Seit einigen Wochen kümmern ich und meine Töchter uns um eine sehr junge Stute in einem Stall in unserer Nähe. Faszinierend tut uns, dass sie – obwohl sie noch eingeritten wird – schon Mutter sein könnte! Passend zur geschlechtlichen Reife und der gleichzeitigen jugendlichen Energie scheint sie dauerrossig zu sein: Alle paar Wochen verspritzt sie eine hohe Menge vaginaler Flüssigkeiten, am liebsten genau vor die Nase verdutzter Wallache. Dann schüttelt sie wild ihre Mähne und drängt dem Kerl ungeduldig, dominant und tänzelnd ihr Hinterteil mit aufgespreizten Beinen entgegen. Der schnuppert meistens etwas behäbig und schiebt dann sehr langsam seinen Schniedel raus. Reagiert er nicht sofort, tritt sie vor Gier, um ihn „in die Hufe“ zu bekommen.

Nun könnte ich den Kindern erklären: „Wisst ihr, Carla möchte halt unbedingt ein Baby bekommen!“, was grober Schwachsinn wäre, weil Carla nicht weiß, dass Poppen Babys macht. Stattdessen sage ich: „Oh schau mal, so viel Mösensaft! Sie möchte so was von gerne mit Berts Schwanz massiert werden und wir Gemeinen lassen sie nicht!“ (Leider ist Pferdesex mit all den Hufen und Eisen für Reitpferde nicht ungefährlich, weil sich irgendwer verletzten könnte). Bisher haben meine Kinder zum Glück noch nicht „Mama, wie peinlich!“ gezischt, so dass ich das Schauspiel immer wieder kommentieren kann: „Och menno, Carla möchte schon wieder Sex und darf nicht. Die Arme.“

Ich bin Carla unendlich dankbar, an ihr zeigen zu können, dass nicht alle weiblichen Tiere einfach passiv aushalten, bis der Kerl sich entladen hat: Bei Hühnern z.B. kann man nicht so richtig viel Lust erkennen. Ich möchte hier eine Entschuldigung voran schieben an alle asexuell oder glücklich mit wenig Libido lebenden Frauen*, die sich hier nicht mitgemeint fühlen. Denn in diesem Text geht es mir wirklich um die Unsichtbarkeit von weiblicher Lust auch in unserer Kultur.

Zum Glück gibt es immer mehr Artikulation von weiblichen Begehren in Mainstream-Frauenzeitschriften mit passender Werbung für Sextoys, Berichte über Vulva- bzw. „Yoni“-Massagen oder Sexualtherapeut*innen, die Frauen* dazu verhelfen, ihre Lust auch ohne Partner*in zu befriedigen. Interessant dazu fand ich in den letzten Tagen einige Diskussionen über die „Pink Viagra“. Ich war erschrocken über den Beitrag einer Kollegin im Netz, die die Entwicklung dieses pharmazeutischen Produkts (das nicht funktioniert und medizinisch bedenklich ist, aber darum soll es hier nicht gehen) sofort einer männlichen Verschwörung zuordnete, um Frauen zum schnellen „Funktionieren“ zu bringen. Ist es wirklich so einfach? Sie glaubte nicht, dass es Frauen gäbe, die unter Zeiten sexueller Unlust leiden würden. Dem ist aber nicht so*. Ihre alternativen Tipps für mehr Libido lauteten, sich einfach mehr Zeit zu nehmen, Stress abzubauen, ein Glas Rotwein zu trinken und die Kinder woanders zu parken.

Aber mal ehrlich: Wann soll eine Vollzeit arbeitende Frau ihre Kinder wegorganisieren, Yogakurse einplanen und sich mit Massagen in Stimmung bringen? Und wenn sie sich in ihrer Übermüdung die Partner*innen schon mit Rotwein affenscharf trinken muss, wieso dann nicht schnell ein Pillchen einschmeißen, einen geilen Romp hinlegen und unglaublich befriedigt und ausgetobt einschlafen? Sich morgens Oxytoxin-induziert am Frühstückstisch zuzwinkern und sich schon auf den nächsten Abend um 23h freuen, wenn die Kinder schlafen?

Natürlich könnte man auch fremdgehen oder polyamourös leben, um zu mehr Lust auf und Sex zu kommen. Das wäre auf Geschäftsreisen oder Abendveranstaltungen ja auch möglich – aber für viele emotional oder ethisch zu kompliziert. Möchte man also eine unterfütterte Beziehung aufpeppen, spricht doch erst mal nichts gegen ein Aphrodisiakum – wären da nicht die chemischen Nachteile. Während das männliche Viagra ja nicht Lust sondern Standfestigkeit wach kitzelt, ist es bei Frauen* komplexer: Bock auf die ungezügelte Lust ist oft vorhanden, nur klappt es – gerade in stressigen Lebensphasen, bei Langweile, Übermüdung oder hormoneller Umstellung – mit der Geilheit nicht so richtig. So, als hätte man Lust, satt und gekräftigt zu sein und in Gesellschaft zu essen, aber keinen Appetit. Oder zu tanzen, aber der Fuß tut weh.

Wenn es kein Geheiminis ist, dass Marihuana gigantischen Sex ermöglicht, fragt sich, warum Viagra für Frauen eine männliche Verschwörung sein soll und keine Zeitenwende. Dass es sehr viel gesündere und effektivere Nachhelfer gibt, da sind wir uns absolut einig. Aber dass viele Frauen vögeln wollen, auch, wenn sie keinen hoch bekommen: Darüber sollten wir sprechen.

Lieben Gruß! Eure Stevie

 

* Eine große amerikanische Studie, die im Jahr 2008 publiziert wurde, und an der 31.000 Frauen teilgenommen haben, ergab, dass 40 Prozent der Befragten gelegentlich oder häufig keine Lust auf Sex haben. 10 Prozent der in dieser Studie befragten Frauen gaben an, sehr unter ihrer Lustlosigkeit zu leiden.

(Shifren, JL et al. Sexual Problems and Distress in United States Women: Prevalence and Correlates. Obstet Gynecol 2008; 112(5))