Um das direkt zu beantworten: Nein, es gibt kein „Jungfernhäutchen“. Und eigentlich sollten wir im 21. Jahrhundert über dieses problematische Konstrukt, das über viele Jahrhunderte Millionen junge Frauen und Menschen mit Gebärmutter in Angst versetzt und unterdrückt hat, nicht mehr diskutieren müssen. Aber weil wir sehen, dass es noch immer Unklarheiten und falsche Informationen zu dem Thema gibt, schreiben wir in der Schule gegen Sexismus darüber.

Die immer noch verbreitete Annahme lautet: Wenn es beim ersten Mal blutet, dann war das angebliche Jungfernhäutchen noch intakt und die beteiligte Person hatte vorher noch keinen penetrativen Geschlechtsverkehr. Deshalb galt beispielsweise ein blutiges Laken nach einer Hochzeitsnacht als Beweis für die „Jungfräulichkeit“ der Braut. Doch das ist ein folgenreicher Mythos, der aufgebaut wurde, um Kontrolle über die eine Hälfte der Menschheit auszuüben.

Zunächst mal: Nicht einmal die Hälfte der Frauen und der Menschen mit Gebärmutter blutet nach dem ersten penetrativen Sex. Und das liegt daran, dass es das „Jungfernhäutchen“ – so, wie es kulturell und gesellschaftlich dargestellt wird – überhaupt nicht gibt. Wäre die Vagina nämlich bis zum Sex standardmäßig durch eine Membran oder Hautschicht verschlossen, könnte zum Beispiel Menstruationsblut gar nicht abfließen. Ein gesundheitsbedrohlicher Blutstau würde entstehen. Zwar gibt es Fälle einer sogenannten Hymenalatresie, bei der eine dünne Schleimhaut die Vagina verschließt und ein kleiner Eingriff notwendig ist – die sind jedoch extrem selten.

Tatsächlich gibt es den Hymen, das ist aber keine Haut, sondern ein feiner Schleimhautsaum, der die Vaginalöffnung umrandet und unterschiedlich geformt und ausgeprägt sein kann; bei manchen Vaginas ist er auch gar nicht vorhanden. Dieser Saum wird auch vaginale Korona oder Vaginalkränzchen genannt. Er wird mit Beginn der Pubertät genauso dehnbar wie der Rest der Vagina – durch die ja bekanntlich bei einer Geburt ein ganzes Baby passt – und reißt weder durch Sport, Unfälle, Tampons, Selbstbefriedigung oder Dildos. Und folglich auch nicht beim ersten Sex. Falls es dabei zu Schmerzen oder Blutungen kommt, dann liegt das häufig daran, dass die Person angespannt ist und Vulva und Vagina nicht feucht genug sind und an entsprechenden winzigen Verletzungen der vaginalen Schleimhaut. Die übrigens schnell wieder heilen.

Trotzdem hält sich der Glaube an angebliche Entjungferungen mit Verletzung und Durchstoßen des Hymens auch im 21. Jahrhundert hartnäckig. Deshalb haben viele vor ihrem ersten Mal nicht nur Angst, dass es wehtut, sondern zum Teil auch vor sozialen Konsequenzen. Und das kann psychisch stark belasten. Einige unterziehen sich deswegen sogar chirurgischen Eingriffen zur Hymenalrekonstruktion – nur, um als „Jungfrau“ zu gelten. In einer niederländischen Studie gaben die Befragten als Hauptgrund für eine solche Operation den Wunsch an, in der Hochzeitsnacht zu bluten. Doch diese Eingriffe sind oft nicht nur teuer, sondern auch sinnlos: Von 19 Befragten, die so eine OP vornehmen ließen, berichteten laut der Studie nur zwei von tatsächlichen Blutungen. Es gibt also auch durch einen Eingriff keine Garantie dafür. Denn wie gesagt: In vielen Fällen wäre ohnehin kein Blut geflossen. Zusätzlich existieren auch Websites, auf denen künstliche „Jungfernhäutchen“ aus Zellulose mit Kunstblut angeboten werden, die sich durch Körperwärme, Reibung und Feuchtigkeit von selbst auflösen. Alles nur, damit sich nach dem Sex ein roter Fleck auf dem Laken abzeichnet.

Der Begriff „Jungfernhäutchen” selbst deutet auf den eigentlichen Ursprung und Hintergrund dieser überholten Vorstellung hin: Es soll eine Haut sein, die nur junge Frauen und Menschen mit Gebärmutter haben, die als sexuell unberührt gelten. Dieser Fokus auf vaginale Penetration ignoriert sämtliche andere Variationen von Sexualität. Was nicht nur ziemlich eindimensional ist, sondern zeigt, dass bei diesem Mythos auch Schwangerschaft eine Rolle spielt. Eine Person, die zum Beispiel vor der Ehe vaginalen Penetrations-Sex hatte, könnte bei der Hochzeit theoretisch mit dem Kind eines anderen Mannes (oder Person mit männlichen Geschlechtsteilen) schwanger sein. In einer patriarchalen Erbfolge würde ein Ehemann** seinen Besitz und seinen Namen so einem „Kuckuckskind“ vererben; Vaterschaft ist in patriarchalen Strukturen entscheidender als Mutterschaft. Es geht also auch um Besitz.

Außerdem ist bei Jungen oder jungen Menschen mit männlichen Geschlechtsteilen, die noch keine sexuellen Erfahrungen gesammelt haben, nicht die Rede von „Jungmännern“ oder „Jungmännlichkeit“. „Sexuelle Unberührtheit“ und die damit verbundene Vorstellung von Reinheit galten nur bei Frauen und Menschen mit Gebärmutter als etwas Wichtiges – ein eindeutiger Doppelstandard. Doch die Vorstellung  ist stark patriarchal und religiös geprägt; selbst die Ehre der gesamten Familie konnte damit zusammenhängen. Wenn sie vor der Ehe** penetrativen Geschlechtsverkehr hatte, dann hatte ihr familiäres Umfeld sie nicht ausreichend unter Kontrolle. Denn ein Synonym für „Jungfräulichkeit“ lautet Unschuld; das Gegenteil von Unschuld ist Schuld. Und die lag aus Sicht einer patriarchalen Gesellschaft bei Menschen mit Gebärmutter, die vor der Hochzeit Sex hatten. Dabei hat Schuld beim Sex absolut gar nichts zu suchen, für keine*n der Beteiligten. Die Folgen für die Betroffenen konnten Gerüchte und Rufschädigung, Ausschluss aus der Familie, Sanktionen und Strafen sein – bis hin zu körperlicher Gewalt und Femizid. Durch Druck, Einschüchterung und Angst sollte Verhalten reguliert werden, Frauen und Menschen mit Gebärmutter sollten sich ihrer Lust und Sexualität schämen. Diese Idee, dass die Unschuld ein Gut ist, das es zu bewahren gilt, hält sich auch heute noch hartnäckig.

Doch letztlich geht es beim Mythos vom “Jungfernhäutchen” im Kern genau darum: Macht und Kontrolle über Sexualität, Körper und Selbstbestimmung – um grundlegende Selbstbestimmungsrechte. Den Wert einer Person an ihrer vermeintlichen sexuellen Unberührtheit und einem überhöhten Unschuldsbegriff festzumachen, ist hochproblematisch und muss überwunden werden.

Das Jungfernhäutchen ist also nur ein Symbol, das mit kulturellen Normen und Werten aufgeladen ist und zur Unterdrückung eingesetzt wird. Es ist ein toxisches soziokulturelles Konzept ohne anatomische Grundlage; ob ein Mensch vaginalen Penetrations-Sex hatte oder nicht, lässt sich weder von Gynäkolog*innen noch sexuellen Partner*innen erkennen. Wirklich nicht. Und erst recht nicht am Bettlaken.

Deswegen fordern wir, dass endlich in Schulen und Literatur zu dem Thema – auch online – mit diesem gefährlichen Mythos aufgeräumt wird.

Tipp zum Weiterlesen:
Wir können das Büchlein „Das Jungfernhäutchen gibt es nicht“ von Oliwia Hälterlein empfehlen, die vielen tollen Illustrationen darin stammen von Aishe Franz. Es ist beim Maro Verlag erschienen.
Die Autorin Oliwia Hälterlein hat „Zeitjung“ ein lesenswertes Interview gegeben: „Die Lüge hat eine Funktion“.


Anmerkung: **Uns ist bewusst, dass der Text in Teilen nur eine heterosexuelle Perspektive auf Ehe und Geschlechtsverkehr darstellt. Hier geht es um die Erläuterung eines patriarchalen Konstruktes von Ehe in einer binären “Mann” / “Frau” Repräsentation, obwohl das längst nicht alle Menschen umfasst .

Bildquelle: Pinkstinks
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