Einhundert zu Vierzehn. Das ist die Bilanz meiner nicht repräsentativen Autobahnauszählung davon, wer wen fährt beziehungsweise wer sich von wem fahren lässt. Zwei Stunden lang habe ich zunehmend genervt von meinem erhöhten Kindertransporterbussitz in PKWs geschaut und mitgezählt. Während meine Lebenskomplizin die Kinder und mich von Österreich gen Norden fährt blicke ich wieder und wieder auf das gleiche Szenario. Er fährt, sie daneben. Er fährt, sie daneben. Schnell stelle ich ein paar Regeln auf und beginne mir Notizen zu machen: Nur PKWs, keine Einzelpersonen, keine gleichgeschlechtlichen Teams. Am Ende steht es Einhundert zu Vierzehn.

Vermutlich sollte mich das weniger überraschen. Mit dem Thema Stereotype und Sexismus beschäftige ich mich schließlich nicht erst seit gestern. Gerade der Bereich Frau am Steuer ist ja durchzogen davon. Nicht nur in einer ach so fernen Vergangenheit, in der Frauen vor 1958 den Führerschein nicht ohne Erlaubnis ihres Ehemannes machen durften. Oder in der 1975 in der Fernsehsendung zu Verkehrserziehung Der 7. Sinn neben anderem Unfug behauptet wurde, Frauen würden sich seltener Anschnallen, weil sie um ihren Busen fürchteten.

In der ein

oder anderen Ausführung

hat das durchaus einen Gegenwartsbezug. Trotzdem dachte ich, wir wären da weiter. Überhaupt: Was sagen eigentlich die Statistiken? Es muss doch Zahlen darüber geben.

Die gibt es tatsächlich: Frauen verursachen seltener als Männer Unfälle mit Personenschaden, Männer hingegen sind für die meisten schweren Unfälle verantwortlich. Mehr als 2/3 aller Todesopfer durch Verkehrsunfälle sind Männer. Sie stellen mit 86,9 % auch die überwältigende Mehrheit an alkoholisierten Beteiligten bei Unfällen mit Personenschaden und häufen in Flensburg die meisten Punkte an.

Dem gegenüber steht die Gesamtzahl von PKW-Fahrerlaubnissen nach Geschlecht aufgeschlüsselt: Etwas mehr als 9 Millionen bei den Männern stehen etwas weniger als 9 Millionen bei den Frauen gegenüber. Wieso also dieses sich ständig wiederholende Bild von der Frau neben dem fahrenden Mann – und zwar in allen Altersklassen? Alle Zahlen sprechen gegen diese Verteilung. Bis auf die, das Frauen geschlechtsübergreifend als beifahrende Person deutlich beliebter als Männer sind. Vielleicht wollen sie also einfach nicht, obwohl sie könnten. Weil sie keinen Bock haben auf Gemaule und andere aggressive Verkehrsteilnehmer. Weil jemand da ist, der es bereitwillig macht. Und womöglich wollen sich Männer nicht fahren lassen. Weil es etwas mit Abgeben, Kontrollverlust und Passivität zu tun hat – solange bis man(n) wichtig genug ist, einen Chauffeur zu haben.

Mit jedenfalls fällt es schwer, das nachzuvollziehen. Während draußen an mir eine Einhundert zu Vierzehn Welt vorbeirauscht, schreibe ich zur Hälfte diesen Text, mache ein Nickerchen, spiele mit den Kindern „Ich sehe was, was du nicht siehst“ oder „Words with Friends“ mit irgendwem auf dem Handy. Und weil ich letztes Mal dran war, bringt mich die Lebenskomplizin derweil sicher nach Hause.