So oder ähnlich drücken es unsere Leser*innen auf Facebook und in unserem Blog aus, wenn wir mit Alice Schwarzer und der EMMA, Terre des Femmes oder auch mal einer Netzfeministin nicht einer Meinung sind und diese Meinung ausführen. „Nicht streiten, gemeinsam das große Ganze im Auge behalten!“ wird die Sorge beschrieben, oder „Wie sollen wir denn je voran kommen, wenn wir nicht alle an einem Strang ziehen?“

Auch die Presse zeigt regelmäßig großes Interesse an den „hysterischen Feministinnen“, die mehr Zeit damit verbringen, sich gegenseitig zu kritisieren als effektive Lobbyarbeit zu betreiben. Frauen* sind einfach zu doof: Ständig müssen sie keifen, fauchen und ihre Diven-Spiele treiben, anstatt klar und besonnen, im Schulterschluss, den Bundestag zu erobern und die Weltmacht zu ergreifen. So sind sie eben!

Klischees entstehen durch das Ausblenden absolut sichtbarer Realitäten. Wer nämlich mal andere Interessengruppen und deren Sprachrohre betrachtet, sieht dort genau so viele Uneinigkeiten, Debatten und sogar Verwerfungen wie bei „uns“. Für die Umweltszene hat diese Christiane Gräfe vor kurzem sehr schön für die ZEIT zusammengefasst (Nr. 35). Dass manchmal gestritten wird oder verschiedene Ansätze bestehen, befand sie sogar als äußerst produktiv und notwendig. Ihr Fazit: Richtig effektiv wird (Umwelt-)aktivismus dann, wenn möglichst viele verschiedene Hebel in Bewegung gesetzt werden.

Feministinnen-Blog2

Auch in der Femi-Szene gibt es konträre Ansätze und Bewegungen, die sich gerne streiten. Und während wir alle debattierten, ist dieses Jahr das Sexualstrafrecht verschärft worden. Da wir bei vielen Stellungnahmen mit gezeichnet haben wissen wir, dass hier von Links bis Rechts alle einen Teil beigetragen haben. Auch für unsere Kernkampagne gegen Sexismus in der Werbung sind neben unserer Lobbyarbeit auch von der linksautonomen Adbustinggruppe bis zur konservativen Femi-Journaille Impulse gekommen. Dass nichts passiert, nur, weil wir in manchen Dingen gegenteiliger Meinung sind, stimmt also nicht.

Auseinandersetzungen und Differenzen sind wichtig und gesund. Anstrengend sind sie trotzdem. Manchmal werde ich gefragt, wie ich mit den Wutkommentaren – die wir vom rechtskonservativen Feminismus ebenso erhalten wie von manchen linken Bloggerinnen, die uns viel näher stehen – umgehe. Ich muss gestehen, es hat etwas gedauert, bis ich sie souveräner aufnehmen konnte. Inzwischen tut es mir zwar leid, wenn wir Spender*innen verlieren, weil sie unsere Meinung nicht mittragen können. Ich weiß aber auch, dass das Engagement für Feminismus oft auf biografischen Erfahrungen beruht und der individuell gewählte Lösungsansatz deshalb emotional behaftet ist. Das ist bei mir nicht anders. Und so versuche ich es neuerdings mit viel Ausatmen, Abstand nehmen und den Konflikt erst mal stehen lassen.

Offline und mit viel Ruhe hatte ich in diesem Sommerurlaub ganz intensive Auseinandersetzungen, die keineswegs verletzend waren. Mit Achtung vor der Perspektive des Anderen schaffte ich es in einigen Gesprächen, selbst nicht an die Decke zu gehen und trotzdem meine Gegenüber für meine Sicht zu interessieren. Gewappnet mit so viel Muße konnte ich der Kölner Fernsehjournalistin, die mich nach meiner Rückkehr ziemlich hitzig fragte, ob Niqab-Trägerinnen überhaupt integriert werden wollten, ganz ruhig und freundlich begegnen. Und freute mich, als sie das Telefonat beendete: „So habe ich das noch nie gesehen. Da muss ich vielleicht umdenken. Danke.“

Nils hat unsere Meinung zur aktuellen Burka-Debatte schon in der Standard beschrieben, so dass ich das hier nicht wiederhole. Aber meine noch erhaltene Ferien-Achtsamkeit freut sich, dass die Hälfte der Spiegel-Lesenden, die zum Burkini-Verbot in Frankreich abgestimmt haben, ein solches Gesetz ablehnt. Bei der derzeitigen Stimmung im Land hätte ich viel Schlimmeres erwartet: Islamophobie scheint salonfähig, Burka-Witze auch. Sehr platt finde ich z.B. das Foto der Lingerie-Firma Blush, dass sie vor Kurzem auf Facebook posteten:

Blush Heiko

War dann aber wieder so gelangweilt von diesem ewigen Vergleich und der Unfähigkeit, Sexiness und Sexismus auseinanderzuhalten, dass ich mich nicht mal aufregen konnte. Deshalb habe ich beschlossen, mich einfach mehr zu freuen: Zum Beispiel überraschenderweise über den Stern, der in der aktuellen Debatte den einzig guten Titel gebracht, spannende Interviews mit Musliminnen geführt und sie so sichtbar gemacht hat, anstatt über sie zu sprechen. Oder aber über die schottische Polizei, die endlich – viele Jahre nach London – den Hijab als Teil der Uniform für Polizist*innen zugelassen hat. Integration ermöglichen und mehr Differenzierung in die Debatte bringen: Das freut uns. Also: Weniger ärgern! Streiten, ganz freundlich. Das ist der Plan!

Blush haben inzwischen viele User*innen erklärt, dass ihre Aktion nicht witzig war. Erst freundlich, im Laufe des Gesprächs riss einigen der Faden, Blush reagierte nicht mehr. Schade. Beim Streiten ruhig und im Gespräch zu bleiben, auch auf Facebook – das ist sauschwer, sollte aber unser Ziel bleiben. Denn nur so können wir mehr Langsamkeit in eine Debatte bringen, die unglaublich komplex ist und keine einfachen Antworten bietet. Wer anzweifelt, ob ein Entschleierungszwang der Integration hilft, befürwortet noch lange keinen patriarchalen Verschleierungszwang. Für so viel Differenzierung sollte Zeit sein.

Wir freuen uns auf eine neue Saison mit euch!

Eure Stevie und Team