Wir müssen über Liebe sprechen.
Wir müssen über Liebe und Feminismus sprechen und es wird nicht einfach. Denn Liebe macht es dem Feminismus nicht gerade leicht und der Feminismus der Liebe auch nicht. Das liegt nicht zuletzt daran, dass mit der Installation eines zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Ideals der Romantik gerade Frauen keine guten Erfahrungen gemacht haben. Die tradierte romantische Liebe bildet den Rahmen, um nicht zu sagen das Gefängnis dafür, dass „hinter jedem erfolgreichen Mann eine Frau steht, die ihn unterstützt“, dass Frauen passiv darauf zu warten haben, erobert und „gepflückt“ zu werden und dass frau am Ende zumeist unbezahlte Care-Arbeit leistet – entweder innerhalb einer Beziehung oder als Alleinerziehende. Romantische Liebe ist nicht nur das, was (fast) alle wollen, sonder eben auch das, was alle haben wollen sollen. Deswegen wird auch ständig ängstlich-besitzstandswahrend gefragt, ob der Feminismus nicht die Liebe zerstört.

Kein Wunder also, dass Pärchenkram und Liebesschwüre den diversen feministischen Strömungen hochgradig supekt waren und sind. Ob als sozialistische Radikalkritik an der biologischen Familie und all ihren Implikationen bei Shulamith Firestone oder als Anarchopop bei Christiane Rösinger und ihren Lassie Singers.

„Pärchen stinken, Pärchen lügen.“ Überhaupt ist das Liebespaar „eine ganz niedrige Lebensform“ und Liebe gemeinhin überbewertet. Warum? Weil das, was wir Liebe nennen, großflächig dazu dient, unser Verhalten zu steuern, aus unseren Entscheidungen kapitalistisch Gewinn zu schlagen und uns großflächig beschäftigt zu halten. Kurz: Wer romantisch involviert ist oder es gerne wäre, hat kaum Zeit und Lust, die Machtfrage zu stellen – und das baden am Ende alle aus.

Doch auch jenseits heteronormativer Pärchengefüge tun sich Feminismus und Liebe schwer. Zum einen kokettiert Feminismus nicht nur damit, eine Kampfansage zu sein, sondern will die Gesellschaft konkret verändern. Als Ermächtigungsstraegie, als Aufschrei, als Tritt in den Arsch des Patriarchats kommt er geharnischt daher und will sich nicht länger beschwichtigen lassen. Beschwichtigung ist ja gerade eine der Hauptstrategien des Systems, das es zu überwinden gilt. Zum anderen gibt er sich an seinen internen Verwerfungslinien unversöhnlich. Die Kontrahent*innen der Auseinandersetzungen um Prostitution, Pornografie und Intersektionalität haben kaum Verständnis füreinander. Schon gar nicht Liebe. Jüngste Beispiele dafür sind der Umgang mit den feministischen Autorinnen Mithu Sanyal und Chimamanda Ngozi Adichie. Sanyal wurde für ihre Bemerkungen zum Opferdiskurs kritisiert und angefeindet, Adichie für ihre Aussagen über Transfrauen.

An dieser Stelle könnte der übliche „Wir müssen doch zusammenhalten“ Appell erfolgen. Und „Wollen wir uns nicht lieber alle miteinander liebhaben“? Nein, wollen wir nicht. Wir wollen uns auch streiten dürfen. Trotzdem haben wir eine Kleinigkeit vergessen. Liebe nämlich. Die ist nicht nur überbewertet, sondern auch gründlich unterschätzt. Sie ist nicht nur in der Lage einzuengen, sondern auch zu befreien. Sie kann sichtbar machen, bestärken, aufbrechen, richtigstellen und einladen. Sie sollte gegen Hass organisiert werden.

Sie müsste geschärft und gefeiert werden. Damit wir nicht immer nur dem Raum geben, was uns trennt, sondern auch dem, was uns verbindet. Wenn Liebe wirklich kaputt gemacht wurde, dann vom Ideal der romantischen Liebe, das dieses eigentlich so große und vielfältige Gefühl auf Pärchenkonformität bürstet. Deshalb belassen wir es auch oft  bei passiv-nebulöser Anerkennung, während unser Hass und unsere Ablehnung immer deutlicher und schärfer zutage treten. Aber ein Retweet oder ein Like sind keine adäquaten Antworten auf einen hasserfüllten verbalen Schlag ins Gesicht.

Also ja: Pärchenliebe (sagte der Langzeitbeziehungstyp mit vier Kindern) ist immer noch irgendwie verdächtig. Das ist auch gut so.
Aber nein: Das ist nicht das Ende der Liebe. Stattdessen sollten wir mehr dafür tun, dass es ein Anfang sein kann.