“Find yourself a Marty Ginsburg” – “Finde einen Marty Ginsburg für dich.

Das ist die Quintessenz eines Nachrufs auf die Beziehung der verstorbenen US-amerikanischen Verfassungsrichterin Ruth Bader Ginsburg und ihrem Ehemann, dem Anwalt und Rechtsprofessor Martin “Marty” Ginsburg, der genauer beleuchtet, was dieses ungewöhnliche Paar ausmachte, wie es funktionierte und liebte. Und wenn Donald Trump nicht damit beschäftigt wäre, so schnell wie möglich eine neue, ihm genehme Richterin ins Amt zu heben und damit zu bestätigen, dass die republikanische Partei lügt, betrügt und nicht zu ihrem Wort steht, dann würde sich die Welt womöglich mehr Zeit nehmen, um sich mit den Ginsburgs zu beschäftigen. Zumindest sollte sie das. Denn die beiden zeigen auf bemerkenswerte Weise, dass und wie eine gleichberechtigte Beziehung nicht nur möglich, sondern schlichtweg notwendig ist. Und sie verdeutlichen, was für eine absolute Ausnahmeerscheinung eine derartige Beziehung leider immer noch ist. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Marty Ginsburg die Karriere seiner Frau vollumpfänglich unterstützt und gefördert hat. Er hat sie nicht nur toleriert oder sich über ihren Erfolg gefreut, er hat sie aktiv vorangetrieben, indem er beispielsweise Lobbyarbeit für die Berufung von RBG zum Supreme Court betrieben hat. Er war in vielerlei Hinsicht das “profeministische Männereinhorn”, von dem seit einigen Jahren immer häufiger die Rede ist – und das schon in den 1950ern.

Also ein Mann, der nicht nur die eigenen Träume verfolgt, sondern seiner Partnerin dabei behilflich ist, ihre eigenen zu realisieren, weil er ihre Bedürfnisse als gleichwertig betrachtet und sich nicht davor drückt, im Haushalt und bei der Kinder. Ein kluger, talentierter Mann, den die Intelligenz und Ambitioniertheit seiner Frau in keiner Weise bedrohte. “Ein Mann, der mit 18 Jahren davon überzeugt war, dass die Arbeit einer Frau, ob nun zu Hause oder im Job so wichtig ist wie die eines Mannes.”

Für Marty Ginsburg bedeutete das nicht nur, für Haushalt und Kinder Verantwortung, sowie das Kochen komplett zu übernehmen,

sondern auch seine offiziellen Repräsentationstermine und Pflichten als Ehemann einer Richterin am obersten Gerichtshof des Staates wahrzunehmen, ohne das als “unter seiner männlichen Würde” zu betrachten. Das alles tat er mit einer so großen Souveränität und Selbstverständlichkeit, dass es ihm ein Text wie dieser, der die Bedeutung seines Tuns und seiner Überzeugungen herausstellt, sicher nicht Recht gewesen wäre. Und doch braucht es diesen Hinweis. Denn so ungewöhnlich ein Mann wie Marty Ginsburg in den USA der 1950er gewesen ist – so sehr viel gewöhnlicher ist er heutzutage auch nicht. Im Gegenteil: Für die Kombination aus Kinderwunsch und beruflichen Ambitionen einer heterosexuellen Frau sind ihre männlichen Partner oftmals ein Hinderniss. Oder wie die Autorin Caitlin Moran es beschreibt: Eine gläserne Decke.

Was also selbstverständlich sein sollte, ist tatsächlich eine absolute Ausnahmeerscheinung. Gleichberechtigte Liebe und die Komplizenschaft eines Mannes mit seiner Partnerin gegen unfaire, um nicht zu sagen patriarchale Strukturen. Die feministische Autorin und Journalistin Laurie Penny hat in den sozialen Netzwerken analysiert, wie schwer es ist, einen solchen Mann zu finden, und dass es dabei eben nicht auf bessere Entscheidungen von Frauen für Partner ankommt, sondern darauf dass Männer weniger feige sind wenn es um Gleichberechtigung in Beziehungen geht.

Es reicht eben nicht, sich in “den Richtigen” zu verlieben und alles ist gut. So viele “Richtige”, die sich nicht von den Karriereambitionen einer potentiellen Partnerin abgestoßen fühlen, gibt es gar nicht.

Und zwar weil wir das immer noch als unmännlich markieren. Weil wir mittlerweile vielleicht nicht mehr alles in unserer Macht Stehende tun, aber eben immer noch viel zu viel, um Männern zu vermitteln, das Gleichberechtigung an ihrem Ego kratzen wird, ihren Status unterminiert, eine Zumutung ist und überhaupt keinen Spaß macht. In den Schatten unserer Männlichkeitsvorstellungen fällt viel zu wenig Licht auf einen Weg wie Marty Ginsburg ihn beschritten hat. Der eben kein Weg der Dominanz, aber eben auch nicht der Selbstaufgabe oder Unterwürfigkeit ist, sondern ein liebevoller, wertschätzender, gleich berechtigender Weg. Und der von ihm nicht beschritten wurde, weil es Kekse, Pluspunkte, Lob und Anerkennung einzuheimsen galt, sondern weil es das Richtige war. Auch im Angesicht des Todes. Kurz bevor er 2010 im Krankenhaus dem Krebs erlag, schrieb Marty an Ruth, wie sehr er sie geliebt hat und welche Freude es ihm war, ihre Karriere zu verfolgen.

Das war nicht nur eine große Liebe, sondern eine gleichberechtigte Liebe. Eine Liebe, die beide weit getragen und sich aneinander, miteinander, durch einander hat verwirklichen lassen. Eine Liebe, der sich Rollenanforderungen und Klischees nicht in den Weg stellen sollten.

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Bildquelle: Pinkstinks