Die Festivalsaison geht wieder los. Und neben dem Tanzen und Feiern geht es mir dabei immer auch um das Entdecken von tollen Musiker*innen und Bands. Um ein möglichst diverses Spektrum aktueller Acts mitzubekommen, habe ich mir vor einigen Jahren selbst eine Regel auferlegt: Ich versuche bei jedem Festival mindestens 50% Konzerte von Bands zu sehen, die nicht rein männlich* besetzt sind. Das würde mir im Prinzip auch sehr leicht fallen, weil ein Großteil meiner Playlisten ohnehin aus weiblichen* Künstlerinnen und Bands besteht. Aber auf Festivals ist es gar nicht so einfach, ein ausgewogenes Programm zu sehen, selbst wenn man sich, wie ich, Mühe gibt. Denn es stehen kaum Frauen auf der Bühne.

Wie krass die Diskrepanz zwischen Männern* und Frauen* dort tatsächlich ist, zeigt ein kleiner Trick, den Medien und Künstler*innen schon seit ein paar Jahren anwenden. Sie zeigen die aktuellen Festivalplakate einmal komplett und einmal ausschließlich mit Bands, in denen Frauen* aktiv sind. Für dieses Jahr hat das z.B. bento gemacht:

Quelle: bento

Das Problem wird schnell deutlich: Bei Rock am Ring sind in diesem Jahr von 73 angekündigten Bands und Künstler*innen gerade einmal acht Acts mit weiblicher Beteiligung dabei, das entspricht rund 11%. Andersherum: 89% aller Bands bestehen ausschließlich aus Männern*.

Die Programme anderer großer Festivals in Deutschland zeigen ein ähnliches Bild bezüglich ihrer Frauen*quoten: Bezogen auf die aktuellen Ankündigungen kommt das Hurricane auf 20%, das Splash auf 7,5% und das Lollapalooza auf immerhin 23%. Bei allen genannten Festivals gibt es insgesamt nur einen einzigen Headliner mit weiblicher Beteiligung: Arcade Fire beim Hurricane.

Quelle: bento

Warum das so ist, bleibt mir ein Rätsel. Die Charts und Radios sind voll mit weiblichen* Künstlerinnen. Die größten Popstars unserer Zeit – Beyoncé, Lady Gaga, Pink, Rihanna – sind Frauen*. Und auch abseits der großen Plattenfirmen fallen mir zig Bands unter weiblicher* Leitung ein, die ich gerne auf Festivals sehen würde. Geben wir unseren Kindern die falschen Instrumente? Ist es soziale Prägung? Ist es eine Genrefrage, weil bestimmte Musikstile von bestimmten Geschlechtern dominiert werden?

Tatsächlich konzentrieren sich die meisten großen Musikfestivals auf Rock, Hip-Hop oder Elektronische Musik. Das sind in der breiten Öffentlichkeit nicht nur alles vornehmlich männlich* konnotierte und dominierte Genres, sondern in allen drei Fällen sind auch Männer* die größte Zielgruppe für die Vermarktung. Erfolgreiche Female Artists sehen wir vor allem im Pop oder RnB. Ist also auch die Musikindustrie durchstereotypisiert? Männern* wird die laute, rebellische, treibende Musik zugeschrieben und Frauen* sind mehr für die Gefühle und den Wohlfühlsound zuständig?

„Festivals sind immer Ausprägungen unserer Gegenwartskultur – einer nachhaltigen Veränderung muss also zwingend ein gesamtgesellschaftlicher Wandel vorangehen“, sagt Stephan Thanscheidt gegenüber bento. Er ist CEO von Europas größtem Festivalveranstalter und schiebt die Verantwortung von sich. Ein ausgewogeneres Genderverhältnnis auf Festivals „lässt der Künstler-Pool (…) einfach noch nicht zu“, meint er. Ich frage mich, in welch langweiligem Pool er da fischt und wieso er und die vielen anderen (meist männlichen*) Verantwortlichen sich da seit Jahren so einfach aus der Affäre ziehen können.

Schließlich gibt es auch Festivals, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind. Mit der Initiative „Keychange“ haben sich zum Beispiel 85 Veranstalter*innen in Europa und Nordamerika dazu verpflichtet, bis zum Jahr 2022 deutlich mehr Musikerinnen auf und hinter die Bühne zu bringen. Sie wollen erreichen, dass Frauen* künftig zu 50% unter Künstler*innen, Gruppen und auch in den Kommissionen vertreten sind. Die Initiative stammt vom britischen Musikfonds PRS Foundation und wird unter anderem von der Garbage-Frontfrau Shirley Manson vorangetrieben. In Deutschland haben bisher nur wenige Musikfestivals angekündigt, bis 2022 die Hälfte ihres Line-Ups weiblich besetzen zu wollen, darunter das Berliner Festival Pop-Kultur (ein vergleichsweise kleines Festival mit ohnehin schon sehr diversem Programm) und das Hamburger Reeperbahn Festival. Zwar ist diese Initiative erstmal nur ein Versuch, aber immerhin ein klares Statement: Das kann so nicht weitergehen! Und wenn das Reeperbahn Festival das schafft, dann werden auch den anderen Festivals die Ausreden ausgehen.

Natürlich wissen wir nicht, welche Parameter bei dem Booking eines Music-Acts tatsächlich eine Rolle spielen (zum Beispiel Absprachen und Verträge mit Plattenfirmen), aber dass der Pool an Künstlerinnen zu klein sei, ist schlichtweg Unsinn. Wir von Pinkstinks haben uns nur einen einzigen Tag lang Zeit genommen und aktuelle Musikerinnen recherchiert, sowohl deutsche als auch internationale Acts in allen Genres, und – Überraschung –  die Bandbreite ist riesig! Unsere liebsten Entdeckungen haben wir in einer Spotify-Playlist gesammelt. Als Inspiration für die Festival-Booker und als Playlist für euch über das lange Feiertags-Wochenende.

Wenn ihr Ergänzungen habt, schreibt sie uns gerne in die Kommentare! Wir werden die Playlist über die Saison fortlaufend aktualisieren.

Photo by Desi Mendoza on Unsplash