Lügen, Verleumdungen, Beschimpfungen, Gewaltandrohungen: Hass ist im Internet allgegenwärtig und wird mit zunehmender Vernetzung und direkter Kommunikationswege über soziale Medien zu einem immer größerne Problem. Wo früher am Stammtisch gelästert wurde oder der Aufwand betrieben werden musste, einen Leser*innenbrief zu verfassen und zur Post zu bringen, beschreitet man heute virtuell ganz neue Wege logistischer Hassverteilung. Dieses Phänomen ist real und betrifft immer mehr Menschen. Sie werden herabgewürdigt, verletzt und mundtot gemacht. Teilweise werden dabei auch die Grenzen des Internets gesprengt und die Betroffenen sehen sich konkreten Bedrohungen abseits der virtuellen Welt ausgesetzt. Aber selbst wenn dem nicht so wäre: Der Hass ist echt. Und es ist an der Zeit, ihn genau zu untersuchen und ihm zu Leibe zu rücken.

Die österreichische Journalistin Ingrid Brodnig tut genau das und widmet ihr zweites Buch dem Thema „Hass im Netz“. Sie ist damit im deutschsprachigen Raum eine der ersten, die sich mit dem Thema über die Schilderung von persönlicher Betroffenheit hinaus systematisch beschäftigt und wird sicher nicht die letzte sein. Denn auch wenn Brodnig eines der ersten Bücher dazu vorlegt, so gibt es gerade unter feministischen Aktivistinnen Expertinnen wie Jasna Strick oder Yasmina Banaszczuk, die schon seit geraumer Zeit über „Hate Speech“ Vorträge halten und publizieren. Für „Hass im Netz“ ist dieser Umstand sehr wichtig, denn das Buch stellt zwar einen durchaus gelungenen, niedrigschwelligen Einstieg in die Materie dar, behandelt sie aber keineswegs erschöpfend. Brodnigs Verdienst ist es, durch klare Strukturierung, gut verständliche Belege aus der Wissenschaft und klug gewählte Vergleiche auch die Menschen für das Thema zu interessieren, die vorher kaum oder gar nicht damit in Berührung gekommen sind.

Eindrücklich weist sie beispielsweise auf die Problematik der Asynchronizität und die Möglichkeit zur „emotionalen Fahrerflucht“ hin: „Wer einen hasserfüllten Kommentar verfasst, bekommt oft kein unmittelbares Feedback. Man muss sich also nicht sofort damit beschäftigen, was die eigenen Worte anrichten.“ Außerdem stellten virtuelle Entitäten für viele keine konkreten Personen dar und seien deshalb leichter abzuwerten und anzugreifen. Diejenigen, die solche Dinge schreiben, könnten  vor der emotionalen Verantwortung für ihr Handeln einfach fliehen. Brodnig stellt in diesem Zusammenhang  auch Forschungsergebnisse vor, die klar belegen, wie eine persönliche Gegenüberstellung mit Augenkontakt dazu führt, dass die enthemmte Sprache in der vermeintlichen Anonymität des Internets nicht aufrechterhalten werden kann. Die Kampagne #morethanmean bedient sich gerade auf beeindruckende Weise dieses Umstands.

Männer lesen in Tweets gegossenen Hass auf Sportmoderatorinnen in deren Gesichter. Obwohl sie diese nicht selbst verfasst haben, nimmt es sie sichtlich mit. Einige entschuldigen sich. Einer spricht es direkt aus: „Ich habe Schwierigkeiten, dich anzusehen, während ich DAS vorlese.“

Über diese emotionale Ebene hinaus treibt Ingrid Brodnik vor allem als Journalistin die Tatsache um, dass dem Hass mit Faktizität und Belegen nicht beizukommen ist.

Selbst wenn es zahlreiche Beweise dafür gibt, dass bei einem Pegida Aufmarsch in Wien der Hitlergruß gezeigt wurde, hagelt es im Anschluss an die Berichterstattung von ihr und ihren Kolleg*innen Vorwürfe: Alles Lüge! Hetze! Von der Politik gekaufter Journalismus! Wie, so fragt sich die Autorin, soll gesellschaftliche Kommunikation da überhaupt noch möglich sein? Wenn man nicht mehr nur über die Bewertung von Fakten streitet (Waren das jetzt Pegida Anhänger oder eine eigenständige Nazigruppe?), sondern über deren Existenz. Hass wird durch den Gedanken befördert, gegen andere im Recht zu sein. Wird dieses Rechthaben allerdings von jeglicher Faktizität entkoppelt, glauben die Betreffenden immer Recht zu haben – egal was und wieviel dagegen spricht. Das macht die Lösungsansätze, die Brodnig am Ende ihres Buches anbietet, auch nicht gerade einfacher durchzuführen.

Und noch etwas fällt auf: Mag der fehlende Blick für Details auch mit der Niedrigschwelligkeit zu erklären sein, an manchen Stellen schmerzt er. So wählt Brodnik in ihren Beispielen für Hasskommentare mehrheitlich Hass gegen Frauen, kommentiert dies aber nicht. Darüber, dass und warum Hass im Netz so häufig von Männern ausgeht und sich vor allem gegen Frauen und Minderheiten richtet, hätte sie mehr Worte verlieren müssen. Auch ihr Typologisierungsversuch, der zwischen „Trollen“ und „Glaubenskriegern“ unterscheidet, greift deutlich zu kurz. Schon 2014 hat die bereits erwähnte Yasmina Banaszczuk das wesentlich differenzierter dargestellt. Hass im Netz wird unter anderem auch von denjenigen befördert, die sich mit Kommentaren wie „Ich nehm mir mal Popcorn“ von Übergriffigkeiten unterhalten lassen und dabei so tun, als sei das alles ein fiktives Fernsehspiel. Hass ist aber kein Spiel. Auch online nicht. Hass geht von echten Menschen aus und wird gegen echte Menschen gerichtet. Und es ist höchste Zeit, etwas dagegen zu unternehmen.

Hass im Netz, erschienen im Brandstätter Verlag. 232 Seiten, 17,90 €.