Stellt euch einmal vor, Greta hieße Gregor. Machen wir ein Gedanken-Experiment: Statt eines 17-jährigen Mädchens stünde da ein etwas verschrobener, ernst wirkender Junge und spräche mutig und fordernd zu Staatsoberhäuptern auf Wirtschafts- und Klimagipfeln. Wie wirkt das auf euch? Und weiter: Statt Luisa und Clara sind Luis und Carl die Gesichter von Fridays for Future in Deutschland. Nicht der jungen Frau Neubauer sondern Luis wird schon nach einem Gespräch vom Siemens-Chef ein Job angeboten; nicht Clara Reemtsma sondern ein Cousin von ihr generiert Aufmerksamkeit für den Klimaschutz. Und?

„Tüchtiger Junge!“, murmelt man am Stammtisch einander zu, die BILD faltend und zur Seite legend. „Das wird der deutschen Wirtschaft Aufschwung verleihen! Photovoltaik! Grüne Wende, neue Technologien! Gut gemacht, der Bursche. Etwas extrem, aber jetzt müssen die sich bewegen.“ Sein ernstes Wesen bewertet man als anständig und diszipliniert. Dass er nicht in die Schule geht, na ja, aber komm, der ist ja intelligent. Dass sich ihm eine ganze Bewegung von jungen Männern anschließt, die sich an Wochenenden und ihrer Freizeit hochprofessionell über die sozialen Netzwerke und Projektplanungstools vernetzen und friedlich und achtsam protestieren: Imposant! Jetzt kann das ja nur bergauf gehen mit Deutschland! Die machen das schon!

Fridays for Future wächst und wächst und scheint tatsächlich nicht mehr aufhaltbar. Statt sich mit Alkopops und Playstation zu benebeln wird diskutiert, verhandelt, Presse und Strategiepläne ausgearbeitet wie bei den Großen. Nur ist diese Macht, die nicht mehr einzudämmen ist, nicht traditionell männlich. Sie ist feministisch. Viele junge Männer darin diskutieren über toxische Männlichkeitsbilder. Ob die Mädchen, mit denen sie manchmal auch eng umschlungen in Rettungsfolie in der Kälte ausharren, homo-, trans- oder asexuell sind, ist nicht wichtig. Sie sollen vor allem zu Wort kommen (in den Gremien gilt eine 50%ige Frauenquote) und geschützte Räume vorfinden (auf jeder Demo gibt es Awareness-Teams). Denn die meisten übergriffigen Kommentare, die es täglich zu Hunderten in den Netzwerken gibt, treffen die Frauen an der Spitze: Greta, Luisa, Clara.

Die Bewegung gendert, als wäre es ihr in die Wiege gelegt worden, und trotzdem wird ab und zu auf einer Demo geknutscht: Obwohl #metoo doch jegliche sexuelle Anbahnung, jegliche Möglichkeit des Flirtens, komplett zerstört haben soll, wie so viel behauptet wird. Während in der Welt, wie sie bisher bestand, über die Frauen im Team Witze zu machen und sie klein zu halten galt, hält hier eine ganze Generation zu ihren Presseköpfen und zu den Minoritäten in ihren Reihen. Steht die Welt jetzt Kopf? Und was soll das bitte werden?

Dass die Gesichter von Fridays for Future weiblich sind, folgt zwei verschiedenen Logiken, aus zwei verschiedenen Welten. Die Jugend setzt auf Nachhaltigkeit. Dazu gehört, ist für alle da und für diese Jugend logisch: Feminismus.   

Für die Presse wäre ein wenig glitzernder, diszipliniert-nerdiger Junge nicht interessant: Er macht niemanden wütend. Er taugt nicht für Macht- und Vergewaltigungsfantasien. Er polarisiert nicht. Er könnte womöglich auch noch die ältere Generation für den Klimaschutz begeistern und der Springer-Presse ihre wütende, reaktionäre Zielgruppe wegnehmen. Über einen solchen lässt sich also nicht berichten, über eine Greta schon.

Genau diese Gegensätze und dieses Dilemma – Feminismus von unten, Protest von oben – verhilft Fridays for Future zur Sichtbarkeit in Deutschland. So traurig und grauenhaft das Stammtisch-Beschimpfe von Greta und ihrer Generation ist – mit jedem heißgeredeten Kopf kommt noch mehr Präsenz. Nicht nur deshalb braucht diese Generation jede Unterstützung von uns, die wir geben können. Um den von BILD und Konsorten geschürten Hass auszuhalten; um die Shitstorms und Bedrohungen zu ertragen und gegen den patriarchalen Gegenwind stark zu bleiben. Das Tolle aber ist: Der größte Support scheint aus den eigenen Reihen zu kommen – und dafür feiern wir die Fridays for Future-Kids jeden Tag.