Trommelwirbel und große Ehre: Wir dürfen exklusiv ein Kapitel aus Rike Drusts Buch „Muttergefühle. Zwei“ mit euch teilen, Einer der wunderbarsten, witzigsten aber auch wichtigsten Texte zum Gendermarketing, der je geschrieben wurde und sich unter anderem mit blauen Smarties beschäftigt. ENJOY!

Geschlechterrolle rückwärts.

Der Hass auf Rosa gegen Hellblau.

 Im OP des Krankenhauses fragten mich die Leute, die den Kaiserschnitt vorbereiteten: »Na, Frau Drust, was wird es denn?«

»Ein Mädchen.«

Daraufhin stellten sie die schicke indirekte OP-Beleuchtung um – von Hellblau auf Rosa. War ja nett gemeint. Sie wollten, dass ich mich entspanne. Ich allerdings fand das bescheuert. Meine Tochter konnte gern mit Rosa begrüßt werden, weil es eine schöne Farbe ist. Aber nicht, weil sie ein Mädchen ist.

Ich war diesen Leuten ausgeliefert. Klar, ich könnte losmeckern, dass Kinder aufgrund ihres Geschlechts Eigenschaften, Hobbys und Äußerlichkeiten aufgedrückt bekommen und ich das, freundlich gesagt, für verdammt falsch halte. Aber diese Leute konnten mit dem Skalpell ausrutschen oder mein Baby fallen lassen. Außerdem fand ich sie sympathisch und hatte nicht das Gefühl, dass es sich bei ihnen um »Das wird man ja wohl noch sagen dürfen«- Typen handelte. Ich entschied mich dafür, ihnen mitzuteilen, dass ich diese Rosa-Hellblau-Mädchen-Jungs-Trennung für Quatsch halte, mein Sohn zum Beispiel Rosa toll findet, ich hingegen weniger, und dass noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts Rosa voll die Jungsfarbe war. Die Leute im OP murmelten herum, dass sie das so noch gar nicht gesehen hätten. Sie schalteten zurück auf Hellblau, und dann holten sie bei allseits guter Laune meine Tochter raus. Leider ist für mich die Geschichte hier noch nicht vorbei.

Alles ist voll von Sachen nur für Jungs und nur für Mädchen. Aus den Regalen brüllen Spielzeuge, Süßigkeiten und sogar Gewürzgurken (Alter, echt mal!): »KAUF MICH, WENN DU EIN MÄDCHEN BIST. FÜR DICH IST DER ROSA PRINZESSINNENKRAM, WEIL DU SO SÜSS UND NIEDLICH BIST. ACH, DU BIST EIN JUNGE? DANN FINGER WEG, FÜR DICH IST DAS BLAUE. MIT KÄMPFEN UND STARKSEIN. UND WEHE, IHR VERTAUSCHT DA WAS!«

Ich habe vor einiger Zeit mal so getan, als wäre mir genau das passiert, und zwar mit rosa und hellblauen Smarties. Deshalb schrieb ich Nestlé auf die Facebook-Pinnwand.

»Hallo Nestlé, ich brauche Ihre Hilfe. Meine Tochter (2) hat heute aus Versehen von den Ritter-Smarties ihres Bruders (7) gegessen. Ich habe wirklich nur ganz kurz nicht hingeschaut, weil ich meinem Mann sein Bier bringen musste. Ein blaues Smartie konnte ich ihr noch aus dem Mund fischen, aber ich schätze, sie hat bestimmt vier bis fünf gegessen. Jetzt weiß ich nicht, was ich machen soll, weil die ja, wie auf der Verpackung steht, nur für Jungs sind. Ich habe große Angst, dass der Verzehr Einfluss auf ihre Prinzessinnenhaftigkeit hat. Was mache ich, wenn sie jetzt plötzlich anfängt, sich jungenhaft zu benehmen? Ich hoffe, Sie verstehen, dass ich das absolut inakzeptabel fände, denn mir ist sehr wichtig, dass meine Tochter wie bisher wie ein Mädchen wirft, schießt, schnell anfängt zu heulen und später ganz schlecht in Mathe und Einparken wird. Ich habe ihr jetzt vier rote Smarties gegeben, weil das gemischt mit den blauen dann ja Lila ergibt, und Lila als Mädchenfarbe sollte hoffentlich die Jungswirkung neutralisieren. Kann ich sonst noch etwas tun, außer meinen Kindern immer wieder zu sagen, was und wie sie zu sein haben?«

Nestlé hat natürlich keine Rückrufaktion gestartet und auch nicht damit aufgehört, Menschen ihr Wasser zu stehlen usw., aber zumindest halbwegs lustig geantwortet. Vielen Menschen, zum Beispiel von den mehr als elftausend Leuten, die das gelikt haben, war klar, dass ich sehr wohl meine Genderkritik ernst meinte, sie aber in eine Satire eingewickelt hatte. Mehr als zweitausend Leute haben den Post geteilt, den Witz lustig weitergesponnen und mir gezeigt, dass auch sie das Rosa-Hellblau-Aufgezwänge bescheuert finden. Das tat gut.

Aber das Internet wäre nicht das Internet, wenn nicht Leute ohne Rechtschreibung und Kinderstube fordern würden, dass mir dummer ***** die Kinder weggenommen gehören, weil ich so dumm bin, dass sie weder meinen Witz noch meine Kritik verstanden haben. Und nein, das macht tatsächlich keinen Sinn.

Auch immer dabei, wenn die Empörungskarawane sich auf den Weg macht, sind die, die unter alles den Standardkommentar schreiben: »Hast Du sonst keine Probleme? Was ist mit Verkehrsberuhigungen/uns Deutschen/den Tieren!!??«, weil sie, häufig im Tausch gegen eine funktionierende Empathiefunktion, eine Visitenkarte bekommen haben, auf der sie unter ihrem Namen deutlich lesen können: offizielle weltweite Stelle für die Bescheinigung von

wahr, gut und wichtig.

Diesen Leuten möchte ich sagen: Wisst ihr was? Ich habe viele andere Probleme. Da wäre die Welt. Krieg. Umweltprobleme. Hass. Die allgemeine Unheimlichkeit des Weltalls. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Und heute Morgen, zum Beispiel, lag eine Socke im Klo, also richtig in der Schüssel, die musste ich rausfischen, das fand ich auch wirklich schlimm. Aber der Witz an uns Menschen ist, dass wir alle verschieden sind und uns deshalb auch verschiedene Sachen aufregen. Befände ich mich in Aleppo, fänd ich die Sache mit den Smarties vermutlich mehr als unwichtig. Und wenn jemand aus meiner Familie sehr krank wäre, hätte ich vermutlich auch andere Ideen, als Nestlé zu schreiben. Aber es ist, wie es ist, und wir sind, wo wir sind; und wenn sich jeder (gedankenvoll und gewaltfrei) für sein persönliches Ziel einsetzt, könnte die Welt eventuell besser werden. Andere kämpfen für Verkehrsberuhigungen oder Tierschutz, mir persönlich liegt, auch aufgrund meiner eigenen Sozialisation, sehr am Herzen, dass meinen Kindern niemand vorschreibt, wer oder wie sie aufgrund ihres biologischen Geschlechts zu sein haben – und deshalb rege ich mich auf, wenn jemand oder ein Unternehmen das tut.

Wenn ihr jetzt sagt: »Ja, du bist doch dafür verantwortlich, das deinen Kindern vernünftig zu erklären«, dann antworte ich: »Also, vor MIR ist es meinem Sohn nicht peinlich, seinen Nagellack zu zeigen, sondern vor dem Jungen, dem seine Eltern den ganzen Tag sagen, er soll nicht heulen wie ein Mädchen; die sind es nämlich, die den Süßigkeiten-, Klamotten- und Spielzeugregalen abkaufen, wenn diese herausbrüllen, dass Abenteuer und Forscherdrang exklusiv für Jungs und Hübschsein und Staubsaugen absolute Mädchensache sind.« Im Gegensatz zu dem Verlangen, er selbst zu sein, verspürt der Große nämlich keines danach, von anderen Kindern für Eigenschaften oder Vorlieben geärgert zu werden, die die Werbeindustrie aus wirtschaftlichen Interessen oder andere Erwachsene aus Ignoranz oder Intoleranz in feste Schubladen gesteckt haben.

»Ach, komm, das ist doch viel zu politisch. Lass deine Kinder doch mal Kinder sein«, wird mir dann vorgeworfen. Würde ich ja gern, aber sie können eben nicht einfach Kinder sein, weil ihnen ständig gesagt wird, dass sie Jungen oder Mädchen sind und dass sie deshalb irgendwie zu sein haben. Weshalb ich, sobald die Vorlieben meiner Kinder nicht dem herkömmlichen Bild entsprechen, sehr beschäftigt bin. Zuallererst mit Reden. Ich erkläre meinem Sohn, dass es Quatsch ist, wenn ein Junge ihn wegen seines Nagellacks auslacht oder weil er gern mal mit Mädchen spielt oder malt oder Glitzer gut findet. Dass es leider viele Leute gibt, die sich wohler mit dem Gedanken fühlen, wenn Jungs alle gleich sind und Mädchen auch. Dass solche Gedanken aber totaler Scheiß sind, weil wir zum Glück in einer Welt leben, in der wir alle so sein können, wie wir wollen. Wir haben Penisse oder Vaginas, aber das hat nichts mit dem zu tun, was wir schön finden, gern spielen, was uns leicht- oder schwerfällt. Und wer das verneint, ist ein Betonkopf. Dann überlege ich mit ihm, was eine gute Reaktion auf einen Betonkopfkommentar wäre, und frage ihn, mit was er sich am wohlsten fühlt. Manchmal will er keinen Nagellack. Meistens berichtet er mir zum Glück aber, dass er auf diese Kommentare gleichgültig antworten wird: »Das kannst du deiner Mutter erzählen.« Dann will ich ihn küssen und im Kopf der Kinder, die ihn ausgelacht haben, dabei zuschauen, wie dort ein kleiner Gedanke glimmt und fragt, ob die Welt vielleicht doch gar nicht so starr und streng ist.

Das freut mich sehr. Genauso freut mich, wenn BR Spielwaren, der Laden mit dem lautesten Plastikspielzeug und der nettesten Verkäuferin in Hamburg-Altona, im Katalog nicht zeigen, wie Mädchen in den Spielküchen das Essen vorbereiten und ihre Püppchen schminken, während die Jungs an der Werkbank schrauben oder ihren Kumpels mit der Nerf-Pistole ins Gesicht schießen. In diesem Katalog sind auf fast jeder Seite Kinder tatsächlich einfach Kinder, und irgendeins spielt mit irgendwas. Toll finde ich das. So toll, dass ich das auf meiner Facebookseite ein bisschen feierte. Aber bevor ich »Hurraa« fertig gerufen hatte, kamen schon die Ersten aus ihren Löchern. Ausgerechnet die, die sonst immer fordern, dass wir die Kinder mal Kinder sein lassen sollen, hatten im Gendergegner-Bullshitbingo schon den Hattrick erreicht, bevor ich sie wegen Ausfälligkeiten von meiner Seite sperren konnte. Die ersten drei Aussagen einer Dame aus Thüringen:

  1. »Haben wir nicht andere Probleme.«
  2. »Lasst den »Genderquatsch!«
  3. »Gender ist nicht nur Quatsch, sondern geistige Brandstiftung,

und das viele Geld für diese Pseudowissenschaft

würde ich lieber in Frauenhäuser oder andere

Projekte stecken, die konkret helfen!!!!!«

Alles hat sie wirklich so geschrieben. Die Anführungszeichen. Viele Ausrufezeichen. Der Befehlston. Die Dame, die diese ungehobelten Kommentare von sich gab, war zu dieser Zeit übrigens CDU-Politikerin und postulierte, sie wolle sich nicht verbieten lassen zu sagen, was sie denke, und zwar so lange sie atme. Leider habe ich auch in ihren weiteren Posts nicht verstanden, was das denn genau ist, und damit meine ich übrigens sowohl, was sie denkt, als auch, was sie bisher so eingeatmet hat. Sie hält es für Quatsch, Kindern zu sagen, dass sie gleich sind. Aber das finde ich doch auch. Denn wenn sie nicht gleich sind, dann sind sie ja automatisch alle verschieden und können einfach das machen, was sie wollen. Wobei sie da wieder nicht mitgeht. Denn das würde ja bedeuten, dass für Jungs auch Kochen klargeht; doch das wäre für sie sofort politisch, und das ist dann wieder »Genderquatsch«.

Was ist Genderquatsch? Wenn ich blöd finde, dass meine Freundin mit ihrem Partner eine Wohnung anguckt und der Makler, der beide nicht kennt, in die Küche kommt und zu ihr sagt: »Und jetzt kommen wir in Ihr Reich.«

»Das war doch nur Spaß«, würde die Dame von der CDU vermutlich sagen.

Oder wenn die junge Frau im Zug neben mir still die anzüglichen Kommentare von einem besoffenen, ekligen Mann über sich ergehen lässt.

Die CDU-Frau vermutlich so: »Das war doch nett gemeint. Rülps. Da muss man, sorry, ›frau‹ sich doch wirklich nicht so aufregen.«

Am liebsten würde ich mich ausgiebig in die Handtasche der CDU-Politikerin übergeben.

Ich möchte diese Welt nicht, in der es rosa Shirts für Mädchen gibt, auf denen steht, dass sie kein Mathe können, aber dafür eben artig und total süß sind – und das ja voll ausreicht. Wohingegen die Jungs mit ihren Shirts darin bestätigt werden, genial und weltherrschaftlich, mindestens aber hochbegabt zu sein.

»Musst du ja nicht kaufen«, unken schon wieder welche los. »Mach ich auch nicht«, antworte ich; aber es steht eben nicht nur auf einem Shirt. Diese Botschaften marschieren von dort schnurstracks in viele Menschenköpfe und kommen aus diesen Köpfen wieder raus in Form von Bemerkungen über süße, dümmliche, aber eifrige Mädchen oder hochintelligente, bärenstarke Jungs.

Die Universität Illinois erstellte eine Studie mit vierhundert Kindern im Altern von fünf bis sieben und fand heraus, dass sich schon sechsjährige Mädchen für weniger klug halten als Jungs. Die Wissenschaftlerinnen hatten den Kindern zuerst eine Geschichte über eine Person vorgelesen, deren Eigenschaft, Probleme zu lösen, als brillant beschrieben wurde. Nach der Geschichte zeigten sie den Kindern Fotos von Männern und Frauen und forderten sie auf, auf die Person zu tippen, von der ihrer Meinung nach erzählt wurde. Die fünfjährigen Kinder wählten noch zur großen Mehrheit Fotos von Personen ihres eigenen Geschlechts, aber die Sechsjährigen schon nicht mehr. Die Jungs tippten weiter fröhlich auf Männerbilder, viele Mädchen, vermutlich weniger fröhlich, aber auch. Nach diesem Test wurden den Kindern zwei Spiele vorgeschlagen, eines für sehr, sehr schlaue Kinder, das andere für Kinder, die sich doll anstrengen. Und wieder war unter allen Fünfjährigen das Spiel für Schlaue der Favorit, wohingegen die Sechsjährigen sich wieder aufteilten – die Jungs wählten weiterhin das Spiel für Schlaue, während die meisten Mädchen das spielen wollten, bei dem sich Mühe gegeben werden musste.

Die Kinder haben sich so verhalten, obwohl es keinen Beweis dafür gibt, dass Jungs schlauer sind; vielmehr hatten die meisten bei der Frage, wer besser in der Schule sei, sogar mit »Mädchen« geantwortet. Und trotzdem scheint den Mädchen in einem Jahr das ganze Selbstbewusstsein verloren gegangen zu sein. Das musste ich erst mal sacken lassen.

Meine Tochter ist jetzt drei, und sie liebt Rosa und Glitzer und Einhörner. Ich kann überall Unmengen an Bürsten, Regenbogenzauberstäben und anderes tolles Spielzeug für sie kaufen. Meine Tochter liebt aber auch Superheldinnen und Superhelden. Ihr Bruder hat ein Buch mit den meisten von ihnen, das sie mit Vorliebe anguckt. Dabei sucht sie immer die Seiten mit den Frauen. Spoiler: Es sind ziemlich wenige Superheldinnen drin. Wenn die Seite mit Wonderwoman kommt, dann freut sie sich. Wegen ihr mag sie schwere Sachen tragen und ruft dabei: »Ich schaffe das, ich habe Superkräfte.« Wenn meine Tochter, die gerade auch gern Penny von Feuerwehrmann Sam ist, im Kino steht und das lebensgroße Wonderwoman-Modell anhimmelt, dann ist das ein sehr rührendes und sehr deutliches Bild, dass Mädchen Identifikationsfiguren mit Fähigkeiten jenseits von Piepsstimme und Hundetragen brauchen.

So kann sie nämlich ein Superheldinnenshirt mit Cape tragen, während sie Regenbogen zaubert und gleich danach ihren Bruder mit den Worten »Komm, wir boxen!« zum Toben herausfordert. Worauf sie eben Bock haben. Bei uns sollen alle so sein können, wie sie wollen.

Und ich bin froh, dass der Mann meine Meinung teilt und nicht schreit: »KREISCH!!!! WIE SIEHST DU DENN AUS?! JETZT WIRST DU SCHWUL!«, wenn der Große ins Wohnzimmer kommt und eine rosa Strumpfhose mit nacktem Oberkörper und einer Trainingsjacke kombiniert hat, sondern ihm begeistert Bilder vom jungen Mick Jagger vor die Nase hält. Wir finden nämlich beide, weder bestimmt Pink eine sexuelle Orientierung, noch werden Mädchen nicht deshalb keinen Mann abkriegen, weil sie gerne mit Stöcken auf Sachen hauen. Jungs und Mädchen, die machen können, was sie wollen, unabhängig von ihrem Geschlecht, werden fröhliche, geliebte Menschen, die so sind, wie sie sein wollen. Sie werden sich nicht falsch fühlen, weil sie als Jungs Jungs mögen, wenn ihr gefühltes Geschlecht nicht zum biologischen passt oder wenn sie sich als Mädchen gern kloppen. Egal, wie sie sind, sie können sich sicher und geliebt fühlen für genau das, was sie sind.

Und wenn jetzt jemand einwendet, dass dies ein überflüssiges, albernes Ziel ist, dann soll er oder sie den Text bitte noch mal ganz von vorne lesen.

Rike Drust, Muttergefühle. Zwei
Neues Kind, neues Glück
304 Seiten, 15,00 € [D] 15,50 € [A] 20,50 CHF
Erschienen am 04. September im C. Bertelsmann Verlag