Frauen verfügen über Körperbehaarung. Man sollte meinen, dass dieser Satz eine simple Feststellung ist. Tatsächlich stellt er 2016 eine ausgesprochen gewagte These dar. Denn auch wenn irgendwo in unseren Hinterköpfen die Information abgespeichert ist, dass Frauen grundsätzlich mehr oder weniger stark körperbehaart sein müssten, haben wir uns gesellschaftlich seit dem Ende der 90iger Jahre darauf verständigt, dass sie es – abgesehen vom Haupthaar – nicht sein sollten. Das betrifft zwar zunehmend auch Männer, aber zum einen gibt es Regionen zur Haarentfernung (Achseln, Beine), die bis auf wenige Ausnahmen Frauen vorbehalten sind. Und zum anderen sind Frauen auch bei der Intimasur mehr von dem betroffen, was der Sozialwissenschaftler Elmar Brähler als „verbindliche Intimästhetik“ und „Gestaltungsimperativ für die Schamregion“ bezeichnet hat. Eine ganze Industrie lebt von diesem Normierungscharakter. Marktführer Gillette versucht zwar, sich Frauen mit seiner Venus-Produktlinie als Erfüllungsgehilfe einer „perfekten Rasur“ anzudienen, stellt dabei aber auch immer klar, dass frau zu eben jener Rasur keine Alternative hat und haben sollte.

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Mit Rad und ihren glatten Beinen braucht Lisa sich also keine Sorgen zu machen? Was könnte sonst wohl passieren?

Auch „voll im Leben stehen“ und „auf die coolsten Partys gehen“ ist für Frauen mit behaarten Beinen leider nicht möglich.

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Die „Beine deines Lebens“ haben für Frauen haarfrei zu sein, weil Haare als unhygienisch, eklig und eine optische Zumutung betrachtet werden. Und auch wenn es nur Stoppeln sind, darf frau sich so trotzdem nicht an den Strand trauen.

Deswegen zeigt Werbung nicht etwa behaarte Beine, die mit dem entsprechenden Produkt rasiert werden, sondern glatte. Alles andere wäre ja Iiih. Und deswegen schickt Pro7 auch Leute los, die herausfinden sollen, ob frau fit für den Sommer ist. Soll heißen: Rasiert!

Wer jetzt noch glaubt, das es hierbei um Freiwilligkeit oder um einen Schönheitstrend ginge, bei dem frau problemlos entscheiden kann, ob sie mitmachen will oder nicht, der hört besser noch mal genau hin: „84% der Frauen haben sich vorbildlich rasiert. 16% haben uns eine haarige Katastrophe präsentiert.“ Oder schaut sich den übergriffigen Sat1 Reporter auf „Rasur-Mission“ an. Selbstverständlich sollte im Gegenzug Körperbehaarung auch nicht verpflichtend sein. Bei aller berechtigten Kritik am Haarentfernungsdiktat wird schnell übersehen, dass eine solche Entfernung auch ein subversiver oder ein selbstermächtigender Akt sein kann. Oder einfach nur eine persönliche Entscheidung, die niemanden etwas angeht. Trotzdem fällt auf, wie sehr der Hairy Legs Club unsere Sehgewohnheiten herausfordert.

http://hairylegsclub.tumblr.com/post/111405578164/i-stopped-shaving-in-october-2014-and-im-really

Und auch die Tatsache, dass eine junge Frau sich ein Jahr lang nicht ihre Körper- und Intimbehaarung entfernt, sollte eigentlich keine große Sache sein.

Ist es aber und genau da liegt das Problem. Haarentfernung hat es zu allen Zeiten in der Kulturgeschichte der Menschheit gegeben – und zwar geschlechterübergreifend. Die totale Ächtung von natürlicher weiblicher Körper- und Intimbehaarung scheint jedoch ein relativ neues Phänomen zu sein, das sich durch (soziale) Medien noch verstärkt. Wenn es bloß eine optionale Mode- und Geschmacksfrage wäre, gäbe es diesen Text nicht. Es ist aber mehr als das. Es ist wie so oft und immer wieder

eine Machtfrage.