Nach meinem Studium lernte ich auf einem langen Trip durch Ostafrika einen Mann kennen und verliebte mich sehr. Wir hatten eine Affäre, die ein paar intensive Besuche lang hielt. Zu der Zeit arbeitete ich in einer Werbeagentur als Texterin. Wenn ich zurück kam von einer meiner Reisen, dann waren die ersten Reaktionen meiner männlichen Kollegen Sprüche wie: „Na, wie war’s im Busch? Hat die Hütte gewackelt?“ Begleitet von anzüglichem Grinsen und ebensolchen Hand-, bzw. Gesichtsbewegungen. Anfänglich versuchte ich zu erklären, was der Mann für einer ist, und dass sie sich die entsprechende Fantasie bitte verkneifen mögen. Und wenn ich auf den eindeutig rassistischen Inhalt ihrer Kommentare hingewiesen habe, dann kam immer als Entgegnung: „Sei doch nicht so empfindlich war doch nur’n Witz!“

Irgendwann hab ich jede Form der Richtigstellung unterlassen. Auch heute noch. Wenn ich von dieser Zeit, in der ich wirklich einiges erlebt habe, erzähle, dann lasse ich den Eingangssatz „Ich hatte mal was mit einem Kenianer…“ einfach so stehen und überlasse die Leute ihrer Fantasie und ihrem sexuell aufgeladenen Rassismus. Auf entsprechende Kommentare reagiere ich humorlos.

2001 identifizierte die damalige Knallpressenkönigin Gloria von Thurn und Taxis in einer Talkshow lapidar einen Grund für das weltweite AIDS Problem: “ … weil der Schwarze halt gerne schnackselt“. Das sorgte für riesige Diskussionen, weil sie dies in einer Talkrunde tat, bei der Michel Friedmann der Gastgeber war. Und Friedmann war damals Vorsitzender des Zentralrats der Juden. Ich erinnere dies als die erste große mediale Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus.

Fast 20 Jahre später hat nun der Aufsichtsratschef des FC Schalke 04 und Fleischfabrikant Clemens Tönnies bei einer Rede die Finanzierung von Kraftwerken in Afrika als Mittel zur Bekämpfung der Klimakrise vorgeschlagen: „Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren.“ Der Aufschrei war massiv. Tönnies entschuldigte sich, wie man sich halt so entschuldigt, wenn man ertappt wurde aber eigentlich gar nicht weiß was los ist: „Ich stehe als Unternehmer für eine offene und vielfältige Gesellschaft ein. Meine Aussage zum Kinderreichtum in afrikanischen Ländern tun mir leid. Das war im Inhalt und Form unangebracht und falsch“, ließ er per Twitter über einen Unternehmenssprecher mitteilen. Der „Ehrenrat“ des FC Schalke 04 diskutierte lang über die Entgleisung und kam zu folgendem Ergebnis: Drei Monate müsse Tönnies sein Amt ruhen lassen. Mehr Zeit zum Nachdenken braucht er wohl nicht, denn seine Äußerungen seien zwar „diskriminierend aber nicht rassistisch“. Aha.

Weil das einigen Menschen nicht konsequent genug erscheint, und die Diskussion mit einer lahmen Pressemitteilung des FC Schalke 04 nicht erledigt war, fragte die BILD aufgeregt: „Regiert in Deutschland die Sprachpolizei?“. Die Spezialeinheit Political correctness ist noch gar nicht gegründet, da ist schon der zivile Ungehorsam am Start. Man wird ja wohl noch Mohrenköpfe und Zigeunerschnitzel essen dürfen und überhaupt „schnackselt“ der schwarze Mann eben wirklich gern. Da ist sie wieder aus dem Sumpf aufgestiegen, Glorias witzig formulierte Afrika Analyse. Die BILD fand damals übrigens für Frau Thurn und Taxis Aussagen klare Worte: „Degoutant“, die WELT aus dem gleichen Haus urteilte: „Kopfnote 5“.

Zwischen beiden Entgleisungen liegen 20 Jahre. Das alte Klischee des potenten Superman vom schwarzen Kontinent scheint immer noch Unterlegenheitsgefühle auszulösen. Manche Menschen entwickeln daraus entweder die unbegründete Gewissheit ihrer eigenen intellektuellen Überlegenheit und Disziplin, andere, meistens Männer, behelfen sich mit rassistischen Witzen. Weist man sie auf den destruktiven Inhalt hin, sehen sie Meinungsfreiheit, Speisekarten und vor allem Humor in Gefahr.  Meine Freundin, die Filmemacherin und Kuratorin Maike Höhne, entgegnete kürzlich der Sorge einiger Männer, wegen der Sprachpolizei bald keine blöden Witze mehr reißen zu dürfen mit einem schlichten: „Dann lachen wir halt mal ne Weile weniger, Jungs.“ Apropos Jungs. Mein jugendlicher Sohn liest überhaupt keine Zeitung, hat noch nie was von Gloria von Thurn und Taxis gehört, das Wort „schnackseln“ kennt er genauso wenig wie Schnitzel mit Dosenpilzen und Paprikastreifen in brauner Soße. Sein bester Freund ist schwarz, eine Freundin haben beide nicht. So betrachtet besteht also noch Hoffnung, dass sich ein Teil der Probleme einfach bald von selbst erledigt.