Auf den gestrigen Sonntag habe ich mich schon eine ganze Weile gefreut. Nicht nur, weil mein ältester Sohn da Geburtstag hat (yeah!) und Muttertag ist (hmm, okay), sondern weil da endlich das zweite Comedy Special von Ali Wong auf Netflix erschienen ist. Ihr Programm Baby Cobra von 2016 war einfach unglaublich. Da stand nicht nur erstmalig eine sehr schwangere Frau auf der Bühne und riss Witze darüber, dass man die Sache hier schnell zu Ende bringen würde, weil sie in etwa 5 Minuten pinkeln müsse. Da stand eine Frau, die auch Witze über ihre Herkunft, Rassismus, ihre Fehlgeburt und die Tatsache machte, wie albern sich terminierter Sex für sie anfühlt. Ihr zu diesem Zeitpunkt deutlich erfolgreicherer Kollege Bill Burr kommentierte anschließend, dass er zwar verstünde, wenn die Leute im positiven Sinn wegen ihrer Schwangerschaft ausrasten würden – aber letztendlich sei es die Qualität ihres Materials, das sie so deutlich von anderen abhebe. Der Mann hat Recht.

Wong hat sich mit diesem Auftritt an die Spitze ihrer Zunft katapultiert, steht 2 Jahre nach ihrem legendären Einstand wieder hochschwanger am Muttertag auf der Bühne und macht mit Hard Knock Wife da weiter, wo sie aufgehört hat: Mit ironischem Antifeminismus, expliziten Sexanekdoten und dem romantischsten Satz, den ihr ein Mann je gesagt hat – er hat etwas mit ihrer Periode zu tun.

Es ist zum Schreien komisch. Und während ich versuche, mir aufgrund ihrer mimischen Darstellung der „Freuden der Mutterschaft“

nicht vor Lachen ins Hemd zu machen, frage ich mich, warum eigentlich immer noch behauptet wird, Frauen seien nicht witzig. Neben den ziemlich dümmlichen und vorhersehbaren Versuchen  („Frauen, ne. Kennste, kennste…“), auf die ich hier gar nicht erst eingehen will, hat 2007 der leider viel zu früh verstorbene Autor Christopher Hitchens diese These wohl am schärfsten formuliert. Hitchens, den ich für seinen unerschrockenen, scharfsinnigen Atheismus und seine rhetorische Brillanz sehr schätze, meinte sinngemäß, dass Frauen nicht lustig seien, weil sie es nie nötig gehabt hätten.

Er meinte wohlgemerkt nicht, dass es gar keine lustigen Frauen gäbe, sondern vielmehr, dass Männer Humor entwickeln mussten, um überhaupt eine Chance bei Frauen zu haben, obwohl doch die meisten Männer „fantastisch unattraktiv“ seien.  Und Frauen eben nicht. Hitchens zufolge bedürfen Frauen keines Humor, um sich aufzuwerten, ins Gespräch zu bringen oder interessant zu machen. Ein Punkt, den auch der deutsche Kabarettist Horst Schroth später gemacht hat – wenn auch deutlich anbiedernder. Frauen seien „sinnlich, schön, klug und wundervoll“, da müssten sie nicht auch noch komisch sein. In der NZZ wurde es mit Bezug auf Hitchens weniger blumig formuliert: Humor sei auch immer männliche Tragik.

Diese Argumentation ließe sich mit Blick auf die Entwicklungen der 11 Jahre nach Hitchens Aussage leicht vom Tisch wischen. Heute wäre es nicht mehr so einfach, Frauen im Comedy- und Kabarettbereich als Ausnahmeerscheinung abzutun. Allerdings wäre dieses Wischen auch leichtfertig. Denn es gibt in der Tat einen relevanten, ziemlich gut belegten Unterschied zwischen Frauen und Männern: Frauen lachen häufiger als Männer, dafür bemühen sich Männer häufiger als Frauen darum, andere zum Lachen zu bringen. Oder anders formuliert: Hinter der auf Dating-Profilen so oft formulierten Eigenschaft humorvoll verbergen sich zwei verschiedene Bedeutungen. Frauen suchen jemanden, der sie zum Lachen bringt, Männer suchen jemanden, der über ihre Witze lacht. Das ließe sich mit dem Autor Reinhard Mohr auch noch zugespitzter schreiben: „Jeder Mann, der behauptet, das Wichtigste bei einer Frau sei ihr Humor, ist ein elender Lügner.“

Und es erscheint mir in der Tat etwas kurzsichtig, wenn man übersieht, wie unterschiedlich und komplementär die Geschlechterrollen von Frauen und Männern in dieser Hinsicht gestaltet sind. Ob man so weit gehen möchte, sie evolutionär und nicht etwa soziologisch zu begründen, sei dahingestellt. Sich aber nicht den tatsächlichen Gründen für diese Aufteilung zuzuwenden, hieße die Augen bewusst zu verschließen.

„Nichts“, schrieb Oscar Wilde, „verdirbt Romantik nachhaltiger als wenn Frauen einen Sinn für Humor haben“. Und genau darum geht es eben auch. Darum, welches Verhalten von Frauen eingefordert wird und ob Humor überhaupt Bestandteil dieses Verhaltens sein kann. Von Frauen wird „eine gewisse Gefälligkeit erwartet„. Hinter der Frage, warum Frauen nicht so witzig wie Männer sind, steht die in meinen Augen viel interessantere Frage, warum sie es nicht dürfen. Hitchens selbst deutet einen Aspekt in seinem Essay an, auch wenn er ihn leider nicht ausführt: „Es könnte sein, dass Männer in gewisser Weise nicht wollen, dass Frauen lustig sind. Sie wollen sie als Publikum, nicht als Rivalinnen.“ In der Tat! Darüber hinaus lässt sich festhalten, dass sich an die Spielregeln halten nie lustig ist. Außer wenn es in einer überzeichneten, karikierenden Weise geschieht (man denke nur an all die Beamten-, Hausmeister- und Bundeswehrsoldatenrollen) – und dann hält man sich im Grunde auch nicht an die Spielregeln. Humor stellt immer auch einen Bruch mit diesen Spielregeln dar, eine potenzielle Grenzüberschreitung. Und die wird traditionellerweise eher den Männern zugestanden. Es hat einen Grund, warum der Herrenwitz kein Pendant kennt.

Die Radiomoderatorin und Slam-Poetin Sophie Passmann, über deren Wahlbenachrichtigungs-Unboxing-Video ich immer noch lachen muss,

hat jüngst darauf hingewiesen, dass Männer es Frauen oft nicht zutrauen, ironisch oder lustig zu sein. Und die Linguistin Helga Kotthoff hat schon Mitte der 90er in ihrem Buch Das Gelächter der Geschlechter herausgearbeitet, dass Humor auch immer etwas mit Macht zu tun hat. Wer ihn hat, gegen wen er sich richtet und was überhaupt witzig ist – das entscheiden die Mächtigen. In diesem Zusammenhang ist es mehr als auffällig, dass Frauen entweder als nicht witzig genug oder als zu laut gelten, als zu überdreht und zu angestrengt. Sie sind zu attraktiv, um witzig zu sein, oder zu witzig, um attraktiv zu sein. Deswegen werden Comedians wie Carolin Kebekus gerne über ihr Aussehen abgewertet oder über die angebliche Prolligkeit ihres Humors. Übrigens ein Mechanismus, der nicht nur auf Humor beschränkt ist.

Letztendlich gilt Humor auch als Beleg für Intelligenz. Bei dieser Eigenschaft neigen Männer dazu, sich zu überschätzen, und Frauen, sich zu unterschätzen. Deshalb ist eine Anbiederung wie „Frauen sind doch schon schön, anmutig und intelligent, da müssen sie nicht noch lustig sein“ ein vergiftetes Kompliment. Denn selbstverständlich ist es möglich, dass Anke Engelke 2010 mit ihrer Late Night gescheitert ist, weil sie einfach nicht so lustig war wie Harald Schmidt. Es könnte aber auch an dem liegen, was die Süddeutsche damals als Grunddilemma beschrieben hat: „Wer will sich abends von einer Frau die Welt erklären lassen?“ Ja, genau: Wer will eigentlich, dass Frauen lustig sind?

Quelle Beitragsbild: Netflix Pressefotos, Facebook Ali Wong