Täglich versucht ein Mann in Deutschland, seine Partnerin oder Ex-Partnerin zu töten. Alle zwei bis drei Tage gelingt es ihm.

Statistiken über häusliche Gewalt sorgen jedes Mal aufs Neue für Diskussionen, wie Frauen besser geschützt werden können und der Forderung nach mehr Frauenhäusern. Was dabei häufig außer Acht gelassen wird: Die Gewalt, die auch Männer durch ihre Partnerinnen erfahren.

Und das ist gar nicht so selten, wie man glauben könnte: Etwa 18 Prozent Männer werden jährlich Opfer von häuslicher Gewalt – und wie in den meisten Fällen von gewalttätigen Übergriffen gilt eine hohe Dunkelziffer.

Sicherlich sind 18 Prozent Männer, die im Vergleich zu 82 Prozent Frauen, die Gewalt erfahren, eine Minderheit. Auch hinsichtlich einer Gewalterfahrung, die für so viele Frauen zum Tod führt, während umgekehrt Männer seltener von ihren Partnerinnen ermordet werden – in der Hälfte dieser Fälle handeln die Frauen außerdem aus Notwehr.

Trotzdem, 18 Prozent sind 18 Prozent zu viel. Zudem ist der Umgang mit Männern, die häusliche Gewalt erleben, Besorgnis erregend. Eine Frau, die mit einem blauen Auge bei der Arbeit erscheint, bekommt im Idealfall ein Hilfsangebot von Kolleg*innen, ebenso, wenn sie zur Polizei geht. Männer dagegen müssen sich einen Witz anhören oder den Ratschlag, zu Hause mal ordentlich aufzuräumen. In der öffentlichen Wahrnehmung sind Männer Täter, selten Opfer.

Dafür spricht auch die Studienlage – 2005 hat das Bundesfamilienministerium in einer Pilotstudie Gewalt gegen Männer untersucht. Ein wesentliches Ergebnis dieser Studie war, dass viele Gewaltwiderfahrnisse gar nicht als solche wahrgenommen werden, weil sie entweder als normal, weil männlich gelten – eine Schlägerei in einer Kneipe – oder so sehr von der Norm abweichen, dass sie als unmännlich und entsprechend als zu schambesetzt wahrgenommen werden. Dazu zählt neben sexuellen Übergriffen eben auch häusliche Gewalt durch die Partnerin.

Unsere Vorstellung von Männlichkeit macht Männer nicht nur in Alltagssituationen mit größerer Wahrscheinlichkeit zu Opfern von Gewalt, sie spricht ihnen auch eine Opfererfahrung in persönlichen Beziehungen ab. Wir gehen davon aus, dass die vermeintlich körperliche Überlegenheit eines Mannes ihn vor Angriffen schütze oder dass es männlich sei, auf Provokationen einer Frau gelassen zu reagieren, nach dem Motto: „das kann einen echten Kerl doch nicht erschüttern“.

Männlichkeitsbilder neu denken

Hilfe oder Unterstützung einzufordern ist schwierig, wenn Mann von klein auf dazu erzogen wurde, keine Schwäche zu zeigen. Gerade hier kann ein moderner Feminismus helfen, der veraltete Geschlechterrollen hinterfragt und mehr Möglichkeiten für alle Geschlechter fordert. Es muss Männern möglich sein, ihre Gewalterfahrungen zu teilen, ohne Sorge haben zu müssen, nicht ernst genommen zu werden.

Es braucht das Wissen um ein Problem, um Abhilfe zu schaffen. Solange sowohl Einzelpersonen als auch die Gesellschaft häusliche Gewalt an Männern nicht als Problem erkennen und definieren, können auch keine Schutzmaßnahmen eingerichtet werden. Zum Glück ändert sich das mittlerweile durch Studien, Berichte in den Medien, aber auch durch konkrete Maßnahmen einzelner Kommunen und Bundesländer. Das baden-württembergische Sozialministerium zum Beispiel bietet eine Liste mit Einrichtungen für männliche Opfer von häuslicher und sexualisierter Gewalt an. Städte wie Berlin, Bremen, oder Hamburg haben Männerberatungsstellen eingerichtet. Die gibt es unter anderem auch in Bayern, Niedersachsen, Schleswig-Holstein oder Sachsen.

Das ist nach wie vor ein zu geringes und vor allem nicht flächendeckendes Angebot. Das liegt zum einen an besagter gesellschaftlicher Wahrnehmung, zum anderen daran, dass auch das Angebot an Frauenhäusern und Schutzmaßnahmen für weibliche Opfer von häuslicher Gewalt längst nicht ausreichend sind.

Hinzu kommt, dass Frauen eben stark körperlich bedroht sind, während Männer vor allem psychische Gewalt in ihren Partnerschaften erfahren. Beleidigungen und Hänseleien, Kontrolle und Verbote oder Drohungen und emotionale Erpressungen – ein blaues Auge sieht man, seelische Wunden nicht. Vor allem, weil auch hier wieder das gesellschaftliche Bild vorherrscht, einen echten Mann könne nichts wirklich weh tun. Das macht es sowohl für die Opfer schwer, in die Öffentlichkeit zu treten, verringert aber eben auch die Wahrnehmung der Notwendigkeit, Männer zu schützen und zu unterstützen. Männliche Opfer sind dabei oft in den gleichen Mustern gefangen wie weibliche Opfer: Sie leiden an einem geringen Selbstwertgefühl, haben Angst, etwas falsch zu machen, glauben, sie hätten provoziert – und vor allem: sie wehren sich nicht.

„ich wusste gar nicht, wo ich mir Hilfe holen sollte“

Auch das sind schmerzhafte und belastende Erfahrungen, die verarbeitet werden müssen. Aber sie bedrohen nicht derart das Leben wie es häufig bei weiblichen Opfern häuslicher Gewalt der Fall ist. Oft ist für diese Frauen die Aufnahme in einem Frauenhaus die einzige Möglichkeit räumlicher Trennung. Männer, die oft wirtschaftlich besser situiert sind, können dagegen eher der Lage zu Hause entkommen, indem sie aus- und eine neue Wohnung beziehen. Weibliche Opfer wiederum werden auffallend oft dann von ihrem Partner umgebracht, wenn sie sich trennen wollen, eine neue Wohnung oder einen neuen Partner haben.

Die Zahlen von Frauen, die häusliche Gewaltdelikte zur Anklage bringen, sind in den letzten Jahren relativ konstant geblieben. Dabei hätte man doch gehofft, dass sie sich durch gestiegene Aufklärungskampagnen der letzten Jahre reduzieren. Es gibt aber tatsächlich etwas mehr Anzeigen, weil es gesellschaftlich inzwischen eher anerkannt ist, sich bei Gewaltdelikten rechtlich zu wehren. Bei Männern muss dieser Prozess noch viel mehr angeschoben werden.

Es braucht mehr Sensibilisierung dafür, dass auch Männer Schutzräume benötigen. Wie bei so vielen Themen, die Gleichberechtigung und Feminismus betreffen, läuft es darauf hinaus, dass wir weniger stereotype Geschlechtervorstellungen brauchen:  Weniger die Überzeugung, Männer seien nur Täter und Frauen nur Opfer. Menschen brauchen Unterstützung auch dann, wenn sie ihre Ängste und Unsicherheiten nur in Gewalt ausdrücken können ebenso wie jene Schutz brauchen, die aktiv von Gewalt bedroht werden. Gerade deshalb ist die sächsische Staatsministerin für Gleichstellung und Integration davon überzeugt, dass sich moderne Gleichstellungspolitik an alle Geschlechter richtet.

Es braucht Zeit, bis sich die gesellschaftliche Wahrnehmung so weit verändert hat, dass sie männliche Gewalterfahrungen ernst nimmt. Das kann mit zunehmender Aufklärung genauso gelingen wie mit niedrigschwelligen und anonymen Hilfs- und Beratungsangeboten. Das sind kleine, aber wirkungsvolle Schritte.

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