genau so wenig Bedeutung haben. Bei uns sehen einfach alle aus, wie sie aussehen.

Im Buch von Missy-Mitbegründerin Sonja Eismann und Illustratorin Amelie Persson ist das auch so, nur umfangreicher, informativer und schöner. Gleich der Titel zeigt, dass hier dem aufgeladenen Thema Aussehen die Macht lässig aus der Hand genommen wird. Denn die Antwort auf „Wie siehst du denn aus?“ ist nicht: ‚Bestimmt falsch, weil meine Beine nicht dünn genug, meine Brüste nicht oben genug, mein Haare nicht rasiert genug, meine (whatever) nicht (richtig) genug aussehen.‘ Die Antwort ist einfach nur ‚Na guck doch, so halt.‘, und dieses ‚So‘ wird als viele Ausseh-Möglichkeiten gezeigt. Von Kopf über Haare, Augenbrauen, Arme, Hände, Penisse, Vulvas, Hintern und Nasen bis Füße ist alles dabei. Zu jedem besprochenen Körperteil gibt es eine illustrierte Doppelseite, auf der zum Beispiel verschiedene Hintern zu sehen sind, verschiedene Hautfarben, Haardichten, Größen und Formen. Darauf folgt eine Doppelseite Text, auf der es kurze Absätze mit Informationen zum Körperteil gibt. Hier werden Funktionen des Körperteils erklärt, Schönheitsideale entlarvt, Perfektionsdruck rausgenommen oder unterhaltsame Exkurse in die Geschichte unternommen.

Ich bin froh für alle Kinder und alle anderen Menschen, die dieses Buch lesen und dabei zusehen und zulesen können, wie Sonja Eismann und Amelie Persson dem Perfektionskack eine Welt entgegensetzen, in der alle sind, wie sie sind. Und das auf eine wundervoll unaufgeregte und wertschätzende Art.

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Foto: Unsplash

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