„Nein Papa, echt, du musst dir keine Sorgen machen…die haben das Format total überarbeitet, das ist nicht so wie in den letzten Staffeln!“ Das muss ein verdammt harter Wind sein, über den Heidi Klum in der aktuellen „Interview“ stöhnt, der ihr aus Deutschland ins Gesicht bläst. Zum Beginn der achten Staffel von Germanys Next Topmodel wird das Telefongespräch zwischen Jungmodel und Vater inszeniert, um zu zeigen, dass jetzt alles anders ist. Und wirklich scheint Heidi zum Auftakt der Serie nicht genug Küsschen unterbringen zu können. Die Titelstory der „InTouch“ dieser Woche wurde von ProSieben offensichtlich durch eine Anzeige erkauft: Heidi wäre so rührend mit ihren Models, möchte sie unbedingt vor dem heutigen Magerwahn in der Modewelt schützen! Statt 92cm Hüftumfang dürften ihre Mädels sogar mit 95cm an den Start gehen! An den Start, genau. Und wehe, bis zum Finale ist da nichts passiert…! „Ich glaub an dich!“, haucht Heidi, und „Mädels“ wie Eltern werden schwach, heulen sich die Augen aus vor Rührung, als ihre Kinder, bei Schneesturm in hauchdünnen Abendroben lasziv, arrogant und sexy posierend, von Heidi, Thomas und der Kamera erfasst werden.

Die kleinen Prinzessinnen machen sich nun also auf den Weg. Die 16-jährige Pastorentochter wird ihren Auftritt im Nikolauskostüm noch bis alle Ewigkeit im Internet sehen, selbst wenn sie ihr Theologiestudium hoffentlich abgeschlossen und nirgendwo eine Pfarrstelle bekommen hat, weil sich das Fremdschämen nicht eindämmen lässt. „Gott wird mir helfen“, sagt sie rührend in die Kamera und zweifelt, ob sie mit den anderen Mädchen mithalten kann. Die Catfights und Demütigungen sind vorgezeichnet. Ich will, kann  und muss die nächsten Folgen zum Glück nicht anschauen, weil ich dieses Semester dazu nicht unterrichte. Die Quotenlesbe ist löblich, mir graut nur, was sie durchstehen muss. Wahrscheinlich wird ihre Professionalität beim Knutsch-Shooting mit einem männlichen Model gefeiert werden.

Einzig aufmunternd ist, dass die Außenwerbung zur Staffel in diesem Jahr erstmals erst zwei Tage vor Staffelstart geschaltet wurde und in keinster Weise für junge Mädchen attraktiv ist. In schwarz-weiß gehalten und recht unauffällig könnte es auch eine Brustkrebs-Informationswerbung sein – und selbst von Heidis Maßen ist kaum etwas zu sehen. Da wurden wohl endlich Zahlen und Studien ernst genommen und unsere Aktionen gehört. Die Negativberichte in deutschen Zeitungen häufen sich, und die Einschaltquoten zur ersten Folge waren mies. Mit Glück die allerletzte Staffel. Warum aber lädt mich sogar das taz.lab zum „Catwalk der Alternativen“ ein? Weil die Sendung Sprache geformt, Kinderspielwaren beeinflusst und die Worte „Erfolg“ und „Schönheit“ noch fester zusammengeschweißt hat. Hoffentlich wird uns dieser Abdruck nicht ganz so lange verfolgen wie der Pastorentochter ihr digital footprint.